vom Tue Nov 18 14:07:29 CET 2008 | aktualisiert am Tue Nov 18 17:49:45 CET 2008
Die "Sirius Star" befindet sich in den Händen von Piraten (Foto: AFP)Ein so großes Schiff wurde am Horn von Afrika noch nie gekapert: Somalische Piraten brachten vor der Küste Kenias den saudischen Supertanker "Sirius Star" mit zwei Millionen Barrel Rohöl an Bord in ihre Gewalt. Mittlerweile sind die Seeräuber mit dem Tanker vor der somalischen Hafenstadt Harardere vor Anker gegangen. Die Stadt befindet sich in der halbautonomen Region Puntland.
Der erst im März vom Stapel gelaufene Tanker ist 330 Meter lang und erreicht damit die Dimension von US-Flugzeugträgern. Seine Ladung ist 100 Millionen Dollar wert, an Bord waren 25 Mann Besatzung. Zwei Millionen Barrel Öl entsprechen rund einem Viertel der täglichen Röhol-Förderung in Saudi-Arabien oder dem Tagesverbrauch Frankreichs. Die Piraten kaperten die "Sirius Star" am Samstag unweit der kenianisch-tansanischen Grenze, fern der als extrem gefährlich geltenden somalischen Küstengewässer. Dort sichern mittlerweile Kriegsschiffe mehrerer Länder die Schifffahrtswege. Auch die Bundeswehr könnte sich bald mit einer Fregatte an der Piratenjagd beteiligen.
Die Schiffe der US-Marine und Frankreichs, NATO-Schiffe und demnächst auch mehrere Kriegsschiffe der EU konnten die Zahl der Überfälle in den vergangenen Wochen zwar senken, aber nicht vollständig stoppen. Die EU-Mission am Horn von Afrika soll im Dezember beginnen. Ob dann auch deutsche Schiffe dabei sein werden, ist nicht sicher: Noch konnte die Frage nicht endgültig geklärt werden, ob die Bundeswehr auch Polizeiaufgaben übernehmen darf - also etwa Verbrecher jagen und festnehmen.
NATO kann Geiseln nicht befreien
Die NATO erklärte, sie habe derzeit keine Pläne, den Tanker und seine Besatzung aus den Händen der Piraten zu befreien. Sprecher James Appathurai erklärte, das Mandat der NATO beziehe sich nicht auf Schiffe, die außerhalb des patrouillierten Gebiets entführt würden. Derzeit patrouillieren im Golf von Aden drei Kriegsschiffe, um Piraten abzuschrecken.
Gekaperter Supertanker auf dem Weg nach Somalia (Grafik: dpa)
Piraten weiten die Kampfzone aus
Mit dem Überfall auf die "Sirius Star" haben die Freibeuter angesichts der zahlreichen Patrouillen vor Somalia neue Wege eingeschlagen. Nun schlagen sie auch in bisher als sicher geltenden Gewässern zu: Eine Ausweitung der Kampfzone hat begonnen.
Militärischer Befreiungsschlag riskant
Von so viel Dreistigkeit zeigt sich auch Admiral Mike Mullen vom Generalstab der US-Marine beeindruckt. "Sie sind sehr professionell", sagt er, und klingt dabei fast widerwillig bewundernd. Ausgezeichnet bewaffnet, exzellent vorbereitet und strategisch erfolgreich hätten die Piraten den Tanker mit der millionenschweren Ladung gekapert. Die Lösegeldforderung dürfte entsprechend hoch ausfallen. Ein militärischer Befreiungsschlag gilt mit Blick auf die Sicherheit der 25 Mann Besatzung an Bord des Schiffes als riskant. So übten die Kriegsschiffe denn auch am Dienstag Zurückhaltung.
"Piraterie ist wie Terrorismus"
Der saudi-arabische Außenminister Prinz Saud al-Feisal verurteilte den Piraten-Überfall auf das Schärfste. "Es ist eine abscheuliche Tat", sagte Al-Feisal. "Die Piraterie ist wie der Terrorismus eine Plage, die uns alle bedroht und gegen die wir alle gemeinsam vorgehen müssen", fügte er hinzu.
Küste Somalias ohne Kontrolle
Allein ein Drittel der Piratenüberfälle weltweit geht nach Angaben des Internationalen Seefahrtbüros auf das Konto der Seeräuber am Horn von Afrika. Der Krisenstaat Somalia, von Clanstreitigkeiten und Bürgerkrieg innerlich zerrissen und seit 1991 ohne eine funktionierende Regierung, hat keine eigene Küstenwache.
Piraterie wichtigster Wirtschaftszweig der Region
Die puntländische Regierung hat inzwischen die Todesstrafe für Piraterie eingeführt, aber noch kein Todesurteil vollstreckt. Selbst Regierungsmitglieder geben zu, dass Korruption ein Problem ist und die Seeräuber ihre Informanten und Helfer auch unter den Beamten des bitterarmen Landes finden. Gerne stellen sich die Piraten, die mit automatischen Waffen und Satellitentelefon im Einsatz sind, als moderne Robin Hoods vor, die eigentlich nur die Interessen somalischer Fischer vor ausländischer Konkurrenz verteidigen. Doch auch wenn es vor Jahren noch um die somalischen Fischgründe ging, inzwischen ist das lukrative Geschäft mit gekaperten Schiffen und entführten Seeleuten der wichtigste Wirtschaftszweig der Region.
Seeräuberei in Somalia gesellschaftsfähig
Die modernen Seeräuber, die allein in diesem Jahr mehr als 60 mal vor der Küste Somalias zuschlugen, gelten dank der Millioneneinnahmen aus dem erpressten Lösegeld als Rollenvorbilder und wirtschaftlich erfolgreiche Macher-Typen. Im bitterarmen, von Gewalt, Anarchie und Bürgerkrieg geprägten Somalia gilt die moderne Seeräuberei durchaus als gesellschaftsfähig. Wenn die Somalier von den Piraten sprechen, klingt nicht selten Bewunderung mit: "Sie haben die schönsten Frauen, die schnellsten Autos und die besten Waffen."
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