Im Internet kursiert ein Video, das ein sterbendes Opfer der Proteste zeigen soll. (Foto: AP / Amateurvideo)
Bei schweren Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften im Iran sind mindestens zehn Menschen getötet worden. Das berichtet das staatliche iranische Fernsehen. Es waren die bislang schwersten Unruhen seit der umstrittenen Präsidentenwahl. Oppositionsführer Mir Hussein Mussawi sagte nach Angaben seiner Anhänger, er werde seinen Kampf fortsetzen. Er sei "bereit, zum Märtyrer" zu werden.
Press TV, eine englische Ausgabe des iranischen Staatsfernsehens, meldete, bei den jüngsten Unruhen habe es 13 Tote gegeben. Der Grund für die unterschiedlichen Zahlen war zunächst unklar. Der US-Fernsehsender CNN meldete unter Berufung auf "Krankenhauskreise" 19 Tote. 100 weitere Menschen seien verletzt worden, hieß es.
Es ist das zweite Mal, dass staatliche iranische Medien von Toten bei den Protesten sprachen. Am vergangenen Montag hatten sie sieben Tote bei Zusammenstößen gemeldet. Unabhängige Berichte über die erneuten Proteste gegen die umstrittene Wiederwahl von Präsident Mahmud Ahmadinedschad gibt es nicht, da ausländische Medien nicht berichten dürfen und alle Oppositionsmedien gesperrt sind.
Proteste trotz strikten Verbots
Zum Ablauf der Auseinandersetzungen gab es unterschiedliche Darstellungen. Der staatliche Sender Press TV berichtete, "Unruhestifter" hätten zwei Krankenhäuser und eine Militärkaserne angezündet. Die regierungsnahe Nachrichtenagentur Khabar meldete, die Sicherheitskräfte hätten im Gegensatz zu den Demonstranten keine scharfe Munition benutzt.
Angeblich volle Moschee angezündet
Die Oppositionsbewegung um Mussawi sprach dagegen von einem äußerst gewaltsamen Vorgehen der Sicherheitskräfte. Die Ahmadinedschad nahestehenden "Basidsch"-Milizen hätten eine Moschee angezündet, in der sich Oppositionsanhänger aufgehalten hätten, berichteten Demonstranten im Kurznachrichtendienst Twitter. Unklar sei, ob es dabei Tote und Verletzte gegeben habe. Die Demonstranten selbst hätten Brandsätze geworfen.
Drastische Bilder im Internet
In Internet sorgte ein Video für Aufregung, das angeblich den Tod einer jungen Frau am Rande der Demonstration in Teheran zeigt. In den sozialen Netzwerken hieß es, die 19-jährige Neda sei von einem Scharfschützen der berüchtigten und Ahmadinedschad nahestehenden "Basidsch"-Milizen tödlich getroffen worden, während sie mit ihrem Vater die Proteste beobachtete. Die Echtheit der Aufnahme und die geschilderten Umstände konnten jedoch nicht nachgeprüft werden.
Hunderte Menschen festgenommen
Die iranische Polizei teilte nach Abgaben der Nachrichtenagentur Mehr mit, am Samstag seien in Teheran mehr als 450 Menschen festgenommen worden. "457 Randalierer, die an der Beschädigung öffentlichen Eigentums beteiligt waren", seien festgenommen worden, hieß es in der Mitteilung. Nach Angaben aus Oppositionskreisen waren zuvor schon etwa 200 Kritiker Ahmadinedschads, darunter ehemalige Regierungsmitglieder, Dissidenten, Studenten und Journalisten, festgenommen worden.
Regierung droht Mussawi mit Festnahme
Die Regierung drohte auch Mussawi mit Verhaftung, sollten weiter Demonstrationen stattfinden. Mussawi werde "für die Folgen illegaler Versammlungen" verantwortlich gemacht, erklärte ein Sekretär des iranischen Sicherheitsrates. Chamenei hatte am Freitag die Opposition aufgefordert, den offiziell erklärten Wahlsieg von Amtsinhaber Mahmud Ahmadinedschad zu respektieren und die Proteste zu beenden. Andernfalls werde sie die Verantwortung für "Blutvergießen und Chaos" tragen müssen.
Mussawi will nicht aufgeben
Mussawi denkt aber offenbar nicht daran aufzugeben und forderte erneut die Annullierung der Präsidentenwahl. Auf seiner Webseite wurde am Samstagabend ein entsprechender Brief an die obersten Wahlbehörden veröffentlicht. Mussawi rief die Regierung auf, friedliche Kundgebungen zuzulassen. "Wenn sie mich verhaften, dann sollten alle streiken und die Arbeit niederlegen."
Kritik der USA wird deutlicher
Die Kritik der USA am Vorgehen der iranischen Regierung wird unterdessen immer deutlicher. Präsident Barack Obama forderte die Führung des Landes auf, auf die Proteste der Opposition nicht länger mit "ungerechten Aktionen" zu reagieren. "Wir rufen die iranische Regierung auf, alle gewaltsamen und ungerechten Aktionen gegen ihr eigenes Volk zu stoppen", hieß es am Samstag in der bislang deutlichsten Stellungnahme des Weißen Hauses.
Merkel ruft zu Neuauszählung auf
Bundeskanzlerin Angela Merkel forderte die iranische Regierung zur Neuauszählung der Stimmen auf. In einer am Sonntag in Berlin veröffentlichten Erklärung heißt es: "Deutschland steht auf Seiten der Menschen im Iran, die ihr Recht auf freie Meinungsäußerung und Versammlungsfreiheit ausüben wollen." Die Kanzlerin verlangte von Teheran, friedliche Demonstrationen zuzulassen und keine Gewalt gegen Demonstranten anzuwenden.
Irans Regierung kritisiert den Westen
Der iranische Außenminister Manuschehr Mottaki kritisierte dagegen Deutschland, Großbritannien und Frankreich für die Äußerung von Zweifeln am offiziellen Wahlergebnis. Die Abstimmung sei "sehr transparent" gewesen, erklärte er auf einer Pressekonferenz. Die Proteste richten sich gegen das offizielle Ergebnis der Präsidentenwahl vom 12. Juni, wonach Amtsinhaber Mahmud Ahmadinedschad klar gewonnen hat. Zuvor war ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Herausforderer Mussawi erwartet worden.