29.12.2010, 11:15 Uhr | Von Sebastian Litta, The European
Droht die Endstation online campus? (Foto: Rupert Ganzer)
Neue Kommunikationswege, veränderte Anforderungen an Absolventen und globaler Wettbewerb bleiben nicht folgenlos. In 20 Jahren werden unsere Hochschulen anders aussehen als heute. Dennoch beruht die gegenwärtige Debatte über die Ablösung der traditionellen Universität durch ein virtuelles Netzwerk aus Lernern und Lernenden auf einem unklaren Bild von der Funktion einer Universität.
Der Economist verglich jüngst die großen US-Universitäten mit den Autobauern aus Detroit: einst Stolz der Nation, weltweit führend, aber dann viel zu teuer und unflexibel. Wozu brauchen sie immer mehr Milliarden, wenn ihre Lehrinhalte bald auch online und kostenlos verfügbar sind? Abdul Waheed Khan spricht von der Notwendigkeit, die teuren Campusuniversitäten zu ersetzen. Wir dürfen aber nicht den Fehler begehen, amerikanische Hochschulen auf Wissensvermittlung zu reduzieren.
Andrew Abbott sagte 2002 an der University of Chicago den Erstsemestern zur Begrüßung etwas Erstaunliches. Selbst wenn sie in den vor ihnen liegenden vier Jahren keinen einzigen Kurs besuchten, sondern nur miteinander lebten und redeten, würden sie durch gemeinsame Diskussionen und das Erkunden von Unterschieden immer noch sehr viel lernen.
Natürlich kann nicht jede Universität ein so intensives und spannendes Umfeld bieten, aber viele amerikanischen Hochschulen sehen ihre Mission auch in der Vermittlung von Werten, in der Heranbildung von Persönlichkeiten. Diese Funktion kann eine Webseite, die Vorlesungsskripte zur Verfügung stellt, niemals übernehmen. Auch Ersatzmechanismen, wie Konferenzen von Fernstudierenden, erfüllen diese Funktion nicht. Und reden wir nicht momentan häufig davon, dass wir mehr Wertevermittlung und soziale Kompetenz wollen?
In Deutschland ist dagegen die Sozialisierungsfunktion der Universität vergleichsweise schwach. Sind deutsche Hochschulen durch ihren Beschränkung auf Wissensvermittlung besonders gefährdet? Immerhin besitzen sie das Monopol der Vergabe von akademischen Titeln. Auch wenn Onlinepioniere wie David Wiley und John Hilton argumentieren, dass zum Beispiel Microsoft-Zertifikate für manche Firmen ein wichtigeres Einstellungsmerkmal seien als eine bestimmte Anzahl von absolvierten Informatikklausuren, ist dies doch ein extremes und auf wenige Bereiche beschränktes Beispiel.
Der jetzige deutsche Außenminister hätte sich die Inhalte seiner Promotion zu Parteienrecht und politischen Jugendorganisationen vermutlich auch anlesen können. Aus verschiedenen Gründen war ihm jedoch ein von der Fernuniversität Hagen ausgestelltes Zertifikat wichtig. Hochschule-Diplome erfüllen eine Signalfunktion, sie erlauben Arbeitgebern, die Qualifikation eines potenziellen Arbeitnehmers einzuschätzen. Hochschulen sind also mehr als nur Wissensvermittler.
Interessant wird die Debatte jedoch, wenn man sich die Finanzierung von Hochschulen anschaut. US-Hochschulen sind oftmals so teuer, dass Selbstzahler überlegen müssen, nicht vielleicht doch ein Online-Angebot anzunehmen. In Deutschland übernimmt der Staat die Kosten für ein Hochschulstudium fast vollständig. Mit zurückgehenden Finanzierungsmöglichkeiten der Länder stellt sich allerdings die Frage, ob Universitäten selbst die Wissensvermittlungs- und die Zertifizierungsfunktion noch in ausreichendem Maße erfüllen können. Wenn nicht, wäre die Universität in der Tat durch die Online-Konkurrenz gefährdet.
Seit Oktober 2010 ist Autor Sebastian Litta ein Fellow der Stiftung neue Verantwortung Berlin und leitet dort ein Projekt zur Zukunft der deutschen Universitäten. Zuvor war er als Präsidiumsreferent und Projektleiter am Neuausrichtungsprozess der Leuphana Universität Lüneburg beteiligt. Er hat an der FU Berlin und in Harvard studiert, wo er sich als Assistent des ehemaligen Präsidenten Derek Bok mit Fragen der Gestaltung von Hochschulen und Hochschulsystemen befasst hat.
Von Sebastian Litta, The European
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