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Druck auf Verteidigungsminister Jung wächst
07.09.2009, 08:30 Uhr
Bundeswehr in Afghanistan: Was passierte genau bei dem Angriff auf die Taliban? (Foto: Reuters)
Der verheerende Luftangriff auf von Taliban entführte Tankwagen in Afghanistan mit dutzenden Toten, darunter womöglich auch Zivilisten, bringt die Bundesregierung immer stärker in Erklärungsnöte. Unter Druck gerät vor allem Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU), dem neben der Opposition auch die SPD eine miserable Informationspolitik vorwirft. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte inzwischen zu, dass die Umstände des von der Bundeswehr befohlenen Angriffs zügig aufgeklärt würden.
Der Vorfall in der Nacht zum Freitag hat auch die Debatte über einen Rückzug der Bundeswehr neu entfacht. Nach wie vor ist unklar, wie viele Menschen bei dem Angriff ums Leben kamen und ob unter ihnen auch Zivilisten waren.
Lage richtig analysiert?
Trotz vieler unklarer Punkte und Fragen bleibt Verteidigungsminister Jung dabei: Die Entscheidung, zwei gekidnappte Tanklaster in Afghanistan zu bombardieren, sei richtig gewesen. Es war sicherlich der schwerwiegendste Einsatz im Gebiet der Bundeswehr in Afghanistan: Die Deutschen haben die Bombardierung von zwei Tankwagen angefordert, die Taliban in der Nähe des Bundeswehrlagers in Kundus gekapert hatten. Die Bomben, von amerikanischen Flugzeugen abgeworfen, schlugen ein, viele Menschen kamen dabei um. Nun sehen sich die Truppe, der Verteidigungsminister und die Kanzlerin schweren Vorwürfen ausgesetzt. Haben die Deutschen die Lage richtig analysiert? Hat man den Tod von Zivilisten in Kauf genommen?
Scharfe Worte aus dem Ausland
Nach scharfen Worten aus dem Ausland - Frankreichs Außenminister Bernard Kouchner sprach von einem "großen Fehler", EU-Außenkommissarin Benita Ferrero-Waldner von einer "großen Tragödie" - gerät Franz Josef Jung nun auch innenpolitisch unter Druck.
Zu wenig Informationen
Ulrike Merten, Vorsitzende des Verteidigungsausschusses im Bundestag, erklärte im Radiosender MDR Info, sie habe lediglich eine Information von knapp 14 Zeilen erhalten. "Es ist nicht hinnehmbar, dass wir als Abgeordnete aus den Zeitungen entnehmen müssen, welche Einschätzungen der Minister hat, ohne dass ich dazu sagen könnte, dies ist richtig oder falsch." Die Grünen fordern eine Regierungserklärung von Angela Merkel, die Linke eine Aktuelle Stunde im Bundestag.
Was genau ist passiert?
Unabhängig von der politischen Diskussion ist noch immer nicht klar, was in der Nacht auf Freitag genau passiert ist: Wie gefährlich war die Situation für die Bundeswehr - und wie viele Menschen, wie viele Zivilisten starben?
Fahrer geköpft
Nach den bisherigen Erkenntnissen ließ die Bundeswehr am 3. September einen illegalen Kontrollpunkt der Taliban sieben Kilometer süd-westlich des deutschen Camps in Kundus beobachten. In der Nacht zu Freitag brachten radikal-islamische Kämpfer dort zwei beladene Tanklastzüge in ihre Gewalt. Die beiden Fahrer wurden nach Angaben der Polizei geköpft. Der verantwortliche deutsche Kommandeur, Oberst Georg Klein, forderte daraufhin laut "Washington Post" einen amerikanischen B-1B-Bomber an, um nach den Transportern zu suchen. Tankwagen in den Händen von Terroristen, das ist eine äußerst beunruhigende Vorstellung - rollende Bomben.
