Neonazi-Seiten lassen sich immer schlechter verbieten
08.06.2008, 14:20 Uhr
Rechtsextreme kommen nicht mehr nur mit der Keule daher - im Internet werden sie subtiler (Quelle: imago)Mit Musik, Videoclips und Mitmachportalen versuchen Neonazis zunehmend, im Internet gezielt Jugendliche anzuwerben. Trotz ständiger Gegenmaßnahmen habe es 2007 so viele deutschsprachige rechtsextreme Webseiten gegeben wie nie zuvor, sagte der Projektleiter der länderübergreifenden Organisation jugenschutz.net, Stefan Glaser, bei der Vorstellung des Berichts "Rechtsextremismus im Internet" am Freitag. Insgesamt seien 1635 rechtsextreme Webseiten entdeckt worden.
Videos fürs Handy locken
Die so genannten Kameradschaften und die NPD hatten demnach 30 Prozent mehr Netzauftritte als noch 2006. Ganz bewusst würden dabei immer mehr "jugendaffine Lockangebote" wie Videos für das Handy eingesetzt und beliebte Web-2.0-Angebote wie YouTube oder SchülerVZ genutzt. Das Team dokumentierte im vergangenen Jahr mehr als 750 rechtsextreme Videos und Profile auf solchen interaktiven Plattformen. Zudem nutzen immer mehr rechtsextreme Versandhändler das Internet zum Vertrieb von Szene-Artikeln. Das Team dokumentierte insgesamt 166 Verkaufsplattformen.
Gerade noch nicht strafbar
Der "Zuwachs und die Konsolidierung" der rechtsextremen Internetseiten seien derzeit charakteristisch für die Szene, sagte Projektleiter Glaser. Während die Neonazi-Angebote früher ständig die Adressen gewechselt hätten, seien mittlerweile 85 Prozent konstant im Netz zu erreichen. Ein Grund dafür sei, dass viele Betreiber ihre Inhalte gerade "unterhalb der Strafbarkeitsgrenze" präsentierten.
Aussagen werden subtiler
Die Organisation fand deutlich weniger strafbare Inhalte als im Jahr zuvor: 16 Prozent enthielten 2007 Illegales, zum Beispiel volksverhetzende Aussagen, rechtsradikale Musik oder verbotene Nazi-Symbole. Im Vorjahr waren es noch 22 Prozent gewesen. Doch das stimmt die Experten trotzdem nicht optimistisch: Die rechtsradikalen Aussagen werden eben immer subtiler präsentiert.
Oft nicht sofort zu erkennen
Charakteristisch sei für viele der Internetseiten inzwischen auch die Gestaltung im Web-2.0-Stil. Kurze Info-Texte, moderne optische Gestaltung, Videoclips zum Herunterladen und eine unkomplizierte Kontaktaufnahme gehören dazu. Zudem seien viele rechtsextreme Seiten nicht mehr auf den ersten Blick als solche zu erkennen, weil dort keine Nazi-Logos mehr verwendet würden. Stattdessen bedienten sich die Betreiber Symbolen aus anderen Jugendszenen wie etwa Graffiti.
Ein Link zum VZ mit fatalen Folgen
Zudem stellen Neonazis gezielt professionell gemachte Videos bei YouTube ein oder platzieren Links bei Netzwerken wie SchülerVZ oder MySpace auf rechtsextreme Webseiten, berichtete Glaser. Auf YouTube habe jugendschutz.net im vergangenen Jahr fast 700 Videos mit rechtsextremen Inhalten dokumentiert. Zum einen würden die Jugendlichen so direkt angesprochen, zum anderen steige der Bekanntheitsgrad der Webseiten durch die Verlinkungen enorm an. Bei einer der beobachteten "Kameradschafts"-Seiten sei die Besucherzahl nach der Platzierung bei SchülerVZ binnen eines Monats von tausend auf 6000 hochgeschossen.
Scheinbar soziale Angebote
Neu sei auch, dass Neonazis mittlerweile Angebote aus der klassischen Jugendarbeit übernehmen, und zwar nicht nur vor Ort in den Dörfern und Gemeinden, sondern nun auch im Internet. So werde den Jugendlichen Nachhilfe oder Begleitung zum Berufsberater oder zum Arbeitsamt angeboten. Deshalb sei es "besonders bedenklich, dass sich die Anzahl dieser Sites seit 2003 mehr als vervierfacht" habe, heißt es in dem Bericht.
Plattformen sind in der Pflicht
Durch die Verhandlungen mit den Internetanbietern und Betreibern von Seiten wie YouTube habe jugendschutz.net 2007 die Schließung von 80 Prozent der entdeckten unzulässigen Internetseiten erreicht, sagte Glaser. Mit YouTube bestehe inzwischen eine Kooperation mit dem Ergebnis, dass das Portal auf Hinweis von jugendschutz.net im Durchschnitt 93 Prozent der als extremistisch gemeldeten Videos zügig lösche. "Auch SchülerVZ nimmt beanstandetes Material in der Regel sehr zeitnah aus dem Netz", sagte Glaser. Dennoch müssten auch die Betreiber mehr Verantwortung übernehmen, sagte Glaser. Wer im Internet Geld verdiene, müsse auch selbst Personal und Geld abzustellen, um rechtsextreme Inhalte zu identifizieren und zu sperren.
Rechtextremisten seit 2000 im Visier
Die Organisation jugendschutz.net wurde 1997 als gemeinsame Stelle der Bundesländer für den Jugendschutz im Internet gegründet. Das vierköpfige Team beobachtet seit 2000 den Rechtsextremismus im Internet und sorgt dafür, dass die entsprechenden Seiten abgeschaltet werden.