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"Vergessen Sie nicht, dass ihr Kind dem Staat gehört"
14.10.2009, 11:31 Uhr | von Sylke Köhler
"Mein Name ist Sylke Köhler, ich bin am 22. April 1966 geboren und lebte bis zu meinem 23. Lebensjahr in Erfurt. Am 9. November 1989, am Tag des Mauerfalls, saß ich mit meinem damals vierjährigem Sohn quasi auf zwei gepackten Koffern in der Zwei-Raum-Wohnung meiner Großeltern und wartete seit bereits acht Tagen darauf, von der Stasi den endgültigen Bescheid zu bekommen, wann wir das Land verlassen könnten.
Meinen Ausreiseantrag hatte ich im Juli 1988 gestellt und bis dato etliche Schikanen der Stasi über mich ergehen lassen müssen. Die Stasi zwang mich letztlich, meine Wohnung innerhalb von zwei Wochen zu räumen und auf meine Frage, wo ich denn mit meinem Kind dann unterkommen soll, hat man mir damals geantwortet: 'Sie sind ein Staatsfeind. Das interessiert uns nicht.'
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Nerven lagen blank
Ich weiß nicht, ob sich heute noch jemand vorstellen kann, wie schwierig es war, eine Wohnung in so kurzer Zeit in der DDR zu räumen. Meine Nerven lagen blank. Seit etlichen Monaten hatte man mir das Leben richtig schwer gemacht und mit niemandem konnte ich darüber reden. Die Stasi hatte mir gedroht, das meine ganze Familie darunter zu leiden hätte, wenn ich mit irgend jemandem über meinen Ausreiseantrag sprechen würde. Auch drohte sie mir mit folgenden Worten: 'Vergessen Sie nicht, dass iIhr Kind dem Staat gehört, also schweigen Sie über alles, was in Zusammenhang mit Ihrer Ausreise steht.'
Antrag am 1. November '89 genehmigt
Am 1. November 1989 bekam ich von der Stasi ein Schreiben, dass mein Ausreiseantrag genehmigt ist und ich noch Bescheid bekäme, an welchem Tag ich das Land zu verlassen habe. Also saß ich am 9. November 1989 völlig entnervt seit Tagen in der Wohnung meiner Großeltern und verfolgte wie immer im Fernsehen, welche Tragödien sich seit dem Sommer abspielten.
Die Angst im Nacken
Als dann am späten Abend die Nachricht über den Bildschirm flimmerte, dass die Grenze geöffnet ist, habe ich es erst nicht geglaubt. Aber das Ganze wurde immer realer, je mehr darüber gezeigt wurde. Im ersten Moment dachte ich: 'Das gibt es doch nicht. Ich habe so viel gelitten in den letzten anderthalb Jahren und alles verloren. Und nun kann jeder einfach rüber.' Aber dann überwog die Freude über das Unglaubliche. Auch wurde mir bewusst, dass viele Menschen viel mehr verloren haben als ich, nämlich ihre Kinder an der Mauer, und jeder das Recht auf Freiheit hat. Ich weinte wie ein kleines Kind. Zwei Tage später fuhr ich mit meinem Sohn und unseren zwei Koffern in einem völlig überfüllten Zug nach Frankfurt am Main noch immer die Angst im Nacken, dass sie (die Stasi) uns abfangen und mich einsperren."
Weitere persönliche Berichte im Mauerfall-Blog
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von Sylke Köhler