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Mythos vom Nazi-Waschbär widerlegt

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Mythos vom Nazi-Waschbär widerlegt

14.04.2009, 08:47 Uhr | Von Chris Melzer, dpa

Seit 75 Jahren leben Waschbären in Deutschland (Foto: imago) Seit 75 Jahren leben Waschbären in Deutschland (Foto: imago)

Der Name ist nicht schmeichelhaft, hat sich aber in der englischen Presse durchgesetzt: "Nazi Racoons" werden die europäischen Waschbären genannt, und selbst die ehrwürdige "Times" hängt den grauen Tierchen eine braune Vergangenheit an. Grund: Hermann Göring persönlich soll die Ansiedlung von Waschbären am nordhessischen Edersee angeordnet haben.

Der Reichsmarschall und begeisterte Jäger habe sich neues Getier vor die Waffe züchten lassen wollen und so vor genau 75 Jahren die Manipulation der Fauna veranlasst, liest man sogar in der Fachliteratur. Alte Dokumente beweisen jetzt: Der Nazi hatte mit den Waschbären gar nichts zu tun. Im Gegenteil - Berlin war sogar dagegen.

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Population entwickelte sich prächtig

Fast alle deutschen, ja mitteleuropäischen Waschbären stammen von nur zwei Paaren ab. Zuerst wollten die vier am 12. April 1934 am Edersee trotz einer Lockfütterung mit angebrüteten Eiern und geschossenen Eichhörnchen gar nicht aus den Transportkisten. Doch in der perfekten Umgebung - viel Wald, viel Wasser, viel Nahrung - entwickelte sich die Population später prächtig. Nach dem Krieg lebten in Deutschland ein paar Dutzend Waschbären, 25 Jahre später schon 20.000. Heute sind es wohl eine halbe Million.

Alle Tiere stammen von vier Waschbären ab

Das wald- und wasserreiche Kassel hatten die Bären mit Migrationshintergrund bald übernommen und zur europäischen Hauptstadt ihrer Bewegung gemacht. "Zum Teil hat im Sommer jeder Garten seinen Waschbären", sagt der Wildbiologe Frank-Uwe Michler. Und alle Waschbären, auch die im Hamburger Stadtpark oder im Bayerischen Wald, stammen - genetischer Flaschenhals hin oder her - von den vier Tieren vom Edersee ab.

Akten über Waschbären

"Überall liest man immer, dass Göring persönlich diesen nicht unbedenklichen Eingriff in die Natur angeordnet hat", sagt Horst Marohn vom Landesbetrieb Hessen-Forst. Doch Marohn und sein Kollege Eberhard Leicht haben Gegenbeweise ausgegraben. Leicht ist als Leiter des Reviers Vöhl-Edersee Nachmieter der Kollegen, die damals in Nordwesthessen die Waschbären aussetzten. Darüber wurde nicht nur akribisch Buch geführt, die Akten wurden auch verwahrt.

"Genehmigung von oben" war nötig

"Man hat nicht einfach den Käfig aufgemacht und geschaut was passiert. Das war auch damals schon ein regelrechtes Genehmigungsverfahren", sagt Leicht. Pelzhändler hatten die Idee, den putzigen und angeblich sogar schmackhaften Kleinbären mit der Panzerknackerbrille in die heimische Fauna zu holen. Da die Region nicht nur zu Deutschland, sondern zu Preußen gehörte, war allerdings eine "Genehmigung von oben" notwendig. Von ganz oben.

Ausgebüxter Waschbär stahl Enten und Meerschweinchen

"Nach unseren Unterlagen ging erst einmal ein Antrag an das Regierungspräsidium in Kassel", sagt Leicht. "Die haben das aber weitergereicht an den Landesjägermeister." Und der saß im Lande Preußen in Berlin. Dort gab es Widerstand von den in Tierfragen bekanntesten Köpfen im Deutschen Reich: Carl Hagenbeck, Tierforscher aus der Hamburger Zoodynastie, und Lutz Heck, Namensgeber des Heckrindes, wie sein Vater Direktor des Berliner Zoos und Bruder des Münchner Zoodirektors. Heck zeigte sich "nicht so ganz einverstanden", und Hagenbeck verwies auf einen in seinem Garten ausgebüxten Waschbären: "Er hatte sechs Junge zu ernähren und stahl mir täglich mehrere Enten, Meerschweinchen und dergleichen".

"Göring hat nichts mitbekommen"

Monatelang wurden die Akten in der obersten Jagdbehörde gewälzt. "Als dann eine Entscheidung aus Berlin kam, war es ohnehin zu spät", sagt Leicht. "Mein Vorgänger Wilhelm Sittich Freiherr von Berlepsch hatte die Tiere längst freigelassen." Die beiden Weibchen waren trächtig, und offenbar wollten die Forstleute, dass die Jungen in Freiheit geboren werden. "Hermann Göring war zwar der oberste Chef, aber von all dem hat er mit ziemlicher Sicherheit nichts mitbekommen", sagt Leicht. Der Name des Nazis findet sich auf keinem Blatt der vergilbten Akten.

Tollpatschiger Sammler

Hecks und Hagenbecks Warnungen waren nicht unbegründet. Tatsächlich hat sich der Kleinbär mancherorts zur Plage entwickelt. Förster Leicht sieht es gelassen. "Natürlich kommt er nicht an einem Ei vorbei. Aber er ist nicht der brillante Jäger, ein nur mäßiger Kletterer und manchmal sogar ein bisschen tollpatschig." Und somit eher Sammler als Jäger. Und ein Nazigewinnler ist der Waschbär eben doch nicht.


Quelle: dpa

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