
06.06.2011, 11:04 Uhr | Hasnain Kazim, Chitral
Das Polofeld in Shandur gilt als der höchste Sportplatz der Welt: Er liegt auf 3700 Meter Höhe (Foto: Reuters) (Quelle: Reuters)
Wer früher beim Polo verlor, dem wurde der Kopf abgeschlagen. Das Turnier von Shandur, legendäres Sport-Event am Hindukusch, ist bis heute dramatische Kulisse für politische Verhandlungen - diesmal soll es dort zwischen den USA und Pakistan zu entscheidenden Gesprächen kommen.
Das Pferd galoppiert über sandigen Boden und zieht eine Staubwolke hinter sich her. Ein Mann hängt am Hals des Tieres, er krallt sich mit der linken Hand an der Mähne fest, in der rechten hält er einen Weidenstock mit Holzkopf. Bei voller Geschwindigkeit holt er mit dem Schläger aus und trifft den weißen Holzball mit einem satten "Tock".
"Guuuuut!", ruft Mohammed Ayaz. Reiter und Pferd traben auf den Mann am Spielfeldrand zu. Das Tier schnauft, sein Fell glänzt so weiß wie der Schnee auf den Bergkuppen im Hintergrund. Ayaz klopft ihm auf den Hals, die Fasanenfeder an seiner weißen Paschtunenmütze wippt mit jedem Schlag. "Aber wir müssen sehen, ob dieses Pferd taugt. Ist ja jetzt schon ganz außer Atem."
Ayaz, 69, ist der Trainer der Polomannschaft von Chitral, einem Städtchen im äußersten Nordwesten von Pakistan, in der Provinz Khyber Pakhtunkhwa. Das Chitral-Tal liegt auf etwa 1100 Metern Höhe, von hier aus sieht man den Tirich Mir, den mit 7708 Metern höchsten Berg des Hindukusch. Bis nach Afghanistan sind es höchstens 30 Kilometer, weshalb die Region Chitral den Ruf hat, Rückzugsort der Taliban zu sein. Auch Osama bin Laden soll hier nach Überzeugung der CIA eine Zeit lang gelebt haben. "Alles Quatsch", sagt Ayaz. "Das ist die friedlichste Gegend der Welt. Die einzigen Kämpfer, die wir hier haben, sind unsere Polospieler."
Im Juli haben sie ihren großen Auftritt. Dann findet auf dem höchsten Spielfeld der Welt das legendäre Poloturnier statt, bei dem alljährlich Chitral auf Gilgit trifft. Gilgit, das ist das andere Bergstädtchen mit einer langen Polotradition, es liegt knapp 300 Kilometer östlich von Chitral, im Karakorum-Gebirge. Der Shandur-Pass verbindet die beiden Orte, und mitten auf dieser Strecke liegt das Spielfeld auf einem Hochplateau - 3700 Meter über dem Meeresspiegel.
Kein anderer Sportplatz ist dem Himmel so nah, der Wettkampf heißt deshalb auch "Turnier vom Dach der Welt". "Da ist die Luft dünn", sagt Ayaz. "Wenn ein Pferd hier schon Probleme hat, kann es dort schwierig werden."
Das Poloturnier in Shandur ist weltberühmt, hier treffen Sport und Politik aufeinander. Die Mächtigen der Welt oder ihre Unterhändler schauen zu, wie auf dem Feld Helden gemacht werden. Nebenbei verhandeln sie die Geschicke der Welt: Hier vereinbarte der pakistanische Militärdiktator Zia ul-Haq in den Achtzigern mit den Amerikanern milliardenschwere Waffenlieferungen an die Mudschahidin, die die Rote Armee in Afghanistan bekämpfen sollten. Es war der Anfang vom Ende der Sowjetunion. Hier besprach der Militärherrscher Pervez Musharraf mit US-Vertretern den Anti-Terror-Krieg. Und hier soll auch in eineinhalb Monaten das Verhältnis zwischen Amerika und Pakistan gekittet werden, das seit dem Schlag gegen Osama Bin Laden in Abbottabad gelitten hat.
Washington wirft Islamabad vor, dass zumindest Teile der Regierung, der Armee oder des Geheimdienstes ISI von Bin Ladens Aufenthaltsort gewusst haben mussten, sonst hätte er nicht mehr als fünf Jahre in Abbottabad und in unmittelbarer Nähe wichtiger Militäreinrichtungen leben können. Pakistan wiederum fühlt sich bloßgestellt durch die eigenmächtige US-Aktion, durch das Eindringen in pakistanischen Luftraum und die Verletzung der staatlichen Souveränität. Washington hat Islamabad erst nach vollendetem Einsatz darüber informiert. Pakistan beklagt zudem die Drohnenangriffe im Westen des Landes, bei denen auch Zivilisten sterben, sowie Geheimoperationen der CIA in Pakistan.
Doch die beiden Länder sind im Anti-Terror-Krieg aufeinander angewiesen, deshalb war US-Senator John Kerry jetzt in Islamabad, auch Hillary Clinton kam zu Gesprächen. "Vielleicht kommt ja mal einer aus Washington zum Poloturnier?", hofft Trainer Ayaz. "Obwohl es ja eigentlich angenehmer ist, wenn keine Prominenz auftaucht. Dann gibt es nicht so viele Soldaten und Bodyguards und Personenkontrollen, alles ist etwas entspannter."
