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Meuterei im Haus des Terrors

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Meuterei im Haus des Terrors

10.09.2008, 13:45 Uhr

Von Christian Kreutzer

Im Chat angeklagt: der ägyptische Arzt Aiman al-Sawahiri - Al-Kaidas Nummer zwei (Quelle: dpa) Im Chat angeklagt: der ägyptische Arzt Aiman al-Sawahiri - Al-Kaidas Nummer zwei (Quelle: dpa)Selten musste sich Aiman al-Sawahiri - die Nummer zwei des Terrornetzwerks Al-Kaida - so harsche Kritik gefallen lassen: "Entschuldigen Sie, Mr. Sawahiri, aber wer sind diejenigen, die mit der Erlaubnis Ihrer Exzellenz die Unschuldigen in Bagdad, Marokko und Algerien ermorden?" wollte ein früherer Sympathisant aus Saudi-Arabien wissen. Ob der zweite Mann nach Osama bin Laden den Mord an Frauen und Kindern für einen Dschihad, einen heiligen Krieg, halte?

Ort der Auseinandersetzung war eine offene Fragerunde im Internet, zu der Sawahiri im vergangenen Dezember die Dschihadisten-Gemeinde eingeladen hatte. Sawahiri solle die Weltkarte studieren, so der Rat des Mannes, der sich im Chat sarkastisch "der Erdkunde-Lehrer" nannte. Dann werde ihm womöglich auffallen, dass nahezu alle Anschläge des Netzwerks in muslimischen Ländern stattfänden.

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Muslime müssen ein Vorbild sein

Er frage sich, wie man das blindwütige Morden von Al-Kaida überhaupt noch unterstützen könne, warf ein weiterer Saudi ein. Ob denn die Ziele des Dschihad nur mit Gewalt erreicht werden könnten. "Und kommen Sie mir bitte nicht mit der Ausrede, Amerikaner und andere machten das selbe", ermahnte er Sawahiri. Schließlich seien es die Muslime, die der Welt ein Vorbild an Toleranz und dem Streben nach hohen Zielen schuldeten.

Drastisch nachlassende Zustimmung

20 Jahre nach seiner Gründung droht ein Kampf im Innern das Netzwerk zu zerreißen. Zahlreiche wichtige Kleriker, Scheichs und Anführer hatten in den vergangenen Jahren den Anfang gemacht und den mörderischen Anschlägen der Organisation abgeschworen. Gleichzeitig sinkt in den islamischen Ländern die Zustimmung zu Anschlägen "zur Verteidigung des Islams", wie die US-Umfrageorganisation Pew-Research schon 2006 herausfand. So waren in Pakistan nur noch neun Prozent der Bevölkerung mit den Methoden der Dschihadisten einverstanden - 2004 waren es noch 41 Prozent gewesen.

Chefideologe steigt aus

Richtig unter Druck gebracht hatte Bin Laden und Sawahiri die geistige Umkehr ihres früheren Chefideologen Sayyid Imam al-Sharif, bekannt unter dem Namen "Dr. Fadl". Der hatte im vergangenen Jahr aus einem ägyptischen Gefängnis heraus mehr oder weniger alle seine früheren Schriften widerrufen, aus denen Al-Kaida das Recht abgeleitet hatte, praktisch jeden im Namen der Religion zu töten.

Niederträchtiger Betrug

Es sei verboten, Zivilisten zu ermorden - sei es in islamischen Ländern oder im Westen, schrieb Fadl in einer Reihe von Artikeln, die in der ganzen islamischen Welt verbreitet wurden. Im Westen zu leben und von der Gutmütigkeit der Menschen dort zu profitieren, nur um dann Anschläge gegen sie vorzubereiten, sei niederträchtig und unislamisch, so Fadl, der Teilnehmer des Gründungstreffens von Al-Kaida am 11. August 1988 im pakistanischen Peschawar gewesen war.

Kampf gegen Islamofaschismus

Vor allem aber wandte sich der Islamgelehrte gegen eine Praxis, die den Dschihadisten mehr als jede andere den Vorwurf des "Islamofaschismus" eingetragen hat: sie heißt "Takfir" und bedeutet "jemanden zum Ungläubigen ("Kafir") erklären". Opfer des Takfir waren zuerst die irakischen Schiiten. In den vergangenen Jahren jedoch traf der Vorwurf, der den Betroffenen praktisch für vogelfrei erklärt, jeden, der mit den Terroristen nicht hundertprozentig übereinstimmte.

