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Nazi-Demo und Gegenprotest: Textkritik statt Zeichensetzung

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Textkritik statt Zeichensetzung

23.12.2011, 14:39 Uhr | Ein Kommentar von Stefan Gärtner

Nazi-Demo (Quelle: dpa)

Nazi-Demo (Quelle: dpa)

In der Stadt, in der ich lebe, soll an Heiligabend eine Nazi-Demo stattfinden. Wenn man sich an Fernsehbilder von Nazi-Demos und Aufmärschen erinnert, bedeutet das, dass ein paar Hundert Menschen in Schwarz, die nicht unbedingt nach jener Herrenrasse aussehen, für deren Rechte sie marschieren, durch die Stadt laufen und dabei Transparente tragen, auf denen steht, dass Deutschland den Deutschen gehöre. Drumherum steht Polizei, und hinter der Polizei stehen Leute, die, wie in der Stadt, in der ich lebe, "Zivilcourage zeigen und aufstehen gegen Nazismus, Rassismus und Antisemitismus".

In der Stadt, in der ich lebe, ist eine Homepage geschaltet worden, die sich allein mit dem geplanten Nazi-Aufmarsch beschäftigt, nicht mit Nazis und Nazitum per se, sondern allein mit diesem Aufmarsch: Es gibt da "Mobilisierungs- und Informationsveranstaltungen", Angebote für Mitfahrgelegenheiten, die letzten Neuigkeiten vom Verwaltungsgericht. Der Ton ist so, als entscheide sich die Schlacht gegen das Monster des Nazismus an diesem Heiligabend, und zwar in der Stadt, in der ich lebe.

Worum geht es beim Aufstehen?

Meine Frau hat mich gefragt, ob wir da hingehen sollen. Ich habe gesagt, ich hätte den Verdacht, dass sich die Zivilgesellschaft da bloß selbst feiere, wenn die Toleranten und Aufgeklärten die Gelegenheit eines Nazi-Aufmarsches nutzten, davon Meldung zu machen, dass sie es ablehnen, Nicht-Arier zu erschießen. Ich will den aufrechten Antifaschisten ihren Antifaschismus nicht madig machen, aber worum geht es denn, wenn es darum geht, aufzustehen gegen Nazismus, Rassismus und Antisemitismus? Für wen wird da ein Zeichen gesetzt? Für die Nazis? Kaum. Die sind eher dankbar, dass die stimmungsvolle Kulisse die Wahrscheinlichkeit, ins Fernsehen zu kommen, einigermaßen erhöht.

Dann vielleicht für die Fernsehzuschauer? Für die ist es eine Nachricht unter vielen, und wenn es eine gute ist, dann nur deswegen, weil es das gute Gefühl vermittelt, dass mit der Demokratie alles in Ordnung ist, wenn auf jeden Nazi zwei Demokraten kommen, die ein Zeichen setzen. Für sich selbst müssen die Demonstranten kein Zeichen setzen, die wissen ja, wie sehr sie gegen rechts sind, auch wenn kein kleiner Teil der bürgerlich Zivilcouragierten Parteien wählt, die für rigide Asyl- und Abschiebemethoden einstehen, und auch wenn kein kleiner Teil von ihnen der Überzeugung ist, den südeuropäischen Faulärschen nicht mehr länger ihr Dolce Vita bezahlen zu wollen.

Aber ein Zeichen setzen wollen sie, so wie sie es damals mit den Lichterketten getan haben, und zwar ein Zeichen, dass das Land "gründlich zivilisiert" (Antje Vollmer) sei und nicht so, wie es in Wahrheit ist: eines, das Autonome knüppelt und Nazis laufen lässt, das, als gute Klassengesellschaft, nichts gegen ein fügliches Maß Sozialdarwinismus hat, das sich immer noch vor Überfremdung fürchtet und mit der Rede vom "Extremismus" ein Gleichheitszeichen zwischen links und rechts setzt und also die Schläger mit den Glatzen für nicht übler hält als die mit den bunten Haaren, die dagegen protestieren.

