Zeitzeuge Hans Schwert vor einem Foto von dem durch die Nazis besetzten Gewerkschaftshaus in Frankfurt. Der 100-Jährige hat den Tag miterlebt (Quelle: dpa)Mit einem Schlag ist alles vorbei. Im ganzen Land schrecken am Vormittag des 2. Mai 1933 die Männer und Frauen in den Häusern der freien Gewerkschaften auf. Doch als sie den Lärm und das Geschrei von der Straße hören, ist es bereits zu spät. Mit Revolvern und Schlagstöcken bewaffnet stürmen Hitlers braune Truppen die Gebäude, besetzen Flure und Büros, nehmen reihenweise Funktionäre der Arbeiterverbände gefangen. Kassenbücher werden beschlagnahmt, Konten gesperrt.
Hans Schwert hat den Überfall auf das Gewerkschaftshaus in Frankfurt am Main miterlebt. "Die Funktionäre sind aus dem Haus geprügelt worden. Und die SA-Leute haben vor Freude gegrölt und gejohlt", erzählt der inzwischen 100 Jahre alte Zeitzeuge. Hans Schwert wollte Schreibmaschinen und Vervielfältigungsapparate in Sicherheit bringen, als er den NS-Terror von der Straße aus beobachtet. Wie in Frankfurt müssen die Arbeiter überall in Deutschland mit ansehen, wie SA- und SS-Leute die Hakenkreuzfahne auf den Häusern hissen. Es ist das Ende der Arbeiterbewegung im Nationalsozialismus - ein historisches Datum, das sich nun zum 75. Mal jährt.
Verhöhnt und gefoltert
Die Nazis nutzen den 2. Mai 1933, um mit ihren Gegnern abzurechnen. Gewerkschaftsvorstände werden durch die Stadt getrieben und verhöhnt, viele werden gefoltert und wochenlang inhaftiert. In Frankfurt trifft der Nazi-Terror unter anderem den Bevollmächtigten des Deutschen Metallarbeiterverbandes, Ernst Mulansky, und den örtlichen Leiter des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB), Otto Misbach. Sie werden wie viele andere in die sogenannte Perlenfabrik, eine ehemalige Ausbildungsstätte für Haushaltshilfen, gebracht, die als wildes Gefangenenlager dient.
Das eigene Grab schaufeln
Dort müssen sie nach Zeitzeugenberichten, die der Wiesbadener Historiker Axel Ulrich aufgezeichnet hat, im Hof ihr eigenes Grab schaufeln. Zur Hinrichtung kommt es jedoch nicht. Neben den Funktionären werden Gewerkschaftsredakteure, Kassierer der Arbeiterbanken und Politiker verhaftet.
"Dann gehören sie uns"
Während die Köpfe der Arbeiterbewegung drangsaliert werden, setzt das NS-Regime in den Gewerkschaftsbüros kommissarische Leiter ein. Es heißt, die Arbeit solle geregelt weiterlaufen. In Wirklichkeit gibt es für die Angestellten im Gewerkschaftshaus nichts mehr zu tun. Die neuen Chefs sollen nur dafür sorgen, dass sich kein Widerstand regt. Propagandaminister Joseph Goebbels hatte bereits am 17. April in seinem Tagebuch notiert: "Am 2. Mai werden wir dann die Gewerkschaftshäuser besetzen. Es wird vielleicht ein paar Tage Krach geben, aber dann gehören sie uns."
"Kühles Blut" nutzte nichts
Tatsächlich blieb es ruhig auf den Straßen: keine Kämpfe und auch kein Streik. "Die Gewerkschaftsmitglieder waren dafür gerüstet, die Häuser zu verteidigen, aber weder die SPD noch die Gewerkschaften haben dazu aufgerufen", erinnert der ehemalige Bezirkschef der Frankfurter IG Metall, Hans Pleitgen, heute Historiker. Seit Hitlers Regierungsantritt im Januar hatte es viele Übergriffe auf Arbeiter und ihre Einrichtungen gegeben. Trotzdem mahnte der Vorstand des größten Arbeiterverbandes ADGB seine vier Millionen Mitglieder, "kühles Blut" zu bewahren. Er hoffte, die Organisation vor einem gesetzlichen Verbot zu bewahren, rechnete aber nicht mit der Skrupellosigkeit der neuen Machthaber.
"Keine Überraschung"
"Für mich war der Überfall am 2. Mai keine Überraschung, der Charakter des Faschismus war bekannt", urteilt Zeitzeuge Schwert. "Es gab ja schon vorher 150 Tote." Doch in der Gewerkschaftsführung habe man geglaubt, "dass der Spuk bald wieder vorbei sei". So rief der ADGB sogar dazu auf, gemeinsam mit den Nationalsozialisten den "Tag der nationalen Arbeit" am 1. Mai zu feiern. Ausgerechnet Hitler hatte diesen traditionellen Tag der Arbeiterbewegung zum Feiertag erklärt.
Einfach usurpiert
Mit der Zerschlagung der Gewerkschaften am Tag danach räumte Hitler einen der letzten Verteidiger der Demokratie aus dem Weg. "Die einzige Kraft, die überhaupt Gegenwehr hätte leisten können, die haben sie usurpiert", sagt der Historiker Pleitgen. Im Frankfurter Gewerkschaftshaus, das den Krieg fast unversehrt überstanden hat, erinnert eine Ausstellung des Deutschen Gewerkschaftsbundes an die Ereignisse vor 75 Jahren: "... gerade Dich, Arbeiter, wollen wir ..." lautet der Titel.