31.10.2011, 10:50 Uhr | Ein Kommentar von Afef Abrougui
Muss man die Ennahdha-Bewegung fürchten? (Quelle: Reuters)
Am 23. Oktober gingen die Tunesier an die Urnen. Sie wählten eine nationale verfassungsgebende Versammlung, welche eine neue Verfassung schreiben und eine Regierung der nationalen Einheit bilden soll. Am Ende erhielt die moderate islamistische Partei Ennahdha (Partei der Wiedergeburt) mehr Stimmen als jede andere Partei oder unabhängige Liste.
Als die vorläufigen Endergebnisse bekannt wurden, begannen die säkularen Kräfte in Tunesien, ihren Sorgen und Ängsten darüber Ausdruck zu verleihen, dass die islamistische Partei die säkularen Werte des tunesischen Staates gefährden würde. Einige von ihnen gingen sogar auf die Straße, um gegen die Wahlergebnisse zu protestieren, die, den Wahlbeobachtern der Europäischen Union zufolge, "internationalen Standards entsprach".
Die Säkularisierungsbewegung in Tunesien geht auf die Zeit nach der Unabhängigkeit unter der Präsidentschaft Habib Bourguibas zurück. Dieser ist hauptsächlich für seine wichtige Rolle beim Erlass der Statusrechte bekannt. Dabei handelt es sich um eine Reihe von Gesetzen, welche hauptsächlich die Frauen beschützte und ihre Rechte garantierte.
Als junge Tunesierin, die für eine säkulare zentristische Partei gestimmt hat, empfinde ich die Ängste einiger meiner Landsleute als unbegründet und übertrieben.
Aufgrund der Verhältniswahl hat die islamistische Partei nicht die absolute Mehrheit der Stimmen erhalten. Sie bekam 90 der 217 Sitze, was 41 Prozent entspricht. Letzten Endes sitzen also mehr säkulare als islamistische Vertreter in der Versammlung.
Nach mehr als 50 Jahren autoritärer Herrschaft, die sich auf ein Einparteiensystem stützte, haben wir nun endlich eine wirklich facettenreiche und pluralistische verfassungsgebende Versammlung, in der Islamisten, Kommunisten, säkulare Kräfte, Liberale und unabhängige Kandidaten vertreten sind.
Ennahdha hat Verhandlungen zur Bildung einer Regierung der nationalen Einheit mit den beiden großen säkularen Parteien aufgenommen - dem Demokratischen Forum für Arbeit und Freiheit ( FDTL bzw. Ettakatol) und dem Kongress für die Republik ( CPR). Es wird erwartet, dass Ennahdha mit ihren säkularen Rivalen koaliert. Die Führer der Ennahdha behaupten, ihre Partei sei moderat und vergleichen sie oft mit der türkischen AKP. Warum gibt man ihnen also nicht eine Chance und beurteilt sie später?
Solche Ängste lassen sich durch die unfaire mediale Berichterstattung über das politische Leben in Tunesien erklären. Tatsächlich scheint Ennahdha das Lieblingsthema sowohl der westlichen als auch der lokalen Medien zu sein. Diese interessieren sich offenbar kaum dafür, dass mehr als die Hälfte der tunesischen Wähler nicht für Ennahdha gestimmt hat.
Einige Wochen vor der Wahl zeigte ein privater Fernsehsender den preisgekrönten Film "Persepolis". Der Film basiert auf der wahren Geschichte von Marjane Satrapi, einem iranischen Mädchen, das die islamische Revolution im Iran miterlebte, welche sein Heimatland in eine absolute Tyrannei verwandelte. Das ist nur ein Beispiel dafür, wie dieser Fernsehsender Ängste schüren wollte, dass Tunesien zu einem zweiten Iran würde, wenn Ennahdha gewänne.
Am 20. Oktober veröffentlichte der in Tunis lebende US-Amerikaner Erik Churchill einen interessanten Beitrag auf seinem Blog, mit dem Titel "What’s the real story about the Tunisian elections? Hint, it’s not all about Ennahdha." (Worum geht es bei den tunesischen Wahlen wirklich? Ein Tipp: Es geht nicht nur um Ennahdah.) Darin schrieb er: "Es gibt viele Kandidaten und viele Meinungen in Tunesien. Ich ziehe den Hut vor jedem etablierten Journalisten, der der Welt diese Seite Tunesiens zeigen kann."
Für diejenigen, die die politische Szene schon vor der Wahl aufmerksam beobachtet haben, sind die Ergebnisse überhaupt nicht überraschend. Ich glaube, dass die Tunesier, egal ob sie zu den säkularen Kräften oder zu den Islamisten gehören, die Wahl nicht aus einer Gewinner- oder Verliererperspektive betrachten sollten. Vielmehr sollten sie stolz sein, dass ihr Land es innerhalb von neun Monaten geschafft hat, eine pluralistische Gesellschaft aufzubauen und die ersten freien und fairen Wahlen des Arabischen Frühlings zu organisieren.
Afef Abrougui: Die tunesische Studentin schreibt regelmäßig für Global Voices Online. Sie ist außerdem Kolumnistin beim deutschen Magazin Südlink. Afef Abrougui war Chefredakteurin von Tunisia Live, einer tunesischen Nachrichtenseite in englischer Sprache, und lokale Koordinatorin des Institute for War and Peace Reporting.
Ein Kommentar von Afef Abrougui
fundador schrieb:
am 29. Oktober 2011 um 18:49:27
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Wahl in Tunesien
Die Tunesier brauchen sich wirklich nicht zu fürchten,schließlich haben sie nicht Merkel gewählt.
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Ultas schrieb:
am 29. Oktober 2011 um 17:13:41
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tunesiens wahl
obwohl oder gerade deshalb,dass diese islamistische partei unter dem früheren führer ben ali verboten war,scheint sie sich
doch dauerhaft gehalten zu haben.und auch noch einen wahlvorsprung erreicht zu haben und das bei einer freien demokratischen wahl.damit hat der westen NICHT gerechnet und kann dahin auch nicht eingreifen ohne sich nicht lächerlich zu machen,wie so oft in anderen ländern die er durch waffengewalt und sonstiges bekehren will.wann lernt der westen daraus ?
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herbi schrieb:
am 29. Oktober 2011 um 16:07:27
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Unbegründete und übertriebene Ängste…
Sehr guter Artikel einer jungen Tunesierin, die sich wohl ein wenig besser auskennt im eigenen
Land, wie so manche „Experten“ hier in Deutschland! Hab da gestern in dem Forum „Gewalttätige Proteste gegen Islamisten in Tunesien“ schon so meine einschlägigen Erfahrungen gemacht! Zumal Tunesien nicht unbedingt mit Libyen vergleichbar ist.
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