
25.10.2011, 15:46 Uhr
Kann die Tätigkeit als Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung aus persönlichen Gründen nicht mehr ausfüllen: Christine Bergmann hinterlässt eine große Lücke (Quelle: dpa)
War da was? Eineinhalb Jahre lang erschütterte die Debatte über sexuelle Gewalt die Öffentlichkeit, die Bundesregierung richtete die Stelle einer Missbrauchsbeauftragten ein. Nun hat Christine Bergmann ihren letzten Arbeitstag - Nachfolge und Ausgestaltung ihrer Stelle sind völlig unklar.
"Ich will Ergebnisse sehen", sagte die Ministerin forsch. "Wir haben eine Verantwortung gegenüber den Opfern." Das verkündete Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) vor genau eineinhalb Jahren entschlossen. Inzwischen hat ihr Engagement deutlich an Schwung verloren.
Schröder weigert sich beharrlich, Auskunft darüber zu geben, wie die Position der sogenannten Unabhängigen Beauftragten zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs künftig ausgestaltet werden - und wer sie besetzen soll.
Bisher machte Christine Bergmann (SPD) die Arbeit, und alle sind sich einig, dass sie das so entschlossen wie einfühlsam tat. An diesem Dienstag hat Bergmann ihren letzten Tag. Sie mag die nervenaufreibende Tätigkeit nicht mehr machen, kann sie aus persönlichen Gründen nicht mehr ausüben.
Wie es mit ihrer Position weitergehen soll, weiß auch Bergmann selbst nicht. Sie hinterlässt eine Leerstelle. "Ich hätte die Stelle der Unabhängigen Beauftragten gegen sexuellen Kindesmissbrauch natürlich gerne persönlich übergeben", sagte Bergmann. "Denn es geht um wichtige und sensible Fragen."
Als sie ihre Arbeit aufnahm, war es die Kanzlerin selbst, die der Aufarbeitung höchste Priorität einräumte. Angela Merkel berief die angesehene Politikerin als Unabhängige Beauftragte.
Die Bundesregierung schweigt über die Nachfolge. Drei Bundesministerinnen sitzen am Runden Tisch, keine mochte sich äußern, wie es nach Bergmanns Abgang weitergehen soll.
In der Betroffenenszene herrschen Irritation und Wut. Da ist von Missachtung der Arbeit Bergmanns die Rede. Von der nachträglichen Demontage einer Frau, "die in die Seelen der Betroffenen geschaut hat", wie es ein Opfer sexueller Gewalt formuliert.
"Ich befürchte, dass der politische Wille zur Fortführung dieser so wichtigen Position nicht mehr da ist", sagte Julia von Weiler von Innocence in Danger, einem Verein zum Schutz vor sexueller Gewalt.
"Man lässt Bergmann erst nach Hause gehen - und sägt dann den Stuhl der Beauftragten gegen sexuelle Gewalt ab", klagt Christian Bahls von "Mogis - eine Stimme für Betroffene" an. "Sie hat ihren Job einfach zu gut gemacht, sie stand auf unserer Seite."
Christine Bergmann, 72, hat die Position der Unabhängigen Beauftragten so interpretiert, dass die Menschen verstehen konnten, wie verbreitet sexualisierte Gewalt in der Gesellschaft ist. Ihr Nottelefon deckte für eine breite Öffentlichkeit die Dimensionen einer ungeheuerlichen Parallelwelt auf.
Als Bergmann einen Fernsehspot mit Wim Wenders gestaltete und die Plakataktion "Das Schweigen brechen" startete, standen die Telefone nicht mehr still, quollen die Briefkästen in der Berliner Glinkastraße über. 20.000 Anrufe und Briefe gingen ein.