Ex-Dschihad-Führer lehnt Gewalt ab

Gegen das Morden und die Intoleranz ist nun offener Widerstand unter Muslimen ausgebrochen. Vor allem der Ausstieg Dr. Fadls werde Wirkung zeigen, prophezeit Kamal Habib gegenüber t-online.de. Habib ist Mitbegründer des ägyptischen Islamischen Dschihad - eine Vorläuferorganisationen von Al-Kaida. Soldaten, die mit Habibs Terrorgruppe in enger Verbindung standen, ermordeten im Oktober 1981 den ägyptischen Präsidenten Anwar al-Sadat. Habib verbrachte danach zehn Jahre im Gefängnis und wurde schwer gefoltert. Mit ihm in Haft saß Aiman al-Sawahiri, einer seiner ersten Gefolgsleute. Im Gegensatz zu dem Handlanger Osama bin Ladens sagte Habib sich jedoch von Gewalt und Terrorismus los. Er lebt heute als politischer Analyst in seiner Heimatstadt Kairo. Al-Kaida sei "gut" im militärischen Bereich, biete allerdings keinerlei politische Alternative für die Zeit nach dem Kampf, sagt Habib.

Hintergründe zum internationalen Terrorismus (Montage: T-Online)Hintergründe zum internationalen Terrorismus (Montage: T-Online)

Rückkehr nach Afghanistan

Er warnt indes davor, Al-Kaida für besiegt zu halten. "Ich denke, Al-Kaida erlebt einen Niedergang in Regionen wie dem Irak", erklärt der frühere Terroristenführer. In anderen Gegenden, wie Afghanistan oder Nordafrika, sei das Netzwerk dagegen sehr stark und plane zahlreiche Projekte. Viele Kämpfer, die aus dem Irak vertrieben würden, strömten nach Afghanistan und Pakistan zurück. "Früher kamen Leute wie Abu Musab al-Sarkawi (der im Juni 2006 einem Luftschlag der USA zum Opfer fiel, Anm.) in den Irak. Heute verläuft die Bewegung umgekehrt", warnt Fadl.

Neue Generation von Taliban

Der deutsche Terrorexperte Rolf Tophoven, der Pakistan regelmäßig besucht, stimmt damit überein. Eine neue radikale Generation junger pakistanischer Taliban unter dem Paschtunen Baitullah Mehsud, der für den Mord an der früheren pakistanischen Premierministerin Benazir Bhutto verantwortlich sein soll, hätten zahlreiche alte Stammesführer ermordet und die pakistanisch-afghanischen Grenzgebiete praktisch in der Hand. Dort könne sich Al-Kaida jederzeit neu gruppieren.

Wird Somalia zum neuen Afghanistan?

Zudem warnen Geheimdienste und Experten weltweit schon vor einem neuen Afghanistan: Das ostafrikanische Krisenland Somalia - zerfallen in Clangebiete und besetzt von äthiopischen Truppen, sei gerade dabei zu einem sicheren Hafen für die Terroristen dieser Welt zu werden, warnte die britische Expertenorganisation Senlis Council vor wenigen Wochen.

Risikoregion Nordafrika

Unabhängig von den Streitereien innerhalb der "alten" Al-Kaida gibt des zudem zahlreiche neue Gruppen, die unter dem selben Label kämpfen. "Al-Kaida ist heute nicht mehr eine Organisation", so Diaa Rashwan vom Kairoer Al-Ahram Center for Political and Strategic Studies. "Al-Kaida ist heute ein Begriff, unter dem die USA alles Terroristische zusammenfassen", sagt Rashwan. Dabei erstarkten vor allem in Algerien und Marokko in jüngster Zeit dschihadistische Gruppen, die sich offiziell Al-Kaida zurechnen. Durch ihre Verbindungen nach Europa bedrohten sie Frankreich und Spanien direkt.

"Nur eine Handvoll"

Doch auch aus den westlichen Ländern selbst droht Gefahr: Rund hundert Europäer befänden sich derzeit in pakistanischen Terrorcamps, zitiert Tophoven Geheimdienstberichte. Etwa ein Dutzend davon komme aus Deutschland. Kaida-Späher sähen vor allem deutsche Konvertiten als attraktive, weil unauffällige Zielgruppe. "Wir reden hier nicht über hunderte, sondern nur über eine Handvoll", sagt Tophoven. Aber die Handvoll genüge im Notfall. Fazit: Al-Kaida wird schwächer, die alten Führer verlieren an Einfluss, sind nicht mehr Herren im Haus des Terrors, das sie einst gebaut haben. Der Terrorismus selbst erhält indes immer neuen Zulauf.

"Al-Kaida schwimmt im Geld"

Ganz am Ende ist aber auch die alte "Basis" nicht - so der deutsche Name von Al-Kaida: Der Linzer Volkswirtschaftler und Terrorexperte Friedrich Schneider warnt vor der finanziellen Schlagkraft der Gruppe. Al-Kaida finanziere sich zu einem großen Teil durch den Handel mit Drogen. Die immer größeren afghanischen Opium-Ernten hätten das Budget der Gruppe zwischen 2004 und 2008 von 25 auf rund 60 Millionen Dollar ansteigen lassen. "Al-Kaida schwimmt im Geld", so Schneider.


Quelle: t-online.de

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