13.09.2011, 16:48 Uhr | Von Elke Richter, dpa
Der Prozess soll vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth stattfinden (Quelle: dpa)
Über Jahrzehnte soll ein Vater seine Tochter regelmäßig vergewaltigt haben - ein solches Martyrium ist nur schwer vorstellbar. Doch wenn die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft stimmen, hat eine Frau aus Bayern genau dieses Leid erfahren. 34 Jahre lang soll ihr Vater sie von der Außenwelt abgeschirmt, immer wieder vergewaltigt und dabei drei Söhne mit ihr gezeugt haben.
Ein System aus Angst, Kontrolle und Abhängigkeit soll verhindert haben, dass die heute 46-Jährige aus dem System der Gewalt ausbrach. Erst ihre Verurteilung zu einer Bewährungsstrafe wegen versuchter Erpressung brachte die Wende - ihrer Bewährungshelferin vertraute sich die Frau endlich an.
Erst 12 oder 13 Jahre alt war das Opfer den Ermittlungen zufolge, als sein Vater es zum ersten Mal mit Schlägen zum Sex zwang. Es war der Auftakt zu einem jahrzehntelangen Leidensweg: Seitdem vergewaltigte der heute 69-Jährige seine Tochter laut Anklage mehrmals in der Woche, mal im Schlafzimmer, mal in ihrem Kinderzimmer. Nachdem die junge Frau den Führerschein gemacht hatte, musste sie ihren Vater nach Erkenntnissen der Ermittler zudem regelmäßig zu einsamen Stellen im Wald fahren, wo er sie auf der Rückbank missbrauchte.
Als Erwachsene wurde sie schwanger, gebar im Laufe der Zeit drei Söhne. "Alle drei Kinder sind beziehungsweise waren behindert", sagt Antje Gabriels-Gorsolke von der Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth. Zwei der Jungen starben schon im Kindesalter, dennoch scheint aufgrund von genetischen Tests klar: Der Vater der Kinder ist zugleich ihr Großvater. "Eines lebt noch, bei einem war noch genetisches Material vorhanden", erklärt die Oberstaatsanwältin. Nach zwei positiven Tests habe man auf die Exhumierung des dritten Kindes verzichtet.
Doch warum suchte das Opfer keine Hilfe? Warum lebte die Frau bis zuletzt im Hause ihrer Eltern im nördlichen Mittelfranken? Schließlich sperrte ihr Vater sie nicht ein wie der Österreicher Josef Fritzl, der damit den jahrzehntelangen Missbrauch an seiner Tochter vertuschte. "Das ist sehr schwer nachvollziehbar, aber der Vater soll sehr autoritär gewesen sein und die Frau ständig beim Einkaufen und Autofahren begleitet und soziale Kontakte unterbunden haben", versucht Gabriels-Gorsolke eine Erklärung für das lange Stillhalten.
Geradezu ein Glücksfall scheint daher im Rückblick eine gerichtliche Verurteilung der Frau zu sein. Weil sie versucht hatte, die Ehefrau eines Arztes zu erpressen, den sie für die Behinderung eines ihrer Söhne verantwortlich machte, bekam sie eine Bewährungsstrafe - und eine Bewährungshelferin. "Die halten regelmäßig Kontakt zu ihren Probanden", erklärt Gabriels-Gorsolke. Dadurch fasste das Opfer Vertrauen in die Frau - und offenbarte sich. Der Stein kam ins Rollen.
Seit März sitzt der 69-jährige Vater in Untersuchungshaft. Seine Ehefrau wird nicht juristisch belangt. "Der Mutter lag auch zur Last, dass sie einige Vorfälle mitbekommen hat", ergänzt Oberstaatsanwältin Gabriels-Gorsolke. Allerdings seien die nachweisbaren Fälle bereits verjährt. Die Anklage richtet sich deshalb nur gegen den Vater - unter anderem werden ihm rund 500 Vergewaltigungen allein in den vergangenen 20 Jahren vorgeworfen. Den Sex mit seiner Tochter gibt der Rentner zu, doch beharrt er auf "stets einvernehmlichen" Kontakten.
Juristisch wiegt der Vorwurf der Vergewaltigung schwerer als der des Inzests: Bis zu zwei Jahre Haft oder eine Geldstrafe gibt es für Beischlaf zwischen Verwandten, schwere Vergewaltigung hingegen wird mit zwei bis 15 Jahren Gefängnis geahndet. Gabriels-Gorsolke rechnet damit, dass das Nürnberger Landgericht die Hauptverhandlung "relativ zeitnah" zulassen wird. Im Prozess wird auch die Frage gestellt werden, ob wirklich niemand etwas mitbekommen hat. Den Namen der Heimatgemeinde der Familie will die Staatsanwaltschaft bis dahin jedenfalls nicht nennen.
Quelle: dpa
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