Zehn Tage lang werden sie von Chitral unterwegs sein, die Pferde, die Spieler, die Knechte, die Betreuer. Von Gilgit aus werden sie sogar drei Wochen nach Shandur aufsteigen, der Weg ist zwar kürzer, aber steiler. "Wir müssen uns und die Pferde langsam an die Höhe gewöhnen", sagt Spieler Rafi Ullah aus Chitral. "Außerdem gibt es dort extreme Temperaturstürze, heiße Tage und eisige Nächte. Das ist für uns alle nicht einfach."
Es ist eine abenteuerliche Strecke, über fußbreite Trampelpfade, durch Schneisen, die durch fünf Meter hohes Eis geschlagen sind, auf holprigen Wegen, die an 500 Meter tiefen Abgründen entlang führen. Aus ganz Pakistan werden Händler, Musiker, Köche, Schlachter, Bäcker, Friseure den Weg auf sich nehmen und Shandur, wo sich neben der außerhalb der Turnierzeit verwaisten Rasenfläche nur ein heruntergekommenes Hotel und ein Gefängnis befinden, in einen brodelnden Ort verwandeln, in dem tagsüber gespielt und Politik gemacht und nachts gefeiert, getanzt, gegessen wird. Auch Whisky, in der islamischen Republik Pakistan illegal, fließt in Strömen. Und wenn der Mond scheint, wird auch nachts gespielt, dann nur zum Spaß.
Früher wurden die Verlierer geköpft
"Vor dem 11. September 2001 kamen mehr als 15.000 Gäste aus aller Welt, vor allem aus Amerika und aus England", erzählt Soldat Waqas Khan, der während des Turniers Wache schieben wird. "Jetzt kommen, wenn überhaupt, gerade mal die Hälfte, überwiegend aus dem Inland." Für die Besucher gibt es, je nach Geldbörse, einfache bis luxuriös ausgestattete Zelte. Einfache Dorfbewohner übernachten in dicke Wolldecken eingehüllt unter freiem Himmel. Viele Familien aus Städten wie Peschawar oder Islamabad reisen per Jeep an, die Fahrt von dort dauert zwei Tage. Politiker und VIPs bleiben eh nicht über Nacht, sie kommen und gehen per Hubschrauber.
Seit 1936 tragen Chitral und Gilgit diesen Wettkampf aus, der zunächst ein Kräftemessen von Amateuren war. Heute sind die Spieler überwiegend Soldaten, Polizisten und Beamte, die von ihrem Dienst freigestellt sind, um ausschließlich Polo zu spielen. Es ist ein rauer Sport, jedes Jahr gibt es Verletzte, jedes Jahr sterben ein, zwei Pferde. "Die einzige Regel, die es gibt, lautet: Es gibt keine Regeln", sagt Ayaz und lacht. Polo, das aus Zentralasien stammt und einst ein Training für die Kavallerie war und später zum Spiel der Könige wurde, gibt es hier noch in seiner ursprünglichen Form: sechs Spieler auf jeder Seite, kein Pferdewechsel, nur einmal eine Pause nach 25 Minuten. Jede Mannschaft versucht, den weißen Ball in das gegnerische Tor zu schießen. Das neunte Tor entscheidet. Nur Schläge auf den Kopf des Gegners sind verboten.
Früher, erzählt man sich, wurden die Verlierer geköpft. Heute müssen sie die gegnerische Mannschaft zum Essen einladen. Was die Engländer aus diesem Spiel gemacht haben, mit ständigen Pausen und Wechsel der Pferde, um die Tiere zu schonen, sei "Kinderkram", sagen die Menschen in Nordpakistan.
Streit um Geld und zwischen Sunniten und Schiiten
Gilgit war immer der Favorit, aber bei den vergangenen fünf Turnieren hat immer Chitral gewonnen, sagt Ayaz. Seine Augen leuchten, als er das erzählt. Polo ist sein Leben, 1962 hat er mit diesem Sport angefangen, angespornt durch seinen Vater, einem hohen Beamten in Chitral. Damals war er 20. 1966 und 1967 gehörte er zum Stammteam, bis 1995 war er immer wieder in Shandur im Einsatz. Seither ist er Trainer - und eine Berühmtheit in Chitral.
Nur im vergangenen Jahr mussten sie gegen eine improvisierte Mannschaft spielen in Shandur, weil das Team von Gilgit kurzfristig seine Teilnahme abgesagt hatte. Es gab mal wieder Streitereien in der Mannschaft zwischen Sunniten und Schiiten, die sunnitische Mehrheit wollte keine schiitischen Spieler dulden. Außerdem beansprucht Gilgit den Ort Shandur und die mit dem Turnier verbundenen Einnahmen für sich. Shandur gehört aber zum Distrikt Chitral. Es sei unfair, dass immer nur Chitral an dem Sportereignis verdiene, schimpfen sie in Gilgit. Derzeit beschäftigen sich die Gerichte damit.
Das Turnier spiegelt die Lage Pakistans wider: ein im Kern fröhliches Ereignis, das ein Erfolg werden könnte, wären da nicht die Scherereien zwischen religiösen Gruppierungen und der Streit um Geld. "Inschallah wird das Turnier stattfinden", sagt Mohammed Ayaz. "Allein wegen der Politik müssen wir es auf die Beine stellen, wir wollen den amerikanischen Gästen etwas bieten."
Ansonsten sehe er die Gefahr, dass Amerika Pakistan doch noch zum Schurkenstaat erklärt.
Quelle: Spiegel Online
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