
04.11.2011, 19:30 Uhr | Von Klaus Ehringfeld, Spiegel Online
Sie haben Erfolg, wo der Staat versagt: Im mexikanischen Drogenkrieg mischen sich immer öfter paramilitärische Gruppen in den Kampf gegen die Kartelle ein. Die Politik lässt die brutalen Einheiten gewähren - oder beauftragt sie sogar.
Wer will den Überblick behalten in Mexikos Drogenkrieg? Fast im Monatsrhythmus tauchen neue Kleinst-Kartelle oder Killer-Kommandos auf, Gruppen, die sich "Neue Leute" oder "Tempelritter" nennen. Manche hören auf düstere Namen wie "Hand mit Augen".
Längst ringen nicht mehr nur die sieben mächtigen Mafiabanden um Reviere und Routen für ihr Rauschgift; der Drogenkrieg hat sich mancherorts zu einem unüberschaubaren urbanen Stellungskrieg vieler kleiner Banden entwickelt. Immer öfter gerät die Zivilbevölkerung zwischen die Fronten: Bedrohte Lehrer in Acapulco, erpresste Kneipiers in Monterrey, ermordete Journalisten in Mexiko-Stadt, Entführte fast überall. Jetzt ist die Gewalt auch in der Hafenstadt Veracruz angekommen. Dort wurden seit Ende September Dutzende Leichen Exekutierter gefunden.
Die neu entstandenen Gruppierungen sind Abspaltungen der Großkartelle, andere erledigen für sie die Exekutionen, erpressen das Schutzgeld. Einige machen sich selbständig, wenn ihr Anführer geschnappt wird.
Von den meisten dieser neuen Einheiten erfahren Medien und Bevölkerung erst dann, wenn wieder einmal ein Zettel an einer Leiche heftet und sich eine Bande so zu dem Mord bekennt. Keine aber ist bisher so offensiv und so ungewöhnlich aufgetreten wie vor einem Monat im Bundesstaat Veracruz die "Mata-Zetas", die selbst ernannten Gegner des gefürchteten "Zeta-Kartells".
In einem bizarren Bekennervideo erklären sich die "Mata-Zetas" verantwortlich für den Mord an 35 Menschen im September in Veracruz. Bei den Opfern soll es sich wiederum um Mitglieder des gefürchteten Groß-Kartells "Zeta" handeln.
In dem fünf Minuten dauernden Video sitzen fünf maskierte und schwarz gekleidete Männer an einem Tisch, vor sich Wasserflaschen. Der Wortführer, ein korpulenter Mann, spricht in flüssigem und gebildetem Spanisch: "Wir entführen nicht, wir erpressen nicht, wir sind der bewaffnete Arm des Volkes". Die "Mata-Zetas" bezeichnen sich als "anonyme Krieger" und "stolze Mexikaner". "Unser einziger Gegner sind die Zetas. Wir respektieren die Sicherheitskräfte."
Vor allem dieser Satz ist für Edgardo Buscaglia der Beweis, dass es sich bei den "Mata-Zetas" um eine klassische paramilitärische Gruppe handelt. "Ihrer Auffassung nach unterstützen den überforderten Staat und seine Sicherheitskräfte im Kampf gegen bestimmte Verbrecherbanden", sagt der Experte für Organisierte Kriminalität.
Paramilitärs seien ein bekanntes Phänomen in Mexiko. Es gab sie schon in den siebziger Jahren im Bundesstaat Guerrero und in den neunziger Jahren in Chiapas. Dort kämpften sie jeweils gegen linke Rebellenbewegungen. Die Gruppen setzten sich aus Militärs oder Ex-Militärs zusammen, die von Unternehmern und Großgrundbesitzern angeheuert wurden.
