03.09.2010, 14:35 Uhr
Der Oberbürgermeister der Stadt Duisburg, Adolf Sauerland, will trotz der Katastrophe bei der Loveparade im Amt bleiben (Foto: dpa)
Auch fast sechs Wochen nach der Loveparade von Duisburg schieben sich Veranstalter, Polizei und Stadt weiter die Verantwortung für die Katastrophe mit 21 Toten zu. Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) verteidigte bei einer Sitzung des Landtags-Innenausschusses sein Verbleiben im Amt. Laut Opferanwalt Gerhart Baum herrscht bei den Hinterbliebenen sowie bei den Verletzten der Loveparade großes Unverständnis über die gegenseitigen Schuldzuweisungen.
In einer Stellungnahme des Ministeriums wird vor allem der Einsatz von zu wenigen Ordnern angesichts der drohenden Überfüllung des Rampenkopfes kritisiert. Die Ordnerkapazitäten hätten nicht ausgereicht, bei der drohenden Überfüllung die notwendigen und verbindlich abgesprochenen Maßnahmen umzusetzen.
Bemängelt wird unter anderem auch, dass der Einsatz der sogenannten Pusher und das Mitziehen der Zuschauer durch die Floats eine Pfropfenbildung am Rampenkopf nicht verhindert hätte. Auch Lautsprecherdurchsagen zur besseren Verteilung der Besucher auf dem Gelände habe der Veranstalter nach Erkenntnissen der Polizei nicht durchgeführt. Zudem seien die Schleusen vor den Tunneleingängen von den Ordnern entgegen den Anweisungen des sogenannten Crowd-Managers nicht durchgehend geschlossen worden. Inzwischen eingerichtete polizeiliche Sperren hätten so nicht mehr gehalten werden können.
Selbstkritisch merkt die Stellungnahme an, dass derzeit keine Erkenntnisse vorliegen, warum die Polizeibeamten an den Schleusen nicht darauf hinwirkten, dass die Ordner die Schleusen durchgängig schlossen. "Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass Kommunikationsprobleme hierfür ursächlich waren."
Sauerland hatte zuvor erneut bekräftigt, dass die Stadt alles ihr Mögliche zur Aufklärung der Loveparade-Katastrophe beitragen wolle. Die Stadt Duisburg habe als erster der an der Organisation der Loveparade beteiligten Partner ihre Akten geöffnet. Er hoffe, dass damit "viele, viele Fragen beantwortet werden können".
Im Innenausschuss hat Sauerland dazu aufgerufen, bei der Aufarbeitung des Loveparade-Unglücks mit 21 Toten auf gegenseitige Schuldzuweisungen zu verzichten. Dafür seien die Geschehnisse "zu ernst und zu tragisch", sagte Sauerland im Düsseldorfer Landtag. Er habe sich an den "massiven Schuldzuweisungen" nicht beteiligt und werde dies auch nicht tun. Eine "seriöse Aufarbeitung" sei nicht nur "äußerst komplex", sondern auch zu bedeutsam für Stadt, Land und nicht zuletzt für alle Betroffenen, als es bei schnellen Lösungen zu belassen.
Sauerland verteidigte auch seine Entscheidung, trotz enormen öffentlichen Drucks im Amt zu bleiben. Er sei überzeugt, "diese Form der Aufarbeitung auch den Opfern und ihren Hinterbliebenen schuldig zu sein". Das habe mit einem "Stehlen aus der mir übertragenen Verantwortung" gar nichts zu tun. Der Oberbürgermeister betonte, bei allen Planungen habe immer die Sicherheit im Vordergrund gestanden. Die Veranstaltung sei "nachhaltig und seriös geplant, nicht in Eile und nicht aus dem Boden gestampft".
Innenminister Ralf Jäger kritisierte zu Beginn der Sitzung, dass gegen die Polizei "ungeheuerliche Vorwürfe" erhoben würden. "Vorfestlegungen oder gar Schuldzuweisungen, wie sie in den letzten Tagen geäußert wurden, sind unseriös und interessengeleitet", sagte der Minister.
Er bleibe dabei "dass es unrealistisch ist, bei dem unfassbaren Chaos auf Veranstalterseite einen fehlerfreien Polizeieinsatz zu erwarten". Es müsse geklärt werden, warum zwischen Veranstalter, Stadt und Polizei die "verbindlich abgesprochenen Kommunikationswege in der entscheidenden Phase offensichtlich nicht genutzt" worden seien.
Der Rechtsanwalt der Loveparade-Opfer, Gerhart Baum, rechnet noch mit monatelangen Ermittlungen bis zur juristisch sauberen Klärung der Schuldfrage. Diese könne derzeit noch nicht beantwortet werden, sagte der FDP-Politiker und frühere Bundesinnenminister dem Radiosender Deutschlandradio Kultur. Er könne sich vorstellen, dass es überschneidende Verantwortungsbereiche für das Unglück gegeben habe. Erst nach Abschluss der Ermittlungen werde sich endgültig herausstellen, wer strafrechtlich oder zivilrechtlich zur Verantwortung gezogen werden könne.
Während der Loveparade am 24. Juli war an einem überfüllten Zugangstunnel eine Massenpanik ausgebrochen. 21 Menschen starben, mehr als 500 wurden verletzt. Baum sagte, er könne als Anwalt nur dringend davor warnen, jetzt schon abschließende Stellungnahmen abzugeben und die Schuld immer nur beim anderen zu suchen. "Man muss ja auch berücksichtigen, wer bezahlt eigentlich die Gutachten, die Gutachter. Das Landesgutachten ist vom Land bezahlt worden, das Gutachten der Stadt von der Stadt", fügte er hinzu. Viele Fragen seien bislang unbeantwortet geblieben.
Quelle: AFP , dpa
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