Im Schlamm festgefahren
Entdeckt wurden die Fahrzeuge schließlich, im Schlamm festgefahren, in einem Flussbett - sechs Kilometer vom deutschen Feldlager entfernt. Nach Angaben der "Washington Post" konnte die Crew Männer mit Panzerfäusten und anderen kleineren Waffen erkennen. Dann drehte die Maschine ab, wegen Treibstoffmangels.
Alle waren Taliban?
Laut NATO forderten die Deutschen daraufhin F-15E-Kampfjets an. Eine halbe Stunde später, etwa 2.20 Uhr am Freitagmorgen, waren die Maschinen vor Ort. Die Besatzung übertrug Live-Bilder in das deutsche Kommandozentrum. Zugleich versicherte ein Informant telefonisch, bei allen Umstehenden handele es sich um Taliban. Laut "Washington Post" waren auf den Luftaufklärungsbildern etwa hundert Menschen zu sehen. Die Frage ist: Wer waren diese Menschen?
Dorfbewohner gezwungen?
In der "Washington Post" heißt es, die Taliban hätten Dorfbewohner mit Waffengewalt zur Hilfe gezwungen, um die feststeckenden Fahrzeuge wieder freizubekommen. "Sie kamen zu jedem Haus", wird ein Geschäftsmann zitiert, "sie fingen an, Leute zu schlagen, zeigten ihre Gewehre." US-Konteradmiral Gregory Smith, Sprecher von NATO-Kommandeur Stanley McChrystal, erklärte inzwischen dazu, die Nachtaufnahmen seien von geringer Qualität gewesen. "Man kann nur Schatten sehen."
Kleine Punkte auf dem Bildschirm
Gegen 2.30 Uhr gab der deutsche Kommandeur in Kundus den Befehl zum Luftschlag. Zwei Minuten später trafen die Bomben. Auf den Bildschirmen in der Kommandozentrale der Deutschen war die riesige Explosionswolke zu sehen. Der Feuerball leuchtete kilometerweit. Einige kleine Punkte, die wenigen Überlebenden, waren noch auf dem Bildschirm zu sehen. Es sei zu erkennen gewesen, heißt es bei der "Post", wie sie sich langsam von der Stelle wegbewegten.
Kein Erkundungsteam
Stunden später, um 6 Uhr deutscher Zeit, veröffentlichte die Bundeswehr auf ihrer Internetseite die Mitteilung: "Erfolgreicher Einsatz gegen Aufständische im Raum Kundus". Entgegen der Direktive des ISAF-Kommandeurs McChrystal schickten die Deutschen laut "Washington Post" zunächst kein Erkundungsteam los, am Morgen wurde ein unbemanntes Aufklärungsflugzeug gestartet, das Fotos schoss. Thomas Raabe, Sprecher des Verteidigungsministeriums, betonte später, deutsche Soldaten seien auf dem Weg zu dem Ort von Aufständischen angegriffen worden.
Leichen bereits weggeschafft
Erst um 12.30 Uhr trafen die ersten deutschen Soldaten am Ort des Geschehens ein und begannen mit der Untersuchung. Zu diesem Zeitpunkt waren die Leichen - gemäß islamischer Tradition - bereits weggebracht worden.
Unterschiedliche Opferangaben
Die Bundeswehr spricht bislang von 56 Toten - Verteidigungsminister Jung beruft sich dabei auf den Gouverneur von Kundus. "Der Bericht sagt, dies seien Taliban", so Jung. Die "Washington Post" berichtet unter Berufung auf ein NATO-Untersuchungsteam von 125 Toten. Mindestens zwei Dutzend der Toten seien keine Aufständischen gewesen.
Staatsanwaltschaft ermittelt
Dass die Staatsanwaltschaft Potsdam nun prüfe, ob ein Ermittlungsverfahren wegen eines Tötungsdelikts gegen den deutschen Oberst eingeleitet werden müsse, hält Jung nicht für "sachgerecht". Der Mann habe eindeutig Gefahr für seine Soldaten abwenden müssen, so der Minister. Die genaue Zahl der Opfer wird sich vermutlich nie ermitteln lassen.
Quelle: dpa
, AFP
, dapd