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Papst redet Politikern ins Gewissen

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Papst redet Politikern ins Gewissen

23.09.2011, 09:27 Uhr

Papst Benedikt XVI. spricht im deutschen Bundestag. (Screenshot: dapd) Premiere: Ein Papst spricht im Bundestag

Benedikt XVI. erinnerte die Politiker an ihre moralische Verantwortung. Einige Abgeordneten blieben aus Protest fern.

Historischer Moment im Bundestag: Mit Benedikt XVI. sprach erstmals ein Papst im deutschen Parlament. Die Botschaft in seinem Heimatland: Eine Lebensweise, bei der Mensch und Natur nur zu funktionieren haben, ist der falsche Weg. Die Politik solle mehr Regeln setzen.

Papst Benedikt XVI. ermahnte die Politik eindringlich, moralische Verantwortung für die Schöpfung, den Frieden und mehr Gerechtigkeit in der Welt zu übernehmen. "Die Politik muss Mühen um Gerechtigkeit sein und so die Grundvoraussetzung für Frieden schaffen", sagte Benedikt XVI. am Donnerstag bei der ersten Rede eines Papstes im Bundestag. Maßstab politischer Arbeit dürfe nicht "der Erfolg und schon gar nicht materieller Gewinn sein". Indirekt forderte er, mehr Regeln gegen negative Auswüchse zu setzen. Seine Rede wurde als "wichtige Orientierung" für die Politik gewürdigt.

Dutzende Abgeordnete bleiben der Rede fern

Dem historischen Auftritt waren Dutzende Abgeordnete aus Protest ferngeblieben. Nur 28 von 76 Plätzen der Linksfraktion waren besetzt. Die meisten anwesenden Abgeordneten der Fraktion trugen rote Aids-Schleifen. Bei SPD und Grünen waren die Reihen dagegen dichter besetzt. Der Grünen-Abgeordnete Hans-Christian Ströbele verließ nach den ersten Sätzen von Papst Benedikt XVI. den Plenarsaal. Nach eigener Aussage fand er den Begrüßungsapplaus zu heftig.

Die Kritiker sahen durch die Rede die Trennung von Staat und Kirche verletzt. Der Papst wertete die Einladung ins Parlament als Anerkennung dafür, dass dem Heiligen Stuhl eine Rolle als Partner innerhalb der Völker- und Staatengemeinschaft zukomme.

Foto-Serie: Der Papst in Deutschland
6 Bilder von 21

750 Zuhörer im Plenum

Von Union und FDP waren mit Ausnahme einzelner, die entschuldigt fehlten, alle Abgeordneten anwesend. Die Anwesenden begrüßten den Papst, der neben Bundespräsident Christian Wulff stand, mit langem Applaus. Zu den rund 750 Zuhörern im Plenum gehörten Kanzlerin Angela Merkel (CDU), zahlreiche Bundesminister, Bundesratspräsidentin Hannelore Kraft (SPD) und viele Ministerpräsidenten.

Benedikt kritisierte scharf eine zunehmende Glaubensferne und Geringschätzung der Religion. Anders als von vielen erhofft ging der Papst nicht auf die Auswüchse des Kapitalismus und die Eurokrise ein, die die Menschen verunsichert. Er kritisierte einen zunehmenden Glauben an die technische Machbarkeit, der Europas Kultur bedrohe.

Video
Papst feiert Gottesdienst mit 70.000 Gläubigen

An der Messe im Berliner Olympiastadion nahmen neben Wulff und Merkel auch zahlreiche Regierungsmitglieder teil. zum Video

Grenzen des demokratischen Mehrheitsprinzips

Papst Benedikt XVI. wies zudem auf die Grenzen des demokratischen Mehrheitsprinzips hin - manche Fragen seien nur unter moralischen Aspekten lösbar. "In den Grundfragen des Rechts, in denen es um die Würde des Menschen und der Menschheit geht, das Mehrheitsprinzip nicht ausreicht, ist offenkundig." Der Papst ging nicht direkt auf die Debatten über Stammzellforschung und Präimplantationsdiagnostik ein, betonte aber: "Der Mensch kann die Welt zerstören. Er kann sich selbst manipulieren. Er kann sozusagen Menschen machen und Menschen vom Menschsein ausschließen." Politiker und Wissenschaftler seien besonders gefordert, ihre Entscheidungen auch moralisch zu bedenken.

