22.09.2011, 18:45 Uhr
Papst Benedikt XVI. bei seinem dritten Deutschlandbesuch (Quelle: dapd)
Mit Benedikt XVI. hat erstmals ein Papst eine Rede im Bundestag gehalten. Die Parlamentarier begrüßten ihn stehend mit Applaus - einige Abgeordnete blieben allerdings aus Protest fern. Wegen "zu viel Applaus" für den Papst verließ beispielsweise der Grüne Hans-Christian Ströbele das Parlament, um sich den Protesten in der Hauptstadt anzuschließen. Im Anschluss an seine Rede feiert der Papst mit rund 70.000 Gläubigen eine Messe im Olympiastadion.
Papst Benedikt XVI. versteht seine Einladung in den Bundestag als politische Würdigung des Vatikan. Zu Beginn seiner Rede sagte der 84-Jährige: "Die Einladung zu dieser Rede gilt mir als Papst, als Bischof von Rom, der die oberste Verantwortung für die katholische Christenheit trägt. Sie anerkennen damit die Rolle, die dem Heiligen Stuhl als Partner innerhalb der Völker- und Staatengemeinschaft zukommt."
Er wies auf die Grenzen des demokratischen Mehrheitsprinzips hin und erinnerte die Politiker an ihre moralische Verantwortung. "In einem Großteil der rechtlich zu regelnden Materien kann die Mehrheit ein genügendes Kriterium sein. Aber dass in den Grundfragen des Rechts, in denen es um die Würde des Menschen und der Menschheit geht, das Mehrheitsprinzip nicht ausreicht, ist offenkundig."
Er warnte Politiker davor, ihre Arbeit nur am Erfolg auszurichten. "Der Erfolg ist dem Maßstab der Gerechtigkeit, dem Willen zum Recht und dem Verstehen für das Recht untergeordnet", sagte er. "Erfolg kann auch Verführung sein und kann so den Weg auftun für die Verfälschung des Rechts, für die Zerstörung der Gerechtigkeit."
Der Papst ging nicht direkt auf die bioethischen Debatten über Stammzellforschung und Präimplantationsdiagnostik ein, betonte aber: "Der Mensch kann die Welt zerstören. Er kann sich selbst manipulieren. Er kann sozusagen Menschen machen und Menschen vom Menschsein ausschließen." Politiker und Wissenschaftler seien daher besonders gefordert, ihre Entscheidungen auch moralisch zu bedenken.
Benedikt sagte weiter: "Von dieser Überzeugung her haben die Widerstandskämpfer gegen das Naziregime und gegen andere totalitäre Regime gehandelt und so dem Recht und der Menschheit als ganzer einen Dienst erwiesen. Für diese Menschen war es unbestreitbar evident, dass geltendes Recht in Wirklichkeit Unrecht war."
Benedikt XVI. erinnerte die Politiker an ihre moralische Verantwortung. Einige Abgeordneten blieben aus Protest fern. zum Video
Mit einem Lob für die Grünen überraschte Benedikt die Parlamentarier. Das Auftreten der ökologischen Bewegung in der deutschen Politik seit den 70er Jahren sei ein "Schrei nach frischer Luft" gewesen, den man nicht überhören dürfe und nicht beiseiteschieben könne, sagte er. "Jungen Menschen war bewusst geworden, dass irgendetwas in unserem Umfang mit der Natur nicht stimmt", dass "die Erde selbst ihre Würde in sich trägt und wir ihrer Weisung folgen müssen".
Nichts liege ihm ferner, als Propaganda für eine bestimmte politische Partei zu machen, versicherte Benedikt XVI., worauf die Abgeordneten mit Beifall und Gelächter reagierten. Der Papst fügte hinzu, dass die Bedeutung der Ökologie mittlerweile unbestritten sei: "Wir müssen auf die Sprache der Natur hören und entsprechend antworten."
Die viertägige Reise führt das katholische Kirchenoberhaupt auch nach Erfurt und Freiburg. zum Video
Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) wies zum Auftakt des Besuchs von Papst Benedikt XVI. im Parlament auf die Trennung von Staat und Kirche hin. Diese Errungenschaft der Aufklärung gehöre zu den "unaufgebbaren Fortschritten unserer Zivilisation", sagte er laut einem vorab veröffentlichten Text am Donnerstag in seiner Begrüßung im Plenarsaal.
Lammert betonte vor den Abgeordneten weiter: "Wir sind entschlossen, unserer Verantwortung für Menschenwürde, Freiheit des religiösen wie des politischen Bekenntnisses und Toleranz gegenüber unterschiedlichen Überzeugungen und Orientierungen gerecht zu werden." Viele Menschen wünschten sich, "dass im Pontifikat eines deutschen Papstes, des ersten nach der Reformation, nicht nur ein weiteres Bekenntnis zur Ökumene, sondern ein unübersehbarer Schritt zur Überwindung der Kirchenspaltung stattfände", fügte der Parlamentspräsident hinzu.
