28.03.2006, 19:12 Uhr
In Frankreich haben am Dienstag mehr als eine Million Menschen gegen die umstrittene Lockerung des Kündigungsschutzes protestiert - Gewerkschafter sprachen gar von drei Millionen Demonstranten. In mehreren Städten kam es zu gewalttätigen Ausschreitungen. Allein in Paris nahm die Polizei mehr als 200 mutmaßliche Randalierer fest. Im ganzen Land gab es mehr als 380 Festnahmen. Premierminister Dominique de Villepin will von seinem Projekt nicht abrücken.
Steine und Tränengas
Gleich zu Beginn des friedlichen Protestmarsches in Paris kam es zu den befürchteten Ausschreitungen: Etwa hundert Randalierer stürmten einen Supermarkt und warfen Scheiben eines Cafés ein. In der Pariser Vorstadt Savigny-sur-Orge gab es Zusammenstöße zwischen Bereitschaftspolizei und 100 bis 150 Jugendlichen. Randalierer warfen mit Steinen, die Polizei setzte Tränengas ein. 4000 Ordnungshüter waren allein in der französischen Hauptstadt im Einsatz.
KündigungsschutzVillepin lenkt nicht ein
Parteibüro besetzt
Sicherheitskräfte räumten den Bahnhof von Rennes im Westen Frankreichs nach einer Besetzung. In Grenoble setzte die Polizei Gummigeschosse und Tränengas gegen Jugendliche ein, die das örtliche Büro der Regierungspartei UMP besetzten und den Bahnhof lahm legen wollten. In Caen blockierten mehrere tausend Jugendliche stundenlang die Präfektur mit Barrikaden, Paletten und Mülleimern. Die Polizei setzte Tränengas ein und konnte die Demonstranten so zurücktreiben.
Streiks in ganz Frankreich
Branchenübergreifende Streiks legten das öffentliche Leben Frankreichs in weiten Teilen lahm. Busse und Bahnen fuhren nur eingeschränkt. Auf den Zufahrtsstraßen der Großstädte bildeten sich teils lange Pendler-Satus. Rund ein Drittel aller Flüge fiel aus. Beim Autokonzern Renault ließ jeder zweite Mitarbeiter in der Frühschicht die Arbeit ruhen.
"Nur ein Ausweg"
"Wir sind drei Millionen heute auf den Straßen, das ist historisch", sagte der Chef der Gewerkschaft CGT, Bernard Thibault. Die Arbeitnehmervertreter lehnen weitere Gespräche mit Villepin kategorisch ab, solange er die umstrittene Lockerung des Kündigungsschutzes nicht zurückzieht. "Für uns gibt es nur einen einzigen Ausweg - das ist die Rücknahme der Reform", erklärte Thibault. Eine Lösung des seit zwei Monaten anhaltenden Konfliktes ist damit nicht in Sicht. Mit der Reform können jüngere Beschäftigte zwei Jahre auf Probe beschäftigt und in dieser Zeit jederzeit ohne Begründung entlassen werden.
Villepin gibt nicht nach
Die Gewerkschaften hätten seine "ausgestreckte Hand" nicht ergriffen, klagte Villepin vor der Nationalversammlung. Die Tarifparteien könnten eine Probezeit von weniger als zwei Jahren ausmachen und bei Kündigungen junger Arbeitnehmer ein Gespräch mit den Arbeitgebern vereinbaren. Der zentralen Forderung der Kritiker, dass Beschäftigte nur unter Angabe von Gründen gekündigt werden dürfen, gab Villepin nicht nach. "Republik heißt: Keine Ultimaten."
Eklat in der Nationalversammlung
Die Zentrumsfraktion der UDF verließ geschlossen die Nationalversammlung, weil der Regierungschef nur auf eine Frage aus der eigenen UMP-Fraktion selbst antwortete und Fragen aus der Opposition von Kabinettskollegen beantworten ließ. Villepin akzeptiere nur Verhandlungen zu seinen "eigenen Bedingungen und im exklusiven Gespräch mit der UMP", sagte UDF-Sprecher François Sauvadet. Man könne nicht mit Starrköpfigkeit ein Land führen, wenn Hunderttausende auf die Straße gingen.
Quelle: AFP , dpa
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