07.02.2011, 17:45 Uhr
Mircos mutmaßlicher Mörder hat offenbar angedeutet, selbst als Kind missbraucht worden zu sein (Foto: dpa)
Wurde der mutmaßliche Täter im Mordfall Mirco als Kind selbst Opfer eines Sexualverbrechers? Das zumindest hat Olaf H. den Ermittlern erzählt. Nachdem er aber schon einmal gelogen hat, ist die Polizei skeptisch.
"Er hat sehr viele Varianten erzählt. Das ist eine der Geschichten", sagte ein Polizeisprecher in Mönchengladbach. Beweise, die diese Darstellung untermauern, gebe es bislang nicht.
Nach Angaben seines Verteidigers Gerd Meister habe Olaf H. den Missbrauch nur angedeutet und sich noch nicht näher dazu eingelassen. "Er ist in einem psychisch sehr labilen Zustand", erläuterte Meister. Grundsätzlich sei Olaf H. aber bereit, sich dazu vor einem Psychologen zu äußern.
Nachdem sich bereits das von H. genannte Tatmotiv "Berufsstress" als falsch herausgestellt hat, stuft die Polizei auch dessen Selbstdarstellung als Opfer im Kindesalter als "äußerst fraglich" ein.
Die Andeutung von Olaf H., als Kind selbst sexuell missbraucht worden zu sein, "kann wahr sein oder eine Schutzbehauptung. Er könnte ja konkreter werden", sagt der Kriminalist und Autor Stephan Harbort. "Solche Täter suchen selbst nach Erklärungen für ihr Verhalten. Bei Serienmördern hat sich herausgestellt, dass die eigene Opferrolle als Kind mitunter gelogen war." Viele dieser Täter seien "Meister der Verstellung".
Deswegen müsse das Geständnis aber nicht insgesamt falsch sein: "Ich kenne kein Geständnis, bei dem sofort immer alles gestimmt hat", sagt Harbort.
Laut Polizei hatten sich zuvor erste Aussagen von H. als "nachweislich falsch" erwiesen, in denen der Tatverdächtige Frust über beruflichen Stress als Motiv für das Verbrechen an Mirco genannt hatte. So habe beispielsweise ein angebliches Telefonat von H. mit dessen Vorgesetztem niemals stattgefunden. Der zuletzt im niederrheinischen Schwalmtal wohnende H. hatte den Ermittlern zufolge zunächst ausgesagt, er sei in dem Telefonat wenige Stunden vor der Tat von seinem Chef "zusammengefaltet" worden. Spätere Nachforschungen ergaben aber demnach, dass der Vorgesetzte zur fraglichen Zeit in Urlaub war.
Derzeit untersuchen die Ermittler, ob der dreifache Vater andere Morde an Kindern begangen haben könnte. Dazu erstellen sie ein Bewegungsprofil des 45-Jährigen aus den vergangenen Jahrzehnten. Olaf H. hat am Niederrhein in mehreren Städten gewohnt: in Korschenbroich, Mönchengladbach und zuletzt in Schwalmtal. Verteidiger Meister betonte, bisher gebe es "nicht den geringsten Hinweis auf weitere Taten" und "keine Auffälligkeiten" im Vorleben seines Mandanten.
Die Durchsuchung eines stillgelegten Tierparks zwei Kilometer von seinem Wohnort entfernt hatte keine weiteren Spuren ergeben. "H. hatte einen Schlüssel für dieses Gelände. Deswegen haben wir es untersucht", erklärten die Ermittler.
Ebenso ging die Polizei Zeugenaussagen nach, wonach Olaf H. nach der Entführung von Mirco in seinem Garten gegraben hatte. Der Verdächtige habe aber anscheinend nur an einem Fischteich gearbeitet.
Die umfangreichen Aussagen des Beschuldigten werden inzwischen auch von einem Kriminalpsychologen auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft. Dass H. zweimal geschieden worden sei, sei laut Kriminalist Harbort ein Indiz dafür, "dass er bestimmte Konfliktsituationen nicht so lösen konnte wie vielleicht andere". Taten wie der Mord an Mirco hätten meist eine jahrelange Vorgeschichte von bis zu 15 Jahren.
Meist habe der Täter in dieser Zeit "einen Hinweis gesetzt" auf das, was in ihm brodelt. Oft sei dies für das Umfeld aber nicht erkennbar. Und dass Olaf H. zu dem, was er konkret mit Mirco gemacht hat, schweigt, sei dabei typisch. "Viele Täter bekommen es nicht hin, sich zu ihren eigenen Perversionen zu bekennen. Diese Stigmatisierung will man sich und seinen Angehörigen nicht zumuten." Als Ersttäter sei H. mit 45 Jahren allerdings recht alt. "Mehrheitlich sind solche Täter bei der ersten Tat 16 bis 35 Jahre alt."
Ein psychiatrischer Gutachter könnte aufklären, aus welchem Grund Mirco sterben musste. "Kennt man die Persönlichkeitsstruktur des Täters, kann man das relativ sicher nachvollziehen." Aber selbst wenn dies am Ende offen bliebe: Dem Beschuldigten droht lebenslange Haft.
Mirco war am 3. September auf dem Nachhauseweg vom Spielen spurlos verschwunden, eine monatelange Fahndung nach dem Jungen verlief zunächst erfolglos. Nach seiner Festnahme Ende Januar gestand der dreifache Familienvater Olaf H. das Verbrechen an dem Jungen und führte die Ermittler zu dessen Leiche in der Nähe von Grefrath. Überführt wurde der Mann nach Angaben der Ermittler letztlich durch Spuren an seinem früheren Wagen, die mit Spuren von Mircos Kleidung identisch war. Die Obduktion von Mircos Leiche hat nicht aufklären können, was dem Jungen widerfuhr. Nach fünf Monaten im Wald war die Todesursache nicht mehr zu klären.
Quelle: AFP , dpa
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