Der während der Nazi-Zeit aufgewachsene Papst betonte, eine solch dunkle Zeit dürfe niemals wiederkehren. "Dem Recht zu dienen und der Herrschaft des Unrechts zu wehren ist und bleibt die grundlegende Aufgabe des Politikers." Nach seiner rund 22-minütigen, in weiten Teilen theologisch-philosophischen Rede, bekam er minutenlang Applaus. Auch die Vertreter von Linken und Grünen erhoben sich.

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Der Papst besucht seine alte Heimat
 (Quelle: dpa)

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Ethos und Religion dürfen nicht außen vor bleiben

Der 84-Jährige wandte sich dagegen, Natur und Schöpfung nur noch nach funktionalen Gesichtspunkten zu bewerten. Es dürfe nicht sein, dass nur noch eine solche Denkweise gelte - Ethos und Religion aber außen vor bleiben. "Dies ist eine dramatische Situation, die alle angeht und über die eine öffentliche Diskussion notwendig ist", betonte Benedikt XVI. Eine Denkweise, wo es nur um das Funktionieren gehe, gleiche Betonbauten ohne Fenster.

Indirekt Lob für die Grünen

Besonders lobte er das Aufkommen der Ökobewegung in den 1970er Jahren. "Ich würde sagen, dass das Auftreten der ökologischen Bewegung in der deutschen Politik seit den 70er Jahren zwar wohl nicht Fenster aufgerissen hat, aber ein Schrei nach frischer Luft gewesen ist." So etwas sei auch heute nötig: "Die Fenster müssen wieder aufgerissen werden, wir müssen wieder die Weite der Welt, den Himmel und die Erde sehen und all dies recht zu gebrauchen lernen."

Jungen Menschen sei damals bewusst geworden, dass irgendetwas in unserem Umgang mit der Natur nicht mehr stimme. "Dass Materie nicht nur Material für unser Machen ist, sondern dass die Erde selbst ihre Würde in sich trägt und wir ihrer Weisung folgen müssen." Als Lob für die Grünen, die bei diesen Passagen klatschten, wollte er das nicht verstanden wissen. Unter Gelächter etlicher Zuhörer sagte er: "Es ist wohl klar, dass ich hier nicht Propaganda für eine bestimmte politische Partei mache - nichts liegt mir ferner als dies."

Schon vor seiner Rede hatte der Papst in einem gesonderten Raum führende Bundestagsabgeordnete herzlich begrüßt. Unter anderem unterhielt er sich lächelnd mit Linke-Fraktionschef Gregor Gysi, der sich als unreligiös bezeichnet. Nach seine Rede sprach er noch mit mehreren Ministerpräsidenten, bevor es weiter ging zu der Messe im Berliner Olympiastadion. Dort feierte Benedikt mit rund 70.000 Gläubigen.

Lammert mahnt Bewahrung ethischer Prinzipien an

Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) mahnte in seiner Begrüßungsrede eine Rückbesinnung auf ethische Werte an. "In Zeiten der Globalisierung, einer von Kriegen und Krisen erschütterten Welt, suchen viele Menschen nach Halt und Orientierung", sagte er. Die Bewahrung ethischer Prinzipien jenseits von Märkten und Mächten und die Pflege gemeinsamer Werte sei eine große Herausforderung gerade moderner Gesellschaften, "wenn sie ihren inneren Zusammenhalt nicht gefährden wollen".

Bei Politikern von FDP und Union stieß der Boykott der Papst-Rede auf Unverständnis. FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle sagte: "Nur wenn man zuhört, kann man verstehen, auch wenn man eine andere Meinung hat." Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) begrüßte die Rede des Papstes als klaren Hinweis, dass menschliches Leben nicht angetastet werden dürfe. CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe betonte: "Die Mahnung des Papstes, die Wahrung der Gerechtigkeit in allem politischem Bemühen nicht aus den Augen zu verlieren, tut uns allen gut."

"Zu akademisch"

SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier wertete die Hinweise von Papst Benedikt XVI. an die Politik als Aufruf zur Regelsetzung. Grünen-Fraktionsgeschäftsführer Volker Beck kritisierte die Rede als zu akademisch. "Diese Rede hätte sehr gut in die Humboldt-Universität gepasst", sagte er. Linke-Fraktionschef Gysi bemängelte, dass der Papst zwei Themen ausgelassen habe: Krieg und Frieden sowie die zunehmende Armut und den wachsenden Reichtum. Tausende Papstgegner vom "Bündnis gegen die menschenfeindliche Geschlechter- und Sexualpolitik des Papstes" demonstrierten während der Rede in Berlin - auch Politiker der Opposition beteiligten sich an der Kundgebung.

Der Besuch soll bis Sonntag dauern, neben Berlin will der Papst auch Erfurt und Freiburg besuchen.


Quelle: dpa

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