Hans Mommsen ist einer der bekanntesten Zeithistoriker in Deutschland (Quelle: dpa)In Deutschland gibt es nach Einschätzung des Historikers Hans Mommsen "nur sehr wenig Tendenzen zur Ästhetisierung der NS-Zeit". "Teile der Vergangenheit werden idealisiert, aber das sollte man nicht zu ernst nehmen. Im Vergleich zu anderen Ländern sind in Deutschland die postfaschistischen Tendenzen sehr schmal", urteilt der renommierte Nationalsozialismus-Forscher in einem Gespräch zum 75. Jahrestag der Machtergreifung durch die Nazis am 30. Januar 1933.
"Mangel an Aufklärung"
Wer vermeintlich gute Seiten und Errungenschaften der NS-Diktatur hervorhebe, erliege heute noch den Nachwirkungen der Nazi-Propaganda. "Da schlägt ein Mangel an Aufklärung durch", sagte der 77 Jahre alte, inzwischen emeritierte Professor. Immer wieder wird behauptet, der Autobahnbau, das Wirtschaftswachstum oder die Familienpolitik in den 30er Jahren seien Adolf Hitlers Verdienste. Betrachte man diese scheinbaren positiven Seiten der Diktatur aber näher, "bleibt nicht mehr viel übrig". "Der Autobahnbau war weitgehend eine Leistung der späten Weimarer Republik", das NS-Regime habe die vorhandenen Pläne lediglich ausgeführt, betont der Historiker, der zuletzt in Bochum gelehrt hat.
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Gefühlter Aufschwung
Auch zum Ende der Wirtschaftskrise habe die Politik der Nazis "nur sehr begrenzt beigetragen". Es sei "eine Legende", dass die Nationalsozialisten Deutschland ab 1933 zu einem Aufschwung verholfen hätten: "Da spielten auch viele psychologische Gefühle mit hinein: Die Bevölkerung hatte das Gefühl, dass es aufwärts gehen würde." Dabei seien beispielsweise die Löhne der Arbeiter nicht gestiegen, vielmehr sei die Arbeitszeit im Schnitt erhöht worden. Und spätestens, nachdem 1939 der Krieg begonnen hatte, sei der private Konsum ohnedies stark eingeschränkt gewesen. Die Menschen hätten nicht vom angeblichen Aufschwung profitieren können.
Propaganda mit Familien
Auch die Förderung der kinderreichen Familie sei lediglich Propaganda gewesen, statistisch gesehen habe sich die Familienpolitik nur begrenzt durchgesetzt. Wer die Rolle der Frau in den Jahren der NS-Diktatur lobe, vergesse "die Ausbeutung der weiblichen Bevölkerung in der Industrie", betont der Zeithistoriker, der heute in Feldafing in Oberbayern lebt.