Insgesamt 167 paramilitärische Gruppen zählen Buscaglia und sein Team vom International Law and Economic Development Centre derzeit in elf der 32 mexikanischen Bundesstaaten. "Das ist aber keine abschließende Zahl. Wir vermuten, dass es in 17 Staaten diese Söldner-Banden gibt", sagt der Leiter des Zentrums. Das wäre die Hälfte des mexikanischen Territoriums.
Bevor der mexikanische Präsident Calderón den Kartellen Ende 2006 den Krieg erklärte, existierten lediglich ein gutes Dutzend dieser Mörderbanden. Der rasante Anstieg der Killer-Kommandos wundert den Experten aber nicht: "Der schwache Staat und der verfehlte Kampf gegen die Organisierte Kriminalität sind der Grund für ihre Zunahme". Die Regierung habe zwar mehrere zehntausend Soldaten und Bundespolizisten in den Kampf gegen die Mafia-Verbände geschickt, aber das Ergebnis sei nicht weniger Gewalt, sondern mehr.
Der Staat sei schwach, weil er auf allen Ebenen von der Korruption zerfressen sei, sagt der Jurist Buscaglia. Und so dreht sich die Spirale des Todes immer schneller: 50.000 Menschen starben innerhalb von fünf Jahren in Mexikos Drogenkrieg. Dem Präsidenten ist sein Kampf gegen die Kartelle längst außer Kontrolle geraten.
Diese Schwäche nutzen die paramilitärischen Gruppen. Als Söldnertruppen böten sie sich an, bestimmte Territorien von gegnerischen Gruppen zu säubern, erklärt Buscaglia. Auftraggeber seien Unternehmer, die genug hätten von Schutzgelderpressungen und korrupten Polizisten, aber auch Landes- oder Gemeinderegierungen. Mitunter sind es Verbrecherorganisationen selbst, die auf die Hilfe der "Paras" zurückgreifen.
In den besonders umkämpften Staaten versuchten die Machthaber mithilfe der paramilitärischen Gruppen, die Vormachstellung eines Kartells zu stärken. "Dann lassen die Zahlen der Gewalttaten nach, weil wieder eine Mafia die Oberhand hat", sagt der Experte Buscaglia.
Um die erschreckenden Opferzahlen zu drücken sei der Regierung jedes Mittel Recht. Man dürfe nicht vergessen, dass in weniger als einem Jahr in Mexiko ein neuer Präsident gewählt wird. "Staatschef Calderón muss bis zu den Wahlen im Juli 2012 ein Ergebnis präsentieren, wenn er eine verheerende Niederlage für seine Partei vermeiden will". Gelingt es zum Beispiel mit Hilfe der Paramilitärs, die "Zetas" aus Veracruz zu vertreiben, sei ein wichtiges Ziel erreicht.
Der Küstenstaat sei seit Jahren in Hand der "Zetas", dem brutalsten und blutrünstigsten Kartell, einst geformt aus desertierten Elite-Soldaten. Veracruz ist einer der strategisch bedeutendsten Bundesstaaten Mexikos: An der Golfküste gelegen verfügt er als wichtigster Atlantik-Hafen über eine hervorragende Infrastruktur, grenzt im Süden an Chiapas, Grenzstaat zu Guatemala und im Norden an Tamaulipas, Grenzstaat zu den USA. Wer in Veracruz das Sagen hat, kontrolliert die Transportwege durch ganz Mexiko.
Kurz- und mittelfristig, befürchtet Buscaglia, werde die Gewalt in Mexiko weiter ansteigen. "Es gibt Hinweise auf Söldner-Truppen in Chiapas, die wohl die "Zetas" auch an der Grenze zu Guatemalabekämpfen sollen." An Nachwuchs für die Paramilitärs mangele es nicht: "Mexiko ist ein Basar für illegale Sicherheitsdienste. Hier gibt es russische, ukrainische und chinesische Söldner", sagt der Experte pessimistisch. "Nichts ist einfacher, als 20 Männer für irgendeine Schmutzarbeit zu rekrutieren."
Von Klaus Ehringfeld, Spiegel Online
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