Erfunden wurde Powerpoint-Karaoke von der "Zentralen Intelligenz Agentur" in Berlin
Sie schwafeln nach Herzenslust und bluffen, was das Zeug hält: Wer bei Powerpoint-Karaoke mitmacht, muss nicht den Elvis geben oder "My Way" nachsingen, sondern aus dem Stegreif zu Folien referieren, die er noch nie im Leben gesehen hat. Erfunden wurde der skurrile Freizeitspaß vor drei Jahren in Berlin, wo Powerpoint-Karaoke sogar als abendfüllendes Bühnenprogramm angeboten wird. Inzwischen haben die Spontanvorträge auch im Ausland ihre Fans.
Egal ob Businessmeeting, Uni-Seminar oder Vereinssitzung: Kaum ein Vortrag kommt noch ohne das Microsoft-Computerprogramm Powerpoint aus. Doch wer schon mal in einer Endlospräsentation festsaß, weiß, wie sehr die fliegenden Buchstaben und bunten Graphiken nerven können. Auch Holm Friebe hatte irgendwann die Nase voll von nebulösen Worthülsen, die viele vermeintliche Experten auf Folien bannen.
Präsentationen ad absurdum führen
Er kam auf die Idee, die Präsentationen in einen völlig neuen Zusammenhang zu stellen und somit ad absurdum zu führen. Gemeinsam mit anderen Journalisten und Künstlern von der "Zentralen Intelligenz Agentur" entwickelte er in Berlin ein Konzept für Powerpoint-Karaoke.
Blufferqualitäten gefragt
Die Spielregeln sind einfach: Fünf Minuten hat der Freiwillige Zeit, um aus einer ihm völlig unbekannten Präsentation einen packenden Vortrag zu machen. Je abwegiger das Thema, je wirrer die Graphiken, desto lustiger. Vor der Jury besteht nur, wer sich von den immer neuen Folien inspirieren, aber nicht aus dem Konzept bringen lässt. "Gefragt sind klassische Blufferqualitäten", sagt Friebe.
Viel Phantasie gefragt
Denn so unfreiwillig komisch die im Internet aufgespürten Präsentationen aus Managerkreisen, Jungjägervereinen oder Pädagogenzirkeln oft sind - wichtiger sei, was der Vortragende daraus mache, sagt Friebe. Er erinnert sich zum Beispiel an eine geniale Präsentation, in der die "Brotkultur in Europa" als Metapher für Sex umgedeutet wurde - das Publikum lag am Boden vor Lachen. Viel Phantasie brauchte es auch, sich zu den China-Kontakten der Industrie- und Handelskammer in Bochum oder zum "Ökosystem Pansen" etwas Spannendes einfallen zu lassen.
Jeder kann sich als Experte ausgeben
Egal, welche Slides - neudeutsch für Folien - gerade auf die Leinwand projiziert werden: "Man lässt sich auf ein Gleis ein, und dann muss man sich eiskalt durchlächeln", sagt Friebe. Er wundert sich manchmal, wie gut auf der Bühne gelabert und geblendet wird und zieht daraus seine eigenen Schlüsse: "Mit den richtigen Waffen kann sich jeder als Experte ausgeben."
Eigene Vortragskultur geschaffen
Powerpoint, so bestätigt der Berliner Medienpsychologe Jo Groebel, habe eine eigene Sprache, eine eigene Vortragskultur geschaffen. Das Programm sei bei Vorträgen einerseits ein "grandioses Hilfsmittel". Doch auch Groebel hat beobachtet, wie komplexe Sachverhalte auf wenige "Bullet points" eingedampft und Zuschauer mit knackigen Slogans oder bunten Cliparts eingelullt werden. "Manchmal hat man den Eindruck, dass der Inhalt der Form folgt und nicht umgekehrt", sagt er.
Völlig unsinnige Vorträge
Groebel glaubt, dass das Publikum bei der Powerpoint-Karaoke gerade deshalb so herzhaft lachen kann. Mit Powerpoint assoziiere man als erstes Geschäftsfrauen in Kostümchen und Manager mit schmalen Krawatten. "Und dann kommt ein völlig unsinniger Vortrag."
Schweizer und Japaner sind auf den Geschmack gekommen
Friebe wiederum genießt jedesmal den Einblick in eine Expertenwelt, in die er sonst keinen Einblick hat. "Man versucht sich, per Kopfkino den Zusammenhang klarzumachen, in der eine Präsentation gehalten wurde und auch wie das Publikum darunter gelitten haben muss." Inzwischen sind auch manche Schweizer und Japaner auf den Geschmack gekommen, wie Friebe erzählt. Auch sie durchforsten nun eifrig das Internet - auf der Suche nach kuriosen Präsentationen für den nächsten Abend mit Powerpoint-Karaoke.