13.03.2009, 15:19 Uhr | Von Vinita Mehta, Spiegel Online
Katastrophen, Unfälle, Gewaltverbrechen: Wenn Menschen zu Zeugen des Grauens werden, sind Psychologen meist schnell zur Stelle, um mit der Behandlung zu beginnen. Insbesondere Langzeit-Trauertherapien haben sich zu einem lukrativen Geschäft entwickelt - doch ihr Sinn ist oft zweifelhaft.
Wenn ein Mensch durchdreht, zur Waffe greift und tötet, dauert es oft nur wenige Stunden, bis Psychologen aktiv werden. Manche wagen Ferndiagnosen über den Täter, ohne diesen jemals auch nur zu Gesicht bekommen zu haben.
Gewerkschaft will 1600 Schulpsychologen
Der Münchner Psychologe Wolfgang Schmidbauer etwa hat dem Amokläufer von Winnenden in der "WAZ" eine narzisstische Störung attestiert. In der "Bild"-Zeitung sekundierte der Jugendpsychiater Michael Winterhoff. Der Psychologe und Trauma-Spezialist Christian Lüdke forderte die Schließung der betroffenen Schule, da man die Schüler nicht erneut dem Ort des Traumas aussetzen solle. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft forderte gar die Einstellung von nicht weniger als 1600 Schulpsychologen allein in Baden-Württemberg.
Sofort sind Krisenberater zur Stelle
Nur: Wann Psychologen bei der Bewältigung traumatischer Erlebnisse helfen können und wann sie womöglich gar Schaden anrichten, wird unter Fachleuten heftig diskutiert. Wenn es zu einem Massentrauma kommt - ausgelöst etwa durch einen Amoklauf, einen Terroranschlag oder einen schweren Unfall - sind sofort zahlreiche Krisenberater zur Stelle. In Zelten werden die Betroffenen versorgt, überall ist von den vermeintlich normalen Anzeichen von Schock und Trauer die Rede.
Belastungsstörungen verhindern
Das entspricht zunächst der verbreiteten Lehrmeinung unter Psychologen. Die lautet, dass es hilfreich ist, mit den Betroffenen möglichst schnell über ihre Erlebnisse zu sprechen, um die Entwicklung einer langfristigen Posttraumatischen Belastungsstörung, kurz PTBD, zu verhindern. Doch inzwischen deutet einiges darauf hin, dass die Soforthilfe weniger effektiv ist als vermutet und in dieser Hinsicht weit hinter konventioneller Psychotherapie zurückbleibt. Noch umstrittener ist die Langzeit-Behandlung, wenn es etwa um die Verarbeitung des Verlustes eines Angehörigen geht.
Depression und Tränen - der normale Trauerprozess
Traditionell sehen Psychotherapeuten Depressionen, soziale Zurückgezogenheit und eine Menge Tränen als Teile des normalen Trauerprozesses: Man müsse sich durch das Erlebte hindurcharbeiten, um am Ende geläutert aus dem Prozess hervorzugehen. Dies beinhaltet auch, über den Verlust zu sprechen, ihm eine Bedeutung zu geben und irgendwann mit dem Erlebten abzuschließen.
Oft keine Langzeit-Symptome bei Trauernden
Doch in den vergangenen Jahren haben immer mehr Studien in Frage gestellt, inwieweit eine langfristige therapeutische Trauerarbeit überhaupt notwendig ist. Denn eine Posttraumatische Belastungsstörung werde nur bei fünf bis zehn Prozent der Trauernden diagnostiziert, schrieben etwa die US-Psychologen George Bonanno und Scott Lilienfeld kürzlich im Fachblatt "Professional Psychology: Research and Practice" - auch wenn die Wahrscheinlichkeit von Traumasymptomen in den ersten 25 Monaten nach dem Verlust steige, wenn er etwa mit einem Gewaltverbrechen verbunden war.
Das "Loslassen" gehört dazu
Auch erhöhte Trauersymptome wie starke, lang anhaltende Depressionen beobachte man nur bei etwa zehn Prozent der Betroffenen, so die Forscher. Das eigentlich Überraschende: Rund die Hälfte aller Verlustopfer zeige überhaupt keine lang anhaltenden Symptome, nicht einmal eine milde Depression. Auch das "Loslassen" eines Verstorbenen wird oft als Teil eines gesunden Trauerprozesses genannt. Doch auch das haben Studien zuletzt in Frage gestellt: Viele derjenigen, die am besten mit einem Verlust fertig geworden sind, spürten oft auch lange nach dem Ableben eines Angehörigen eine emotionale Verbindung zu ihm.
Florierendes Geschäft für Therapeuten
Solche Erkenntnisse halten manchen Therapeuten freilich nicht davon ab, Trauernde jahrelang zu behandeln. Insbesondere in den USA floriert das Geschäft mit der lädierten Psyche. Der Harvard-Psychologe William Worden etwa hat 1982 ein Standardwerk über die Trauertherapie geschrieben, das inzwischen in der dritten Ausgabe verkauft wird. Darin empfiehlt er auch, die Behandlung auf acht bis zehn Sitzungen zu beschränken. Doch viele Therapeuten benutzen Wordens Theorien, um ihren Patienten zu erklären: Die Therapie dauert so lange, wie sie eben dauert. Inzwischen hat selbst Worden öffentlich kritisiert, dass sein Buch als Rechtfertigung für Endlos-Behandlungen verwendet wird, die für den Patienten teuer, für den Therapeuten dagegen äußerst lukrativ sind.
"Ist Trauertherapie wirklich hilfreich?"
Bonanno geht noch einen Schritt weiter und stellt die Trauertherapie grundsätzlich in Frage. "Ich weiß nicht, ob sie überhaupt hilfreich sein kann", so der Forscher. "Zumindest nicht, ehe diese Berater erklären, was sie überhaupt zu tun versuchen." 2007 gab die US-Regierung eine Studie in Auftrag, die klären sollte, wie wirksam die Therapien für traumatisierte Kriegsveteranen sind. Ein Komitee der National Academy of Sciences analysierte insgesamt 90 Studien über pharmazeutische und psychotherapeutische Methoden gegen Posttraumatische Stressstörungen. Das Ergebnis: Niemand weiß genau, ob oder wie gut sie wirken. "Bei den meisten Behandlungen", so die Experten, "gibt nicht genug verlässliche Hinweise, um eine Aussage über die Effektivität zu treffen."