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Mordfall Mirco: "Den kannst du nicht laufen lassen"

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"Den kannst du nicht laufen lassen"

13.07.2011, 18:11 Uhr | Von Frank Christiansen

Prozessauftakt im Mordfall Mirco (Foto: dpa)

Prozessauftakt im Mordfall Mirco (Foto: dpa)

Manchmal scheint es so, als würde Olaf H. lächeln. Die Mundwinkel mit schmalen Lippen zucken nach oben, dann nickt er und bestätigt: "Ja". Dass die Menschen stundenlang vor dem Schwurgerichtssaal des Krefelder Landgerichts anstehen, um einen Blick auf ihn - den geständigen Kindermörder - zu werfen, scheint ihn nicht sonderlich zu belasten.

Seinen Verteidiger Gerd Meister lässt er den Mord sofort einräumen. "Es wurde fair ermittelt. Die Beweislage ist vernichtend", sagt der Anwalt. Das Verfahren werde "Einblicke in Abgründe" gewähren, kündigt der Anwalt an. Der 45-Jährige habe Mirco in seinem Auto entführt und mit einer Schnur erdrosselt.

Windungen und Wendungen im Geständnis

Dass er zur Leiche noch mal zurückgekehrt sei und ihr ein Messer in den Hals gerammt habe, stimme aber nicht. Auch sei nicht die Wut über eine ausgebliebene Erektion das Motiv, sondern schlicht die Tatsache, dass er gedacht habe: "Du bist schon viel zu weit gegangen. Den kannst du nicht laufen lassen".

Der Vorsitzende Richter Herbert Luczak greift zu einem dicken Packen Papier und beginnt vorzulesen. Es sind die Vernehmungsprotokolle von Olaf H. bei der Polizei. Allmählich wird klar, welche Windungen und Wendungen die Geständnissen des ehemaligen Telekom-Mitarbeiters nahmen. Etwa zehn Mal hat er seine Einlassung abgeändert. Vom sterbenden Mirco, den er auf einem Parkplatz fand und dem er nicht mehr helfen konnte, über eine Unfallvariante bis hin zu dem, was nun verhandelt wird: Mord.

Macht und Erniedrigung als Tatmotiv

Auch dabei verstieg sich der 45-Jährige in abenteuerliche Versionen - etwa die, dass er Mirco nur in sein Auto bugsiert habe, um mit ihm zu reden und ihn zu beruhigen, nachdem er ihm bei einer Pinkelpause aus Versehen vor das Rad gelaufen sei. Mal soll sich der Junge wegen eines Missverständnisses selbst ausgezogen haben, worüber er erschrocken gewesen sei, dann gesteht er, dass er den Jungen ausgezogen habe.

Es sei ihm um Macht gegangen, um Erniedrigung, nicht um Sex, beteuerte Olaf H. schließlich den Vernehmungsbeamten. Dennoch will er den Zehnjährigen ausgesprochen nett behandelt, ihn gestreichelt, stets "bitte" gesagt haben. Einmal räumt er aber auch ein, dass er sich vorgestellt habe, wie es wäre, mit dem Jungen Sex zu haben.

Er habe sich selbst auch ausgezogen und sich auf ihn gelegt, aber keine Erektion bekommen und gemerkt, "dass das nicht sein Ding" sei. Dann liefert er die Variante, dass er umgekehrt und zur Leiche zurückgefahren sei in der Hoffnung, dass der Junge noch lebe. Schließlich räumt er ein, es war die Angst und er habe dem kleinen Körper sicherheitshalber auch noch ein Messer in den Hals gerammt. Am Dienstag lässt er auch dies widerrufen.

Mirco hatte von Anfang an panische Angst

Immer wieder stöhnen Zuschauer im Saal ob der psychischen Tortur, sich alle Varianten in wechselnden Details anhören zu müssen. Wie er noch den Kindersitz seiner Tochter wegräumte, um Platz zu schaffen im Dienstwagen.

Die skelettierte Leiche Mircos, zu der Olaf H. die Ermittler nach 145 Tagen führte, lässt keine Rückschlüsse darauf zu, was Mirco wirklich widerfuhr. Um das Urteil "lebenslange Haft" wird Olaf H. vielleicht nicht herumkommen, aber lebenslang ist ein dehnbarer Begriff in Deutschland. Es geht für Olaf H. noch um die in aller Regel haftverlängernde "besondere Schwere der Schuld" und die Einstufung seiner Gefährlichkeit für die Zukunft - erheblich für den Tag der Entlassung.

Eins bleibt in seinen diversen Geständnissen auffällig konstant: Mirco glaubte ihm keine Sekunde. Er hatte von Anfang an panische Angst, nässte sich im Auto ein.


Quelle: dpa

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