Das Ohr ist nicht nur schneller als das Auge, es warnt es auch noch (Foto: t-online.de/Archiv)
Ohren sind nicht nur schneller als Augen, das Gehör warnt den Sehsinn sogar vor. Das haben britische Hirnforscher von der Universität in Glasgow in einer Reihe von komplizierten Tests herausgefunden.
Wenn sie Versuchspersonen Geräusche vorspielten, reagierten diese viel sensibler auf Reize im Sehzentrum des Gehirns, als ohne auditive Stimulation. Die größte Wirkung zeigten Geräusche, die sich den Versuchsteilnehmern näherten. Der Effekt trat auch ein, wenn die Geräusche so kurz zu hören waren, dass es nicht einmal für eine bewusste Ortung durch die Probanden reichte. Die Forscher vermuten darin einen uralten Reflex: Je schneller die Reaktion auf ein herannahendes Objekt, desto eher gelingt die Flucht vor einem Feind.
Tests mit Reizen
In ihrer Studie untersuchten die Forscher zwei verschiedene Sinne der Versuchsteilnehmer: Sie spielten ihnen einerseits Geräusche vor und reizten zudem ihr Sehzentrum mit einer modernen Technik, die transcraniale magnetische Stimulation oder kurz TMS genannt wird. Dabei werden mit Magnetfeldern schwache elektrische Ströme erzeugt, die in den visuellen Cortex - also das Sehzentrum im Gehirn - der Probanden geleitet werden, um einen Seheindruck hervorzurufen. Die Probanden meinen dann, Lichtpunkte, sogenannte Phosphene, zu sehen. In bestimmten Situationen genügt eine kleinere Stimulation, um die Phosphen-Erscheinungen zu provozieren. Die Forscher konnten nun bestätigen, dass genau das auch bei einer Kombination aus Hör- und Seheindrücken der Fall ist: Vorangehende Geräusche erhöhten die Sensibilität der Probanden für die elektrische Stimulation erheblich.
Eindeutige Unterschiede
Die Probanden sahen fast doppelt so häufig Phosphene, wenn ihnen kurz davor herannahende Geräusche vorgespielt wurden. Geräusche, die sich nicht bewegten oder sich entfernten, hatten ebenfalls einen positiven Effekt - allerdings nicht so ausgeprägt. Zudem fanden die Forscher heraus, dass die Geräusche auch dann die Phosphen-Wahrnehmung erhöhten, wenn sie so kurz zu hören waren, dass die Probanden deren Bewegungsrichtung nicht erkennen konnten. Eine Dauer von nur 80 Millisekunden - gerade einmal acht Hundertstelsekunden - genügten bereits, um den visuellen Cortex für die Phosphene zu sensibilisieren.
"Für das Überleben entscheidend"
Der durch die Geräusche geschärfte Sehsinn sei ein Produkt der Evolution von Tieren, die sich vor Räubern in Sicherheit bringen müssen, erklärt Forschungsleiter Vincenzo Romei: "Für das Überleben ist eine schnelle Reaktion auf etwas, das sich schnell nähert, entscheidend. Auditorische Reize werden schneller verarbeitet als visuelle. Ein vorausgehendes Geräusch beeinflusst also wahrscheinlich die Interpretation eines darauf folgenden visuellen Reizes. Bei Filmen bestimmt ja auch die Musik die Atmosphäre von Szenen, selbst wenn die Leinwand dabei dunkel ist."