Die achtjährige Kardelen ist in der Wohnung des tatverdächtigen Nachbarn missbraucht und ermordet worden. Das zeigten DNA-Spuren, die dort gefunden worden seien, teilte die Staatsanwaltschaft Paderborn mit.
Der mutmaßliche Mörder Ali K. ist auf der Flucht und wird in seinem Heimatland Türkei vermutet. Seine Eltern beteuern, nicht zu wissen, wo ihr Sohn sich aufhält.
Der Verdacht der Ermittler wurde von Zeugen bestätigt. "Es hat sich ein Hinweisgeber gemeldet, der den Mann zum Flughafen Köln-Bonn gefahren hat, von wo er nach Izmir abgeflogen ist", bestätigte ein Sprecher der Polizei in Paderborn einen Bericht der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung". Dort läuft die Suche nach dem 29-jährigen Nachbarn jetzt auf Hochtouren. Er ist dringend tatverdächtig, das Mädchen missbraucht und erstickt zu haben.
Einige Tage bei Verwandten in Izmir
"Der Verdächtige steht unter einem hohen Fahndungsdruck", sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft Paderborn, Horst Rürup. "Er könnte in den nächsten Tagen gefasst werden." Beamte in der westtürkischen Stadt Aydin haben die Suche aufgenommen. In Aydin lebt der Vater von K. "Es steht fest, dass der Tatverdächtige mehrere Tage bei Verwandten in der türkischen Region Izmir verbracht hat. Sein derzeitiger Aufenthaltsort ist nach wie vor unbekannt", sagte der Staatsanwalt. Ein Polizeisprecher betonte, dass man noch nicht sicher wisse, ob sich K. derzeit tatsächlich noch in der Türkei aufhalte oder weitergereist sei. Ali K. wird mit internationalem Haftbefehl gesucht.
Türkei will mutmaßlichem Täter Prozess machen
Sollte der mutmaßliche Mörder in der Türkei gefasst werden, würde er allerdings nicht nach Deutschland ausgeliefert. Die türkischen Behörden hätten dies den deutschen Ermittlern bereits mitgeteilt, sagte Rürup. Im Falle einer Festnahme planten die türkischen Behörden ein eigenes Strafverfahren. "Wir werden das selbstverständlich respektieren", sagte der Sprecher.
Eltern glauben nicht an mögliche Tat des Sohnes
K.s Eltern beteuerten, ihren Sohn seit drei Monaten nicht gesehen zu haben. "Wir wollen nicht glauben, dass unserer Sohn etwas mit diesem Mord zu tun hat. Niemand wird uns mehr eines Blickes würdigen. Wenn er es getan hat, wird Allah ihn dafür bestrafen", sagte seine Mutter Zuhre K. der Nachrichtenagentur Dogan.
"Ehrenmord" an Tatverdächtigem denkbar
Die Polizei befürchtet nach einem Bericht der "Bild"-Zeitung, dass der Verdächtige Opfer eines sogenannten Ehrenmords werden könnte. Deshalb habe die Paderborner Polizei vorsorglich ein Treffen von Angehörigen sowohl des ermordeten türkischstämmigen Mädchens als auch des türkischen Verdächtigen organisiert, berichtete "Bild". Die Möglichkeit eines "Ehrenmordes" könne leider nicht ausgeschlossen werden, sagte Staatsanwalt Ralf Vetter der Zeitung. "Deshalb haben wir ein Gespräch zwischen den Familien des Opfers und des Täters vermittelt. Alle waren vernünftig, wollen die Tat nicht auf die Angehörigen übertragen."
Mutmaßlicher Mörder war Nachbar
Die Leiche des Mädchens war am 15. Januar in einem Waldstück am Möhnesee im Sauerland, 60 Kilometer von Paderborn entfernt, gefunden worden. Ali K. lieh sich nach Polizeiangaben einen Pkw, um Kardelen zum Möhnesee zu schaffen. Staatsanwaltschaft und Polizei forderten die Person, die Ali K. am 12. Januar ein Auto zur Verfügung gestellt hat, auf, sich zu melden. Das Verbrechen hatte in Deutschland und auch in der Türkei Wut, Trauer und Entrüstung ausgelöst. Am Mittwoch hatte die Mordkommission mitgeteilt, dass die Spuren auf Ali K. hindeuten, der in der Nachbarschaft von Kardelen und ihren Eltern gewohnt hatte.
Verdächtige Visitenkarte
Die entscheidende Spur zu dem mutmaßlichen Täter war laut Polizei eine Visitenkarte eines türkischen Juweliers, der Verwandte in Paderborn hat. Polizisten hätten sie am Fundort der Leiche am Möhnesee entdeckt, sagte der Leiter der Mordkommission, Jürgen Heinz. Am Montag hatten Fahnder die Wohnung des 29-Jährigen in Paderborn durchsucht und genetische Fingerabdrücke gefunden, die mit am Fundort der Leiche entdeckten Spuren übereinstimmen.
Freunde brachten ihn zum Flughafen
Nach Angaben der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" brachten Freunde des mutmaßlichen Täters ihn zwei Tage nach der Tat zum Köln-Bonner Flughafen. Die Bekannten aus Herne hätten nichts von der Tat gewusst. Einer der Zeugen berichtete dem Blatt, er habe am 13. Januar - einen Tag nach der Tat - einen Anruf von Ali K. erhalten. Dabei habe der ihn gebeten, ihn vom Paderborner Bahnhof abzuholen. Er müsse sofort in die Türkei reisen, da sein dort lebender Vater schwer krank sei. Er soll das Flugzeug gemeinsam mit seiner Frau bestiegen haben. Derzeit sei davon auszugehen, dass der Mann, ohne Wissen um das Verbrechen dem Ehepaar einen Freundschaftsdienst erwiesen habe.
Flug um zwei Uhr nachts
Zusammen mit seiner Frau wurde er zuletzt am Tag nach der Tat von Zeugen mit einem Rollkoffer in der Nachbarschaft gesehen. Am 14. Januar um zwei Uhr nachts sollen die beiden dann von Köln-Bonn aus nach Izmir geflogen sein.
Welche Rolle spielte die Frau?
Der Türke lebt seit 2001 in Deutschland. Seit 2002 ist er mit seiner 26 Jahre alten Frau verheiratet. Bis 2007 wohnte er in Herne-Wanne-Eickel, seitdem in Paderborn. Eine Tatbeteiligung der Ehefrau schließt die Polizei nicht völlig aus.