11. November 1989: Tausende DDR-Bürger drängen an der gerade durchbrochenen Berliner Mauer an der Bernauer Straße gen Westen. Einen Tag später folgte Clemens Matschuleit (Foto: dpa/Archiv)
Vor 20 Jahren fiel die BerlinerMauer - ein historisches Ereignis, dass das Ende der DDR und der Teilung Deutschlands besiegelte. t-online.de bat seine Leser, ihre persönliche Geschichte zum 9. November 1989 einzusenden. Von Clemens Matschuleit erhielten wir folgenden Beitrag:
Onkel Heinz hat am 29. Februar Geburtstag. Er erwähnt das gerne und kokettiert mit seiner scheinbar nie schwindenden Jugend. Onkel Heinz ist der große Bruder meines Vaters, aber richtig kennengelernt hatte ich ihn bis zu meinem 30. Geburtstag nie so richtig. Schuld daran war die Mauer.
Onkel Heinz wohnte in Lichtenrade, also Westberlin, und ich in Berlin-Mitte, was im Osten liegt. Er besuchte uns eigentlich nie, und gesehen hatte ich ihn das letzte Mal bei einem Kurzauftritt zu meiner Jugendweihe. Gesprochen hatten wir nichts miteinander. Wie Fremde.
Ansehen kometenhaft gesteigert
Mein Vater durfte zu Onkels 50. Geburtstag das Staatsterritorium der DDR in Richtung Westberlin verlassen. Da die Ehe meiner Eltern schon geraume Zeit in Trümmern lag, spekulierte ich mit einer längeren Abwesenheit. Er kam aber wieder und brachte mir einen Anzug der Firma "Levi’s" mit. Ein damals, in breiten Kreisen der jüngeren DDR-Bevölkerung äußerst geschätztes Bekleidungsstück, das mein Ansehen in Freundeskreisen kometenhaft in die Höhe schnellen ließ. Das dazugehörige, äußerst auffällige T-Shirt mit der Nationalflagge der USA erwies sich (trotz neidischer Blicke) hingegen als nicht sehr alltagstauglich, erschwerte es doch den Zugang zu Jugendveranstaltungen erheblich.
Die Berichte meines Vaters von den Annehmlichkeiten des alltäglichen Lebens jenseits des antifaschistischen Schutzwalls beeindruckten mich sehr, und es stellte sich die Frage, ob es denn eines Tages vielleicht möglich sein könnte, dass der gute Onkel mich auch mal zu einem seiner runden Jubiläen einlädt. So als Gegenbesuch zu meiner Jugendweihe sozusagen. Wir würden uns weiterhin nicht kennen, wären aber quitt.
Ich ließ mir Zeit mit einer konkreten Anfrage. 1989 sollte Onkel Heinz 65 Jahre alt werden, oder mit seinen Worten sechzehneinviertel.
Dümmliche Begründung
Im Mai 1988 war die Zeit reif geworden, ihm mein Anliegen per Brief zu schildern, denn ich rechnete mit einer längeren Bearbeitungszeit durch die Behörden. Onkel Heinz war sofort einverstanden und schickte mir auch zügig die erforderlichen Unterlagen, wie Einladung, Meldebescheid, Mietvertrag, Geburtsurkunde und so weiter und so fort. Mit meinem eigenen Stapel an Papieren reichte ich den Besuchsantrag ein. Kurz vor Weihnachten bekam ich eine Einladung zur Meldestelle der Volkspolizei, Abteilung Pass- und Reiseangelegenheiten, Unterabteilung Reisen ins nichtsozialistische Ausland und Westberlin. Nach stundenlangem Warten erklärte mir der zuständige Volkspolizist, dass mein Antrag auf Gewährung einer Reise nach Westberlin abgelehnt wurde. Begründung: Das angegebene Geburtstagsdatum käme im Jahr 1989 nicht vor. Von weiterführenden Diskussionen wurde mir eindringlich abgeraten. Ich besaß den Mut, eine Eingabe an das Ministerium des Inneren zu senden, in der ich mich über die dümmliche Begründung der Ablehnung beschwerte. Monatelang geschah nichts, und Onkels Geburtstag zog an mir vorbei.
Ich traute Augen und Ohren nicht
Der Herbst 1989 veränderte vieles in der DDR. Im Oktober steckte plötzlich wieder eine Einladung der Meldestelle im Briefkasten. Diesmal waren die Leute dort mehr als freundlich. Ich traute Augen und Ohren nicht. Mitfühlend wurde mir vermittelt, wie unglücklich man heute mit der damaligen Absagebegründung wäre und wie schwer meine Eingabe ihnen eigentlich auf der Seele lasten würde. Wenn ich immer noch den Wunsch verspüren würde zu reisen, bekäme ich natürlich in Kürze die Reiseunterlagen.
Na gut, ich verspürte den Wunsch und äußerte ihn. Alles schien sich zum Guten zu wenden. Wenn die Wende nicht dazwischengefunkt hätte.
Am 9. November fiel die Mauer, das heißt, sie fing an zu zerbröseln. Jetzt konnte jeder in den Westen. Anträge waren nicht mehr nötig. Mein Bewilligungsschreiben war nichts mehr wert. Ich fühlte mich hintergangen.
Och, jetzt nicht
Mit dem Überschreiten der Grenze ließ ich mir Zeit. Der Hektik der ersten Tage wollte ich mich nicht unterwerfen. Am 12. November durchbrach ich mit Frau und Kind den Betonwall an der Bernauer Straße, der Schnittstelle zwischen Prenzlauer Berg im Osten und Wedding, westlich davon. Großgerät war in Stellung gebracht worden, um Mauersegmente aus dem Weg zu räumen. Auf Westseite waren gerade Leute damit beschäftigt, das Hinweisschild “Achtung, sie verlassen jetzt West-Berlin” zu demontieren. Begrüßt wurden wir von freundlichen jungen Menschen die uns Probepäckchen “Marlboro” entgegenhielten. Etwa 100 Meter weiter trafen wir auf einen großen Menschenauflauf vor einem Containerfahrzeug. Aus der geöffneten Laderückwand wurden gut gefüllte Tüten in die sich prügelnde und schreiende Menge heruntergereicht, und wir wurden Zeuge, wie sich der Partner der neben uns laufenden Frau in das brodelnde Gewühl schlug, mit der Ankündigung, nicht ohne zwei Tüten wiederkommen zu wollen. Ein Animateur schrie unablässig ins Mikrofon, dass er was zu verschenken hätte, und so fand ein älterer Herr kaum Beachtung, der, auf halber Höhe eines Zaunes stehend, immer wieder ausrief, dass man sich schämen müsste, dafür auf die Straße gegangen zu sein. Kopfschüttelnd liefen wir weiter.
Meine Frau fragte mich, wo wir eigentlich hin gehen könnten. Ich zuckte nur mit den Schultern. Einfach geradeaus. Wir könnten doch den Onkel Heinz besuchen, meinte sie. Der würde sich bestimmt freuen, nach dem ganzen Theater. Ich solle ihn doch einfach anrufen. Och, erwiderte ich, den können wir doch jetzt jeden Tag sehen.