vom Tue Feb 09 12:01:48 CET 2010 | Von Angelika Röpcke, dpa
Der Angeklagte im Landgericht in Aschaffenburg (Foto: ddp)Die Hände hat der Angeklagte gefaltet in seinem Schoß liegen. Der Oberkörper ist zusammengesunken, als der 19-Jährige vor dem Landgericht Aschaffenburg erzählt, wie er im vergangenen Sommer auf seine älteren Schwestern einstach, die ausziehen wollten. Die Staatsanwaltschaft wirft dem in Aschaffenburg geborenen Türken Mordversuch und gefährliche Körperverletzung vor. Seine 22-jährige Schwester war durch zwei Messerstiche in Rücken und Bauch lebensgefährlich verletzt worden, die andere Schwester (21) erwischte der damals 18-Jährige einmal mit dem Messer.
Blass ist der junge Mann mit dem schwarzen Rolli, seine Stimme ist zunächst sehr leise, fast schüchtern. Nach und nach wird der Angeklagte mutiger, als er der Jugendkammer vom Tattag berichtet. "Ich hatte nicht vor, die umzubringen." Er habe sich gestresst gefühlt, als sich die jungen Frauen mit der Mutter stritten. "Ich weiß nicht, was in dem Augenblick in mich gefahren ist. Ich hab' halt einfach zugestochen."
Etwa eineinhalb Stunden lang beantwortet der 19-Jährige die Fragen der Richter und des psychiatrischen Sachverständigen. Immer wieder erzählt er von Erinnerungslücken. "Wir sind eigentlich so wie Ihr Deutschen." Aber wenn die Töchter einer muslimischen Familie ausziehen wollten, sei dies nicht schön. Er habe in der sechsköpfigen Familie die Vaterrolle übernommen, den Schwestern Verbote erteilt.
Immer wieder verteidigt der Angeklagte seine 42 Jahre alte Mutter. Sie habe die jungen Frauen beschützen wollen - deshalb durften sie an dem heißen Julitag nicht die elterliche Wohnung verlassen.
Die Vorsitzende Richterin Karin Offermann hat Zweifel an den Aussagen des 19-Jährigen und beruft sich auf dessen Worte bei der polizeilichen Vernehmung. Damals habe der Angeklagte gesagt, türkische Mädchen wüssten, sie dürften nur bei einer Heirat ausziehen. Er habe den Schwestern eine Lektion erteilen wollen, zitierte Offermann aus den Akten.
Zu Prozessbeginn will der Angeklagte davon nichts wissen. Er könne sich nicht erinnern. Nur eines weiß er ganz genau: Seine Schwestern seien auf die Mutter losgegangen. "Ich lass' meine Mutter nicht rumschubsen." Möglicherweise habe ihn diese Situation dazu gebracht, zuzustechen. "Ich wollte hauptsächlich meine Mutter beschützen."
Die Opfer sollten am Dienstagnachmittag vom Tattag berichten. "Wir wollen ausziehen, lasst uns endlich", sollen die Mädchen damals nach Worten des Angeklagten gesagt haben. Irgendwann eskalierte die Situation. Erst der Vater konnte seinen Sohn stoppen. Für den Prozess sind zunächst vier Verhandlungstage angesetzt.
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