Bergmanns Intention war es, nicht selbst die Stimme der Betroffenen zu sein, sondern ihnen ihre Stimme zu geben. Manche schrieben Fortsetzungsbriefe, andere malten ihre Geschichte, eine 89-Jährige rief an und berichtete, was ihr widerfahren war. Noch heute gehen täglich 40 bis 60 Anrufe ein, um Missbräuche zu melden oder sich über Beratung zu informieren.
Eineinhalb Jahre lang stand das Thema sexualisierte Gewalt im Zentrum des öffentlichen Interesses. Kurz nach dem Bekanntwerden des Missbrauchs in katholischen Internaten und Schulen wie dem Bonner Aloisius-Kolleg oder dem Kloster Ettal flog auch der systematische Missbrauch von Schülern der Odenwaldschule auf. Es wurden perfekt-perfide Missbrauchssysteme sichtbar.
Bergmann konnte die kriminellen sozialen Substrukturen zutage fördern - weil sie prominent und zugleich unabhängig war. Nun ist lediglich klar, dass es weiter eine Missbrauchsstelle geben soll. Aber wird sie dem Familienministerium ein- oder zugeordnet? Wird gar ein Beamter Kristina Schröders das Büro wechseln und in "unabhängig" umgetauft?
Von Bergmanns eigenem Vorschlag, die Stelle mit einem Sachverständigenrat aufzuwerten oder gar ein Bundesamt gegen sexualisierte Gewalt zu schaffen, ist die Politik inzwischen meilenweit entfernt.
"Nur die Besetzung der Stelle mit einem externen prominenten Experten gewährleistet, dass die Rechte der Betroffenen wirksam vertreten werden", sagt Julia von Weiler - und sieht besorgt auf den bevorstehenden Gesetzgebungsprozess für die Empfehlungen des Runden Tischs.
Bergmanns Stelle verwaist just in dem Moment, wo Therapiemöglichkeiten, Präventionsangebote und verlängerte Verjährungsfristen des Missbrauchs in Gesetze gegossen werden sollen.
Bergmann sagt: "Es wäre ein wichtiges Signal an die Opfer sexuellen Missbrauchs gewesen, dass ein nahtloser Übergang gewährleistet ist. Die Betroffenen müssen sich anerkannt und ernst genommen fühlen."
Quelle: Spiegel Online
Tarzan schrieb:
am 25. Oktober 2011 um 15:54:51
(26)
(2)
Mißbrauch
Das war doch klar die Frau Bergmann war denen zu forsch und sie wollte was für die Opfer tun und ereichen.Jetzt reiben die sich
die Hände Kirche und Staat die sind wir los. Bin selber ein Opfer und sehr sehr Enttäuscht was da alles so abläuft. Gute Nacht Deutschland.
mehr
Kommentar melden
Demokrat schrieb:
am 25. Oktober 2011 um 15:04:26
(18)
(3)
Mißbrauchsopfer
Es würde mich schon sehr wundern, wenn Geld für dieses Thema da sein sollte. Selbst die katholische Kirche hat kein
Interesse an Aufklärung. Es ist eine Schande für unser Land und die Verantwortlichen. Solch ein Thema bringt kein Geld, nur Informationen, die peinlich sind. Mir wird regelrecht übel, wenn ich daran denke diese Leute auch noch gewählt zu haben. Pfui!
mehr
Kommentar melden
Elfe schrieb:
am 25. Oktober 2011 um 13:48:22
(18)
(1)
Mißbrauch
Es wird davon geredet, daß Mißbrauchsfälle zurückgehen, aber immer mehr davon kommen zutage. Es ist eine Schande, daß diese
Stelle nicht weiter besetzt wird. Die Schröder ist m.E. sowieso viel zu jung und überfordert, um ein so heikles Thema zu behandeln.
mehr
Kommentar melden
Bitte füllen Sie alle Felder aus.

Sie sind der Meinung, dass dieser Kommentar anstößige Inhalte enthält.

Die Mexikanerin Natalia Juarez will mit dem Plakat aufrütteln. zum Video