31.08.2006, 15:04 Uhr
In Leipziger Bahnen und Bussen fahren ab Mitte November erstmals Hartz-IV-Empfänger als Begleitpersonal mit. Die Verkehrsbetriebe LVB und die Agentur für Arbeit stellten am Donnerstag das umstrittene Modellprojekt für Langzeitarbeitslose vor: Demnach sollen künftig 300 Langzeitarbeitslose bei der Verkehrsberatung in Kitas helfen, Fahrplanauskünfte geben, Rollstuhlfahrern und Müttern mit Kinderwagen beim Ein- und Aussteigen unterstützen, mutwillige Zerstörungen verhindern und nicht zuletzt das Sicherheitsgefühl erhöhen.
Bus-PatrouillenTiefensee in der Kritik
Unter der Al-Kaida-Schwelle
Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee, auf den das Projekt zurückgeht, stellte schon vor Tagen klar, dass es keineswegs darum gehe, Hartz-IV-Empfänger im Kampf gegen den Terrorismus einzusetzen. Auch LVB-Chef Wilhelm-Georg Hanss erläuterte am Donnerstag: "Mit schwarzen Sheriffs oder Ähnlichem hat das nichts zu tun. Wir haben Sicherheitsprobleme weit unter der Al-Kaida-Schwelle."
Mehr Sicherheit
Hintergrund: Der frühere Leipziger Oberbürgermeister Tiefensee hatte gefordert, Hartz-IV-Empfänger zur Verbesserung der Sicherheit im öffentlichen Nahverkehr einzusetzen. Vor allem bei Verkehrsverbänden stieß das Vorhaben auf Widerstand. Sie kritisierten, Langzeitarbeitslosen mangele es an der nötigen Ausbildung. Zusätzliche Verwirrung erzeugte eine Sprecherin des Verkehrsministeriums mit der Äußerung, der Vorschlag sei als Beitrag zur "aktuellen Sicherheitsdiskussion" zu betrachten, die durch die fehlgeschlagenen Kofferbomben-Anschläge auf Regionalzüge ausgelöst wurde.
Ziel erster Arbeitsmarkt
Tatsächlich wurde das Modellprojekt schon seit Mai vorbereitet. "Hauptziel ist es, Langzeitarbeitslose wieder in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren - ohne bestehende Arbeitsplätze zu gefährden", erläuterte Andreas Zehr von der Arbeitsgemeinschaft Leipzig, die Arbeitslosengeld-II-Empfänger vermittelt und betreut. Das Projekt startet am 15. November mit den ersten 50 Arbeitslosen, bis Mai 2007 wird die Zahl auf 300 aufgestockt. Sie arbeiten 30 Stunden pro Woche, erhalten Dienstkleidung und Diensthandy und bekommen eine so genannte Aktiv-Prämie von monatlich 100 bis 150 Euro. Rund 150 Langzeitarbeitslose sollen in Bahnen und Bussen "patroullieren", die anderen 150 gehen zur Verkehrsberatung in Kindertagesstätten, Schulen und Seniorenheime.
Abschreckende Wirkung
Neben mehr Service verspricht sich LVB-Chef Hanss von den neuen Bahnbegleitern vor allem eine abschreckende Wirkung gegen Vandalismus. Zerkratzte Scheiben, ausgerissene Sitze, Graffiti und zerstörte Automaten kosten die Verkehrsbetriebe mit ihren rund 600 Bussen und Bahnen jährlich rund eine Million Euro. Es gehe um "Sicherheit durch Präsenz". Dass die Bahnbegleiter etwa durch aggressive Fahrgäste auch in brenzlige Situationen kommen können, ist nicht ausgeschlossen. Sie werden deshalb mit einem Deeskalationstraining geschult, sollen aber nicht eingreifen, sondern die Polizei alarmieren.
Modell könnte Schule machen
Das Beschäftigungsprojekt soll zunächst drei Jahren laufen. Wer sich besonders gut macht und die nötige Arbeitsdisziplin mitbringt, hat die Chance auf eine Festanstellung. "Allein im Fahrdienst müssen jedes Jahr 50 Stellen neu besetzt werden", so der LVB-Chef. Andere könnten womöglich als Schlosser oder Kundenbetreuer unterkommen. Wenn das Modellprojekt gut läuft, könnte es laut Zehr auch in anderen Städten erprobt werden. In Berlin wird laut Presseberichten bereits geprüft, ob Hartz-IV-Empfänger bei den Verkehrsbetrieben eingesetzt werden können. In Thüringen fahren nach einem Bericht der "Thüringer Allgemeine" einige Ein-Euro-Jobber bereits in Schulbussen mit.
Quelle: dpa , AFP
Bitte füllen Sie alle Felder aus.

Sie sind der Meinung, dass dieser Kommentar anstößige Inhalte enthält.

Die Mexikanerin Natalia Juarez will mit dem Plakat aufrütteln. zum Video