In der Berliner Zentrale des Schwulen- und Lesbenverbandes laufen die Vorbereitungen für die Anti-Papst-Demo auf Hochtouren. zum Video
"In Zeiten der Globalisierung, einer von Kriegen und Krisen erschütterten Welt, suchen viele Menschen nach Halt und Orientierung", erklärte Lammert. "Die Bewahrung ethischer Prinzipien jenseits von Märkten und Mächten und die Pflege gemeinsamer Werte und Überzeugungen ist eine große Herausforderung, auch und gerade moderner Gesellschaften, wenn sie ihren inneren Zusammenhalt nicht gefährden wollen."
Ausdrücklich würdigte er den historischen Besuch Benedikts. «Noch nie in der Geschichte hat ein Papst vor einem gewählten deutschen Parlament gesprochen. Und selten hat eine Rede in diesem Haus, noch bevor sie gehalten wurde, so viel Aufmerksamkeit und Interesse gefunden.» Viele Abgeordnete hatten die Papstrede als Verstoß gegen die verfassungsrechtliche Trennung von Kirche und Staat kritisiert. Schätzungsweise einige Dutzend Abgeordnete blieben der Rede fern, weniger als zunächst erwartet.
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Wie viele der 620 Parlamentarier der Rede tatsächlich fernblieben, war zunächst unklar. Es waren aber deutlich wenige als die zunächst erwarteten 100 Abgeordneten. Die Kritiker sahen im Auftritt des Papstes ein Verstoß gegen die verfassungsrechtliche Trennung von Kirche und Staat. Bei Spitzenpolitikern von SPD und CDU stieß der Boykott auf Unverständnis.
Der Berliner Grünen-Abgeordnete Hans-Christian Ströbele verließ den Bundestag zu Beginn der Papst-Rede, um sich der Demonstration der Papst-Kritiker anzuschließen. "Ich bin rausgegangen, weil ich den anhaltenden Applaus zu Beginn zu heftig fand," sagte Ströbele. "Ich wollte den Papst hier so nicht würdigen." Ströbele wirft dem Papst gefährliche Ansichten vor und kritisiert, Benedikt XVI. verunglimpfe Schwule und Lesben und verhindere Familienplanung in Afrika. Er sei auch bei Reden des damaligen US-Präsidenten George W. Bush und des damaligen russischen Präsidenten Wladimir Putin aufgestanden und gegangen.
Mehrere tausend Demonstranten zogen durch Berlins Zentrum. Die Polizei sprach von 4000 Teilnehmern, die Veranstalter von 10.000. Zuvor gab es eine Kundgebung am Potsdamer Platz. Ein Bündnis von knapp 70 Organisationen hatte unter dem Motto "Keine Macht den Dogmen" zu der Kundgebung gegen den Papst aufgerufen. Die Demonstranten wollten zur Hedwigskathedrale, der Hauptkirche der Berliner Katholiken, ziehen. Der Protest am Brandenburger Tor war untersagt worden. Laut Polizei blieb es friedlich.
Der in Bayern geborene Joseph Ratzinger besucht Deutschland zum dritten Mal als Papst. Er ist seit 2005 Kirchenoberhaupt von 1,2 Milliarden Katholiken. "Ich komme freudig nach Deutschland", sagte er schon auf dem Flug nach Berlin. Die Visiten beim Weltjugendtag 2005 in Köln und in Bayern 2006 waren ausschließlich pastoraler Natur, also dem Glauben gewidmet. Der jetzige Deutschland-Besuch bis 25. September kostet die katholische Kirche 25 bis 30 Millionen Euro. Auch Bund, Ländern und Kommunen - also dem Steuerzahler - entstehen Millionenkosten.
Quelle: dapd , dpa
Strolchi schrieb:
am 22. September 2011 um 19:20:54
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Schrei nach frischer Luft
Das ist wohl für die Grünen ein ordentlicher Patzer.Sie bleiben fern, obwohl sie gelobt wurden.
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Ost-Torwart schrieb:
am 22. September 2011 um 19:18:04
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Papst
Diejenigen, die fern geblieben sind im Bundestag mangelt es am notwendigen Repekt. Sie bekommem Geld und haben trotzt einer anderen
Meinung die Pflicht erst einmal zu erscheinen. Und Ströbele, ja hat der Mann studiert? Dann müßte man von ihm Anstand verlangen können! Er wollte aber sich wie immer von ihm gewohnt, selbst darstellen! Solche Typen will das deutsche Volk im höchsten poltischen Gremium nicht sehen und sie sind wegen anderen Darstellungen in der Öffentlichkeit gewählt worden!
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SindbadSeefahrer schrieb:
am 22. September 2011 um 19:16:28
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Papstbesuch
Obwohl nicht katholisch und den Lehren der kath. Kirche kritisch gegenüberstehend, finde ich die Aktionen der LINKEN und GRÜNEN
Parlamentarier unwürdig. Eine Partei, die Fidel Castro gratuliert u. den Mauerbau indirekt verteidigt, hat keinerlei moralische Legitimität. Wo waren denn diese Typen von Abgeordneten, als Putin im Parlament auftrat, haben sie da auch protestiert, Herr Schwanitz? Aber der ist ja angeblich ein lupenreiner Demokrat. Was für verlogene, heuchlerische Typen!
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