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Luftfahrt: Pilotenfehler führen laut Studie täglich zu Beinahe-Kollisionen

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Pilotenfehler führen täglich zu Beinahe-Kollisionen

10.12.2008, 08:11 Uhr

Missachtete Kollisionswarnungen hatten auch das Unglück über dem Bodensee 2002 mit verursacht (Foto: dpa) Missachtete Kollisionswarnungen hatten auch das Unglück über dem Bodensee 2002 mit verursacht (Foto: dpa)Über Deutschland kommt es nach einer Studie der Technischen Universität Braunschweig täglich zu fünf Beinahe-Zusammenstößen von Flugzeugen, unter anderem weil Piloten falsch auf den Kollisionsalarm reagieren. Das habe die Auswertung von 2,5 Millionen Flugstunden von April 2007 bis August 2008 über Norddeutschland ergeben, teilte die TU am Dienstag mit.

Durchschnittlich fünf Mal am Tag geht in einem Cockpit über Deutschland der Alarm an: Dann kommen sich zwei Flugzeuge in der Luft viel zu nahe. Doch nicht nur das: In jedem siebten Fall befolgen die Piloten die Ausweichanweisungen des Kollisionsschutzgeräts nicht korrekt, erklärte Verkehrsexperte Peter Form von der TU Braunschweig. Alleine über Norddeutschland sei mehr als eine Kollisionsdrohung täglich registriert worden. "Das ist einmal am Tag zu viel." Ein Sprecher der Gewerkschaft der Flugsicherung (GdF) hingegen warnte in einer Stellungnahme vor Panik und wies darauf hin, dass häufige Fehlalarme die Statistik dramatischer aussehen ließen als die Situation wirklich sei. Ein Lufthansa-Sprecher wies für sein Unternehmen die Zahl von täglich einer Beinahe-Kollision zurück.

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Überlingen: Pilot ignorierte Schutzsystem

Das Missachten von Kollisionswarnungen hatte auch den Zusammenstoß zweier Flugzeuge bei Überlingen über dem Bodensee mit 71 Toten im Juli 2002 mitverursacht - der Pilot hatte auf die Vorgaben der Flugsicherung über Funk gehört und nicht auf die Anweisungen des Schutzsystems.

Auf den Piloten kommt es an

Wenn das Warngerät anspringt, bleiben dem Piloten noch etwa 15 Sekunden Zeit, um einen Zusammenstoß zu vermeiden. "Etwa fünf Sekunden sind für die Reaktion des Piloten und zehn Sekunden für die Ausweichbewegung vorgesehen", erläuterte der Wissenschaftler. Bei Kollisionsalarm müsse der Pilot die Anweisungen des Warnsystems genau befolgen. "Über die Aufmerksamkeit der Piloten hinaus gibt es dann keine technische Sicherung mehr." Die Wissenschaft gehe aber davon aus, dass es bei jeder 10.000sten menschlichen Handlung zu einem Versagen oder einem Irrtum komme.

TU hört nach Alarm mit

Um Zusammenstöße in der Luft zu vermeiden, verfügt jedes Verkehrsflugzeug über ein Bordkollisionsschutzsystem (ACAS). Dieses ist als Rettungssystem der letzten Sekunden konzipiert, in denen noch ein erfolgreiches Ausweichen möglich ist. Es misst den Abstand und die Höhendifferenz zu anderen Flugzeugen und gibt dem Piloten Ausweichanweisungen. Vorhaben, die Kommunikation der Flugzeuge vom Boden aus mitzuhören und auszuwerten, wurden bislang nicht umgesetzt. Weltweit erstmalig hat nun die TU Braunschweig Kollisionsalarme aufgezeichnet und systematisch untersucht. Dazu wurde in Braunschweig eine experimentelle Bodenstation aufgebaut.

Vom Ziel noch weit entfernt

Nach den Forschungsergebnissen des Braunschweiger Wissenschaftlers droht damit über Deutschland rein statistisch "alle 20 bis 50 Millionen Flugstunden eine Kollision". Mit dem Kollisionswarngerät habe man die statistische Gefahr aber auf einen Zusammenstoß in einer Milliarde Flugstunden senken wollen. "Beim Kollisionsschutz sind wir vom gesetzten Sicherheitsziel noch weit entfernt", sagte Form.

Fluggesellschaften wollen die Daten

Nach den ersten beunruhigenden Ergebnissen der Studie wird die Untersuchung inzwischen auf ganz Deutschland ausgedehnt. Den Forschern stehen inzwischen fünf über ganz Deutschland verteilte Empfangsstationen zur Verfügung, in Frankfurt, Stuttgart, München und zwei in Braunschweig. Mit diesem Netz wurden vom 15. August bis zum 20. November 2008 an 98 Tagen bereits 510 Kollisionsalarme registriert, teilte die Hochschule mit. Mehrere deutsche Fluggesellschaften interessieren sich inzwischen für die Studie und sollen die Auswertung erhalten. Auch die Europäische Luftsicherheitsbehörde (EASA) hat bereits Interesse angemeldet.

Braunschweig will weiter forschen

Angesichts der Vielzahl von Beinahe-Unfällen berät die TU Braunschweig mit dem Wirtschaftsministerium unterdessen, ihre Untersuchung noch zu verlängern. "Unsere Ergebnisse haben gezeigt, dass eine weitere Langzeitbeobachtung und eine tiefer gehende Analyse erforderlich sind", erklärte Form.

Forscher fordert mehr Höhenabstand

Maßnahmen seien auch bei der Flugsicherung notwendig, sagte er. Als gesetzlicher Höhenabstand zwischen zwei Flugzeugen seien in Deutschland lediglich 300 Meter vorgeschrieben. Dieser Höhenabstand reiche bei Maschinen im Steig- oder Sinkflug aber bei einem Pilotenfehler nicht mehr für ein Ausweichmanöver aus. Daher schlage das Kollisionswarnsystem bereits Alarm, wenn der gesetzliche Höhenabstand noch eingehalten wird.



Quelle: dpa , dapd , AFP

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