Mir Hussein Mussawi: Kann er die Hoffnungen erfüllen, die auf ihm Ruhen? Und wessen Hoffnungen? (Foto: dpa)
Auf dem Mann mit dem grauen Stoppelbart ruhen die Hoffnungen einer halben Nation. Hunderttausende demonstrieren seit Tagen in den Straßen Teherans und anderer iranischer Städte, um Mir Hussein Mussawi per Neuwahl doch noch ins Präsidentenamt des Irans zu hieven. Die Bilder der Demonstrationen beherrschen die Nachrichtensendungen in aller Welt, die Protestzüge werden immer größer. Doch die internationale Politik ist - angesichts der Großwetterlage in der gesamten Region - auffallend wortkarg. Demonstranten in Teheran fragen deshalb auf Transparenten: "UN - wo seid ihr?"
Mit Ausnahme pflichtschuldiger Appelle zur Einhaltung der Menschenrechte sind die Reaktionen aus den westlichen Hauptstädten ausgesprochen spärlich. Kein Wunder: Der Iran hat eine wichtige Machtposition - vor allem was den Frieden im Nahen Osten angeht. Der Westen tut gut daran, es sich angesichts des ungewissen Endes in Teheran mit keiner der Strömungen zu verscherzen.
Israels Hardliner brauchen den Polterer
Benjamin Netanjahu, Ministerpräsident im mit dem Iran tief verfeindeten Israel, erwähnte bei seiner Grundsatzrede am vergangenen Sonntag den Wahlausgang mit keiner Silbe. In Israel mehren sich die Stimmen, dass ein anderes als das jetzt umstrittene offizielle Ergebnis, in Jerusalem alles andere als willkommen gewesen wäre. Denn ein Polterer wie Präsident Mahmud Ahmadinedschad an den Machthebeln in Teheran ist ein klarer Feind. Er stützt die Argumente Jerusalems, das seine Sicherheitspolitik stets mit der atomaren Bedrohung aus dem Iran verteidigt.
Und auch US-Präsident Barack Obama deutete nach Tagen des Schweigens vorsichtig an, dass die Personalie in Teheran in ihrer Bedeutung für die internationale Politik möglicherweise überschätzt wird. Abgesehen davon, dass Iran-Experten wie Volker Perthes von der Stiftung Wissenschaft und Politik gar nicht von einer wirklich entscheidenden Wahlfälschung ausgehen, ist nämlich klar: Auch Mussawi bewegt sich innerhalb der eng gesteckten Grenzen des islamischen Gottesstaates. Er erkennt den Revolutionsführer Ajatollah Ali Chamenei - den eigentlich mächtigen Mann im Staat - uneingeschränkt an. Alle Experten sind sich einig: Für einen echten Umsturz und damit zu einer Beseitigung des Mullah-Staates ist auch Mussawi nicht der Richtige.
Der 67 Jahre alte gelernte Architekt ist seit langer Zeit ein Mitglied der Teheraner Nomenklatura. Schon in den 1980er Jahren nahm er während des iranisch-irakischen Krieges eine Schlüsselstellung für das Mullah-System ein, als er die Versorgung für die Hunger leidende Bevölkerung sicherstellte. Seither hat auch Mussawi der ultrakonservativen und dem Westen gegenüber feindseligen Politik der Mullahs nicht öffentlich widersprochen. Auch in der Frage des Atomprogramms, das er selbst maßgeblich mit vorangetrieben hat, weicht er keinen Millimeter von der allgemeinen Linie ab.
Rangeleien hinter den Kulissen
Mussawis Widerstand gegen Ahmadinedschad - da sind sich Beobachter einig - ist durchaus auch Rangeleien hinter den Kulissen der politischen Bühne Teherans geschuldet. Der ruhige Intellektuelle Mussawi war von den ehemaligen Präsidenten Mohammed Chatami und Akbar Haschemi Rafsandschani im Wahlkampf gegen den von Staatslenker Chamenei unterstützten Amtsinhaber Ahmadinedschad in Stellung gebracht worden.
Ahmadinedschad als Störfaktor
Beide haben noch immer großen Einfluss im iranischen System. Der volkstümliche Populist Ahmadinedschad, ehemals Bürgermeister von Teheran, gilt einem Teil der politischen Klasse des Irans eher als Störfaktor aus der zweiten Reihe, sagt der Wiener Iran-Kenner Walter Posch. Dass ein Teil des Klerus mit Mussawis Anhängern durch die Straßen Teherans marschieren will, mag ein weiteres Indiz dafür sein, dass die Mussawi-Fraktion von der herrschenden Klasse nicht allzu weit entfernt liegt.
Erwartungen übertrieben?
Die Oppositionellen erhoffen sich von und mit Mussawi eine Wende innerhalb des islamischen Systems, eine Reform von innen. Etwa was die Stellung der Frauen angeht: Die für iranische Verhältnisse hochmodernen Auftritte von Mussawis Ehefrau Sahra Rahnaward im Wahlkampf waren für viele aufgeklärte Frauen vor allem aus dem Teheraner Bildungsbürgertum Anlass zu großen Erwartungen. Dass diese übertrieben sein könnten, darauf weist auch Mussawis Internetseite selbst hin: Dort prang ganz oben das Konterfei des Urvaters der islamischen Revolution: Großajatollah Ruhollah Chomeini.