Gegendemos bannen die Gefahr nicht

Der Publizist Michael Rutschky hat einmal das glückliche Wort von der "kritischen Folklore" geprägt, und wenn es schon immer die demonstrativen "fantasievollen Aktionen" gegen rechts sein müssen: Wie wäre es, eine Nazi-Demo einfach mit vollem Aplomb zu ignorieren? Eine menschenleere Stadt und mittendrin ein paar braune Herrschaften, die sich, weil es ihnen, wie jedem Demonstranten, um Aufmerksamkeit geht, schon ziemlich wundern würden.

Ein Land, das wirklich so zivilisiert wäre, wie es behauptet, könnte die nationalen Kameraden ruhig als Wirrköpfe und Außenseiter behandeln, von denen eine Gefahr ausgeht, die nicht mehr ist als das Problem einer Polizei, die Verbrecher als solche behandelt. Die Gefahr aber, die unter den gegebenen, insgesamt rechtsaußenfreundlichen Umständen von Neonazis ausgeht, lässt sich durch noch so gut gemeinte Gegendemos nicht bannen; denn diese Gefahr wohnt in jedem Großstadtgetto, wo ganze Generationen verloren gehen, wohnt im Analphabetismus jedes fünften Fünfzehnjährigen, wohnt in der Millionenauflage eines Thilo Sarrazin, in den Schlagzeilen der "Bild"-Zeitung, in jeder Debatte um "nationale Identität" und in den "national befreiten Zonen“ Ostdeutschlands.

Um einen Satz des großen Schriftstellers Frank Schulz zu variieren: In unzivilisierten Zeiten hilft Zivilcourage jenen, die diese Zeiten zu verantworten haben. Die beste Zeichensetzung nützt nichts, wenn der Text nichts taugt.

Stefan Gärtner ist Jahrgang 1973, studierte Geisteswissenschaftliches in Mainz und New York und war von 1999 bis 2009 Redakteur beim endgültigen Satiremagazin "Titanic". Gärtner schreibt neben dem monatlichen Politessay fürs Hausblatt offizielle Biographien über Bundesaußenminister ("Guido außer Rand und Band", mit Oliver Nagel), sprachkritische Lowseller ("Man schreibt deutsh") und manchmal Witze fürs Fernsehen.


Ein Kommentar von Stefan Gärtner  

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Kommentare (22)

zum Forum

Thema: "Nazi-Demo und Gegenprotest: Textkritik statt Zeichensetzung"

Arbeiter schrieb: am 23. Dezember 2011 um 20:05:11
(170) (18) Nazi-Demo und Gegenprotest:
Als in Ludwigshafen ein Haus abbrannte - sehr wahrscheinlich durch überlastete Kabel beim Stromdiebstahl -
wurde den dort lebenden Migranten von der Stadt ein neues Haus geschenkt. Sie mussten nur "Nazi, Nazi" schreien. Als ein wenig später einer deutschen Frau mit sieben Kindern die Wohnung ausbrannte wurde ihr gedroht die Kinder weg zu nehmen wenn sie nicht ins "Asozialenviertel" zieht. Da kann man schon mal ins Grübeln kommen
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milli schrieb: am 23. Dezember 2011 um 19:16:25
(48) (126) nazi demo
wer hier links und rechts gleichsetzt, hat nichts begriffen. rechts war immer rassistisch ausgelegt und verherrlicht die
verbrecherische nazibewegung, die uns zerstört hat. hätten diese unverbesserlichen erfolg, würden wir Deutsche uns endgültig aus der europäischen geschichte verabschieden. linke versuchen, oft aus zorn und verzweifelung und folglich mit unlauteren mitteln, die welt der unterpreviligierten zu verbesser, was von gleichgültigen und wohlhabenden diskreditiert und bekämpft wird.
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tom schrieb: am 23. Dezember 2011 um 19:07:21
(138) (8) Demokratie ?
Eine Demokratie muß es aushalten daß es anders denkende gibt, sonst ist es keine Demokratie ! Nur muß sie dafür Sorge tragen
, daß dies für alle gilt !
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