03.09.2010, 08:09 Uhr
Das Kernkraftwerk Schweinfurt-Grafenrheinfeld in Bayern. (Foto: imago) (Quelle: imago)
Die Mehrheit der Deutschen ist gegen eine Verlängerung der Laufzeiten für Atomkraftwerke um zehn bis 15 Jahre. Im Deutschlandtrend von Infratest dimap sprachen sich 59 Prozent der Befragten gegen diesen Zeitrahmen aus, den Kanzlerin Angela Merkel (CDU) indirekt befürwortet. Das teilt die ARD mit und beruft sich auf die von ihr in Auftrag gegebene Umfrage. Anders fällt das Ergebnis aus, wenn die Energiekonzerne zu Zugeständnissen bereit sind. Unterdessen berichten Medien, dass das Atomenergiegutachten, auf das Merkel die Verlängerung stützt, Fehler beinhalten soll.
37 Prozent der Deutschen fänden es der Befragung nach dagegen grundsätzlich richtig, die AKW-Laufzeiten um zehn bis 15 Jahre zu verlängern. Für die Umfrage wurden Anfang der Woche bundesweit rund 1000 Wahlberechtigte telefonisch befragt.
Unter bestimmten Bedingungen finden sich jedoch Mehrheiten für Laufzeitverlängerungen: So wären 73 Prozent der Deutschen für längere Laufzeiten, "wenn ein wesentlicher Teil der zusätzlichen Gewinne der Stromkonzerne für den Ausbau erneuerbarer Energien eingesetzt" werde. 59 Prozent wären mit einem späteren Atomausstieg einverstanden, "wenn es dadurch mehr Arbeitsplätze in Deutschland geben würde". 57 Prozent wären ebenfalls damit einverstanden, "wenn dadurch die Strompreise sinken".
Die schwarz-gelbe Koalition will am 28. September ihr Energiekonzept vorstellen, in dem auch die Frage der Atomlaufzeiten geklärt werden soll. Die Bundesregierung hatte am Montag das Energiegutachten vorgestellt, in dem drei Institute verschiedene Szenarien für Laufzeitverlängerungen von vier, zwölf, 20 und 28 Jahren berechnet hatten.
Das Umweltministerium sieht nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" haarsträubende Fehler in dem Atomenergiegutachten, auf das Kanzlerin Merkel ihre Forderung nach längeren Laufzeiten der Kernkraftwerke stützt. Eine interne Einschätzung des Ministeriums werfe den Autoren sogar Manipulation vor, schreibt die Zeitung.
Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) wies die Darstellung zurück. "Das Gutachten zählt zu den akzeptierten Grundlagen der politischen Entscheidungsfindung der Bundesregierung", sagte er nach Angaben einer Sprecherin. "Es wird von mir nicht infrage gestellt. Das zitierte Papier ist mir nicht bekannt. Es ist inhaltlich nicht maßgeblich."
Der "Süddeutschen" zufolge sind Röttgens Experten der Ansicht, dass die Kosten des Klimaschutzes für die privaten Haushalte von den Gutachtern mit fast 2000 Euro pro Jahr durch höhere Mieten und Verkehrskosten viel zu hoch angesetzt sind. Es seien Extremfälle "offensichtlich bewusst ausgewählt worden", um "Klimaschutz und Umstrukturierung der Energieversorgung zu diskreditieren". Zudem hätten die Gutachter trotz anderslautenden Auftrags nur die Kosten und nicht den Nutzen einer ambitionierten Klimapolitik betrachtet. Wegen fragwürdiger Annahmen zur Strompreisbildung schnitten Szenarien mit langen Laufzeiten der Kernkraftwerke besser ab.
Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) und Umweltminister Röttgen hatten aus dem Gutachten unterschiedliche Schlussfolgerungen gezogen: Während Brüderle eher für eine Laufzeitverlängerung von bis zu 20 Jahren plädierte, ließ Röttgen seine Präferenz für deutlich kürzere Laufzeiten erkennen.
Röttgen erreichte im Deutschlandtrend von Infratest dimap unterdessen ein Umfragehoch. Die Zustimmung zu seiner politischen Arbeit stieg im vergangenen Monat leicht. 45 Prozent der Deutschen sind demnach mit seiner Arbeit zufrieden; das sind drei Punkte mehr als im Vormonat. 37 Prozent sind unzufrieden. Röttgen erreicht laut ARD damit den bislang besten für ihn gemessenen Wert und liegt im Mittelfeld der abgefragten Parteipolitiker.
Quelle: AFP , dpa
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