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Manhattans neue Seele

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Manhattans neue Seele

24.08.2011, 15:26 Uhr | Von Marc Pitzke, New York

Ground Zero: Wasserfälle an der Stelle, wo einst die Twin Towers standen (Foto: Spiegel Online)

Ground Zero: Wasserfälle an der Stelle, wo einst die Twin Towers standen (Foto: Spiegel Online)

Ein Wallfahrtsort, umringt von Kommerz-Monumenten: Nach jahrelangem Zank um die Neubebauung von Ground Zero soll das Memorial zum zehnten Jahrestag der Anschläge vom 11. September eröffnet werden. Ein Besuch auf der bedeutsamsten Baustelle der Welt.

Michael Arads Schläfen sind grau gesprenkelt. Nicht von ungefähr: "Ich kann nicht behaupten, dass das hier keine Herausforderung war", sagt er diplomatisch. "Es war… langwierig."

Arad, 42, steht inmitten seines Lebenswerkes, einer Arbeit, die fast zehn Jahre verschlang. "Dieser Platz berührt mich immer wieder." Er atmet tief durch. "Selbst nach all der Zeit."

Jenseits einer Brüstung rauscht Wasser zehn Meter tief in ein Granitbecken - ein gewaltiger, kubischer Wasserfall, überwältigend und doch meditativ. Ringsum, unter Hunderten frisch gepflanzter Bäume, ein lautes Gewirr aus Arbeitern, Baukränen, Baggern. Dahinter wächst ein Skyscraper empor, steil und schlank. 78 Etagen hat er schon im Rohbau, die untere Hälfte ist fertig verspiegelt: One World Trade Center (1 WTC) wird bald das höchste Gebäude der USA sein.

Noch nennen sie es Ground Zero. Der Ort, an dem Amerika bis ins Mark getroffen wurde und der nun als Gedenkstätte aufersteht, als Shopping-Mall und Bürowüste - Manhattans neue Seele. Lange gab es Zank, tat sich nichts hier, plötzlich aber rackern sie gegen die Zeit: In fünf Wochen, zum zehnten Jahrestag des 9/11-Terrors, soll an Manhattans Südspitze zumindest das emotionale Herz wieder schlagen, mit der Eröffnung des Memorials, einem Fanal für Trauer, Trotz und Hoffnung.

Memorial im Schatten des Kommerzes

Michael Arad hat dieses Memorial entworfen, die künftige Pilgerstätte der Nation. Ihm und dem Landschaftsarchitekten Peter Walker fiel die unmöglich scheinende Aufgabe zu, zwischen dem Andenken von 2982 Opfern (inklusive der sechs Toten des ersten Anschlags 1993) und den Gefühlen Zehntausender Angehöriger sowie den konkurrierenden Interessen zahlloser Politiker und Investoren zu vermitteln.

Herausgekommen ist, nach ewigem Hin und Her und etlichen Revisionen, ein Kompromiss aus Vision und Praktikabilität, mit dem Arad leben kann: "Das, was wir heute sehen, ist nicht allzu weit von dem entfernt, was wir mal vorhatten."

Zu sehen ist bereits viel in dieser einstigen Grube des Todes. Die Konturen des Memorials sind klar erkennbar: die zwei enormen Becken in den "Fußstapfen" der Twin Towers, aus deren Brüstungsplatten die Namen aller 9/11-Opfer ausgestanzt werden sollen, dazwischen der Museumsbau mit seiner in der Sonne blitzenden Aluminiumfassade, eingebettet in einen Hain aus 416 jungen Bäumen, Eichen und Amber.

Umringt wird dieses Areal der Andacht von Monumenten des Kommerzes. Fünf Bürotürme werden das neue World Trade Center bilden, zwei sind bereits sichtbar: Die Glassäule von 1 WTC, schon heute der höchste Bau in Lower Manhattan, sowie 4 WTC, ein gesichtsloser Stahlklotz, der fast 40 Etagen erreicht hat.

Diese erdrückende Baumasse stört Arad nicht. Im Gegenteil: Er hofft, dass sich die stille Demut seines Memorials eines Tages nahtlos in den Trubel Manhattans einordnet. "Ich bin dankbar", sagt er, "da mitmachen zu dürfen."

Längst ein Wallfahrtsort

Denn auch für ihn schließt sich ein Kreis: Am 11. September 2001 suchte Arad hier im Chaos nach den Anschlägen seine Frau Melanie, die in der Nähe arbeitete. Schließlich fand er sie, zu Fuß flohen sie, und als sie sich umdrehten, sahen sie den zweiten Turm fallen.

