
28.06.2010, 12:28 Uhr | Von Ralf-Peter Märtin
Die römischen Soldaten waren schwer bewaffnet. Zur Einheit gehörten Reiter und Tross, syrische Bogenschützen und Artilleristen mit ihren Katapulten. (Foto: dpa) (Quelle: dpa)
Forscher haben die Spuren einer bisher unbekannten Schlacht entdeckt: Um 235 nach Christus führten die Römer offenbar einen Feldzug in Richtung Elbe - und lieferten sich ein blutiges Gemetzel mit den Germanen. "National Geographic" über das rätselhafte Gefecht am Harzhorn:
Seit Sommer 2008 untersuchen Archäologen ein Geschehen, das ein völlig neues Licht wirft auf die Beziehung zwischen Römern und Germanen nach dem Vernichtungssieg von Arminius anno 9 in Kalkriese. Das Schlachtfeld des Harzhorns liegt mehr als 350 Marschkilometer von den einstigen römischen Stützpunkten an Rhein und Main entfernt, tief im Innern des "Freien Germanien". Kontrollierten die Römer den Norden stärker als bisher bekannt? Nach allem, was die Forscher jetzt wissen, war hier im tiefsten Germanien eine für die damalige Zeit typische internationale Truppe unterwegs - rekrutiert aus allen Winkeln des Imperiums.
Oben auf dem Harzhorn breitet der niedersächsiche Landesarchäologe Henning Haßmann eine Karte aus: "Die Römer marschierten auf einer alten Trasse, die durchs Leinetal, die hessische Senke und die Wetterau ins Rhein-Main-Gebiet führte", erläutert er die Situation. "Heute verläuft hier die Autobahn 7." Bei Northeim schieben sich zwei Höhenzüge heran. Von Westen bilden das Harzhorn, von Osten die Ausläufer des Harzes eine natürliche Barriere. Die dazwischen liegende Enge misst kaum 300 Meter, ist teils sumpfig und war einst nur schwer passierbar. Ein 35 Meter hoher Steilhang begrenzt das Harzhorn nach Norden.
Genau hier lagen die Germanen im Hinterhalt. Gewiss versuchten die Römer zunächst, frontal nach oben durchzubrechen. Dafür hatten sie ihre leichten Hilfstruppen. "Als der Angriff fehlschlug, beschossen sie die Germanen aus der Ferne", rekonstruiert der Archäologe Michael Geschwinde aus Braunschweig das Geschehen. Vor allem, um den Gegner abzulenken. Denn gleichzeitig eilte die Infanterie 400 Meter weiter nach Westen. Sie nahmen die Germanen in die Zange.
Kurze Zeit später war das Harzhorn ein Ort des Todes. Germanen lagen in ihrem Blut, zerfetzt von furchtbaren Projektilen, Pfeilen und Lanzen.
Es waren zwei Heimatforscher, Rolf Peter Dix und Winfried Schütte, die am Harzhorn auf ein paar eiserne Objekte stießen, die sie zunächst für mittelalterlich hielten. Doch schon bald wurde klar: Die Speerspitzen und anderen Artefakte stammen aus römischer Zeit. Nach wenigen Monaten haben die Grabungen bereits mehr als 1500 vorwiegend militärische Funde zutage gefördert.
60 Kilometer südlich des Harzhorns liegt an der Werra Hedemünden, ein römisches Lager aus der Zeit um Christi Geburt. Es wäre naheliegend gewesen, eine militärische Auseinandersetzung aus dieser Zeit zu vermuten. Doch die Gegenstände und die Art ihrer Verzierung sprächen für das erste Drittel des 3. Jahrhunderts, meint Professor Moosbauer, der schon das Feld der Varusschlacht untersuchte. An Katapultbolzen und Lanzenspitzen fanden die Forscher zudem Holzreste, die durch naturwissenschaftliche Untersuchungen ebenfalls auf diese Zeit datiert wurden. Bestätigt wird dieser Befund durch gefundene Münzen mit den Porträts römischer Kaiser wie Commodus (180 bis 192) und Alexander Severus (222 bis 235).
Aber warum? Was wollten die Römer so tief in Germanien?
Die Römer zogen Lehren aus ihrer Niederlage in der Varusschlacht. Von Norddeutschland, dessen Sümpfe, magere Böden und renitente Bewohner sie zur Genüge kennengelernt hatten, hielten sie sich fern. Dort aber, wo es wirtschaftlich interessant erschien, nahmen sie sich neues Land: das Neuwieder Becken bei Koblenz, das Maintal mit der Wetterau, die oberrheinische Tiefebene, das Neckartal, das Nördlinger Ries, den Odenwald und den Schwarzwald.
Der mehr als 500 Kilometer lange Obergermanisch-Raetische Limes verband Rhein und Main mit der Donau und wurde mit mehr als 60 Kastellen, Hunderten von Wachtürmen und einer drei Meter hohen Palisade aus Eichenbohlen gesichert. Für Egon Schallmayer, den Leiter des Römerkastells Saalburg, ist die Anlage ein Eingeständnis der Defensive. "Das Imperium war an seine Grenzen gestoßen."
Gegen Ende des 2. Jahrhunderts kam plötzlich Bewegung in die germanischen Gesellschaften jenseits von Rhein und Donau. Stämme wie die Markomannen, Quaden und Sarmaten, später die Alamannen und Goten griffen die römischen Grenzen an. Plündernde Germanen stießen bis zur Adria vor.
Marc Aurel (161 bis 180) war der erste Kaiser, der sich mit der neuen Lage konfrontiert sah. Das war die neue Doktrin: Selbstverteidigung durch Angriff. weiter...
Quelle: Spiegel Online
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