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Spucke ist gesund - Spucken nicht so
15.09.2008, 10:12 Uhr | Von Andrea Barthélémy, dpa
Wem die Spucke wegbleibt, der kann längerfristig gesundheitliche Probleme bekommen (Quelle: dpa)
Wem die Spucke wegbleibt, der bekommt nicht nur einen trockenen Mund. Bleibt sie länger weg, schadet das sogar regelrecht der Gesundheit. Ein ausbalanciertes System der Immunabwehr in seinem Mundraum gerät aus dem Gleichgewicht, was Karies, Parodontose und schlimmstenfalls sogar Erkrankungen im ganzen Körper zur Folge haben kann.
"Speichel hält die Mikrobiologie im Mund im Gleichgewicht und hat eine wichtige Wächterfunktion", weiß Gerhard Meyer, Professor für Zahnmedizin an der Universität Greifswald. Aber erst Stück für Stück kommt die Forschung hinter die vielfältigen Eigenschaften des Zaubersaftes Speichel, der nicht nur Zähne remineralisiert, sondern auch Wunden heilt, Krankheiten aufzeigt und Mörder überführt.
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Die Steinzeitmenschen wussten Bescheid
"Dabei wussten offenbar schon die Steinzeitmenschen, dass es gut ist, den Speichelfluss anzuregen", berichtet der Zahnmediziner anlässlich des Tags der Zahngesundheit, der am 25. September ansteht. So zeigen Skelettfunde, dass Menschen schon vor rund 23.000 Jahren kleine Kieselsteine lutschten - als eine Art prähistorisches Bonbon oder auch um die Verdauung anzuregen.
100 Millionen Bakterien im Mund
Rund 100 Millionen Bakterien leben in jedem Milliliter menschlicher Spucke. Etwa 600 Arten sind bislang identifiziert. Viele davon haben schützende Funktionen, einige aber auch schädigende. "Wenn diese Speichelbakterien nun eine Höhle finden, etwa in Zahnfleischtaschen, wo sie nicht mehr belüftet und weggespült werden, können sie nicht nur den Knochen zerstören, sondern über die Blutbahnen auch in den Körper gelangen", sagt Meyer.
Immer mehr leiden unter Trockenheit
Fakt ist zudem, dass heutzutage immer mehr Menschen die Spucke wegbleibt: Etwa ein Viertel aller Deutschen, Tendenz steigend, leidet zumindest zeitweise unter Mundtrockenheit, die durch Medikamenteneinnahme, Diabetes oder Bestrahlungen ausgelöst wird. Hier gilt es, so Meyer, mit zuckerfreien Kaugummis oder notfalls Medikamenten, den Speichelfluss wieder in Gang zu bringen.
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Sogar Herzinfarkte drohen
Sind die Parodontose- und Karies-Keime nämlich einmal im Körper, können schlimmstenfalls Herzinfarkte, Blutgerinnungsstörungen oder Entzündungen des Herzmuskels die Folge sein. "Die Kardiologen haben die Mundhöhle als Hochrisikogebiet entdeckt", berichtet Meyer. Im Tierversuch sind Zusammenhänge zwischen Parodontose-Keimen und Herz-Kreislauf-Leiden bis hin zu Herzinfarkt und Schlaganfall bereits belegt.
Zusammenhang mit Frühgeburten
Auch bei Frühgeburten und niedrigem Geburtsgewicht besteht ein Zusammenhang mit Zahnfleischerkrankungen der Mutter. "Hier wissen wir aber noch nicht, ob das eine das andere auslöst, oder beides möglicherweise nur Indikator für eine Hormonveränderung in der Schwangerschaft ist", sagt der Arzt. Sorgfältige Mundpflege sei deshalb in der Schwangerschaft umso wichtiger.
Suche nach dem Spucketest
Anerkannt sind mittlerweile die Fähigkeiten des Speichels als kriminologisches Hilfsmittel. Wie aus Haaren oder Hautschuppen können Fahnder auch einem Kaugummi untrügliche DNA-Spuren entnehmen und damit möglicherweise einen Mörder überführen. Identifiziert werden kann so natürlich auch der richtige Vater. Da im Speichel auch zahlreiche Eiweiße zu finden sind, steht er zudem im Fokus der Diagnostika-Industrie: Denn wie viel einfacher wäre es, Aids, Diabetes oder eine Schwangerschaft künftig durch einen simplen, aber verlässlichen Spucketest festzustellen. Bislang gibt es jedoch noch Probleme damit, da die Speichelmenge und damit die Konzentration der Eiweiße schwankt.
Riesige Spucke-Datenbank entsteht
In den USA arbeiten Forscher mit Hochdruck daran mit Hilfe bestimmter Botenmoleküle - sogenannter Messenger-RNA, die die Informationen der Gene in Proteine umsetzen - Mund- oder Brustkrebs per Speichelprobe zu identifizieren. Früherkennung und Nachsorge könnten so vereinfacht werden. Dazu entsteht in den USA derzeit mit Zehn-Millionen-Dollar-Unterstützung (sieben Millionen Euro) der nationalen amerikanischen Gesundheitsbehörde eine riesige Spucke-Datenbank, in der sämtliche Speichel-Proteine katalogisiert werden sollen.
Das alte Hausmittel wirkt
Einen ganz simplen wohltuenden Effekt hat der Zaubersaft aber bereits jetzt - wie niederländische Forscher aus Amsterdam erst im Juli bestätigten, beschleunigt das im Speichel enthaltene Protein Histatin die Wundheilung. Das alte Hausmittel, auf die Schürfwunde am Knie einfach draufzuspucken, funktioniert also wirklich. "Aber es muss die eigene Spucke sein!", betont Meyer.
Von Andrea Barthélémy, dpa