Fast jeder auf dieser größten, bedeutsamsten Baustelle Amerikas kann solche Geschichten erzählen. Auch der Tischler Bart Chiarizzi. Seit 9/11 ist der heute 49-Jährige immer wieder nach Ground Zero gekommen, er hat am Fundament von 1 WTC mitgearbeitet, das damals noch "Freedom Tower" hieß, dann am Betonlabyrinth unterhalb der Plaza, jetzt am Museumspavillon. "Meist ist es ein Job wie jeder andere", sagt er. "Und dann erinnerst du dich: Dies ist heiliger Boden."

In der Tat lässt ein Rundgang heute nur noch wenig spüren vom Nebel aus Grauen und Faszination, der lange über diesen 6,5 Hektar hing. Es wird gehämmert, gebaggert, geschrien. Bullige Kerle schieben schwere Gerätschaften umher, andere spritzen die Granitränder der Becken ab. Die staubige Luft riecht nach Zement, Qualm und Chlor.

Erst der zweite Blick offenbart, dass es sich um keinen normalen Bauplatz handelt. Die Arbeiter haben ihre Helme mit Parolen und Sternenbannern beklebt: "Wir bauen Amerika", "God & Country", "God Bless America". Überall wehen Fahnen, und unten am Betonsockel von 1 WTC prangt ein gigantisches Schriftband: "Never Forget." Die Baustelle ist längst ein Wallfahrtsort.

In den letzten Wochen wurden 9/11-Relikte herbeigeschafft, damit sie in den Katakomben des Museums ihre letzte Ruhestätte finden. Ein Kran hievte den zerbeulten Truck der Feuerwache 3 in die Tiefe, begleitet von Dudelsack-Klängen und dem Salut der Kameraden: Alle elf Männer auf dem Wagen waren damals umgekommen.

Auch das ikonische Kreuz aus geborstenen Stahlträgern, das nach dem Einsturz der Towers stehengeblieben war, ist zurückgekehrt. Eine Gruppe Atheisten hat jedoch Klage eingereicht, um zu verhindern, dass das Symbol des Glaubens in der Museumshalle ausgestellt wird. Nicht nur der Gedenkwille, auch die Engstirnigkeit blüht zehn Jahre nach 9/11.

Streit um das richtige Gedenken

Rund 1200 Stahltrümmer sind noch erhalten, rund zehn Prozent der ursprünglichen Masse der beiden Türme des World Trade Centers, die meisten liegen in einem Hangar am JFK-Flughafen. Einige werden am Ende im Museum landen, andere werden in die Welt hinausgeschickt. Anfragen hat es aus allen 50 US-Bundesstaaten und sieben weiteren Ländern gegeben, darunter auch Deutschland.

"So viele Menschen", sagt Bill Baroni, der Vizechef der Hafenbehörde Port Authority, der dieses schicksalsträchtige Gelände gehört, "haben eine emotionale Verbindung zu uns."

Davon kann auch Joe Daniels ein Lied singen. Seit Jahren schlägt sich der Chef der Memorial-Gesellschaft mit streitenden 9/11-Familien herum. "Bei so vielen Betroffenen", sagt er und blickt über die Weite der Fläche, "ist es verständlich, dass es viele Meinungen gibt, wie den Toten angemessen zu gedenken sei."

Ärger gab es zum Beispiel um die nicht identifizierten Überreste der Opfer. Von 40 Prozent der Menschen, die hier 2001 starben, blieb nur Staub übrig. Bis heute lagert der beim Gerichtsmediziner. Nach langer Diskussion sollen diese "Remains" nun in einem privaten Raum des 9/11-Memorials aufgebahrt werden.

Vor allem um die Auflistung der Opfer an den Becken gab es erhitzte Debatten: Soll das Alter mit aufgelistet sein, sollen die Firmen auftauchen, in denen sie gearbeitet haben? Daniels' Team ordnete schließlich die Namen unter Berücksichtigung von rund 1200 Hinterbliebenen-Wünschen in Gruppen an - sortiert nach Zugehörigkeiten (Familie, Freunde, Kollegen) und dem Ort, an dem sie die Anschläge trafen (Nordturm, Südturm, Pentagon, Flugzeuge).

Noch sind die Namen unter Plastikplanen verborgen. Am Jahrestag wird die 700 Millionen Dollar teure Gedenkstätte erst für die Familien geöffnet, im Beisein von US-Präsident Barack Obama, tags darauf dann für alle anderen. Der Andrang ist jetzt schon gigantisch: Bisher wurden über die Memorial-Website mehr als eine halbe Million Gratis-Tickets vorbestellt.

"Das hier wird mal ein geistiges Zentrum der Welt werden", hofft Michael Arad, während hinter ihm ein Stahlträger durch die Luft schwingt. Die Techniker haben den Wasserfall schon wieder ausgestellt, es war nur ein Testlauf. Arad schaut sich um. "Ja", sagt er, "es wird Zeit."


Quelle: Spiegel Online

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