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Katastrophe bei der Loveparade

 

Loveparade: Katastrophe mit Ansage

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(Grafik: ddp/t-online.de)

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Loveparade: Katastrophe mit Ansage

28.07.2010, 12:53 Uhr | Steffen Mayer, AP

Loveparade: Viel zu viele Menschen drängten sich bei der Duisburger Loveparade auf einem viel zu engen Gelände (Foto: dpa)

Viel zu viele Menschen drängten sich bei der Duisburger Loveparade auf einem viel zu engen Gelände (Foto: dpa)

Die Katastrophe bei der Loveparade in Duisburg war nach Ansicht von Experten vorprogrammiert. Das ergibt sich allein schon aus der Berechnung der Besucherzahl, die überhaupt durch den Tunnel auf die Zugangsrampe zum Partygelände gelangen konnte.

Entsprechende Kalkulationen bestätigten der Katastrophenforscher Wolf Dombrowsky von der Steinbeis-Hochschule Berlin und der Verkehrsforscher Dirk Serwill von der Aachener Ingenieurgruppe IVV. Serwill hatte auch schon nach der tödlichen Massenpanik in Mekka im Jahr 2006 Lösungen zur Steuerung der Menschenströme entwickelt.

Inzwischen ist bekannt, dass in Duisburg eine Genehmigung für nur 250.000 Personen vorlag. Wie viele Menschen allerdings zum Zeitpunkt der Katastrophe tatsächlich auf dem Gelände waren, ist noch Gegenstand der Ermittlungen. Die Zahl ist aber für die Katastrophe nicht ausschlaggebend gewesen. Das Problem war der Zugang zum Gelände. Ausschlaggebend ist also nicht, wie viele Menschen auf den Platz passen, sondern wie viele den Zugang passieren können.

Die Bilder vom Tunnelausgang in Richtung Platz belegen, dass von Ost wie von West die Besucher aus dem Tunnel auf die Rampe drängten. Bisher ist nicht geklärt, ob und durch wen der Zugang zum Festplatz am Ende der Rampe offiziell gesperrt wurde. Doch auch ohne jede Sperrung hätte dieser Zugang den Berechnungen zufolge nicht ausgereicht, die Besucher ohne Stauung und gefährliches Gedränge auf den Platz zu führen.

Zugang konnte Massen niemals bewältigen

Die maßgebliche Zahl heißt Durchfluss. Für Sport-Großveranstaltungen wurde eine Kapazität von 100 Menschen pro Meter Wegbreite pro Minute berechnet. Diese Zahl dient zur Orientierung bei der Veranstaltungsplanung. Dabei wird ungestörtes und normales Gehen in eine Richtung angenommen. Der Tunnel in Duisburg hätte mit seinen circa 16 Metern Breite also eine Durchgangskapazität von 1.600 Menschen pro Minute oder 96.000 pro Stunde gehabt.

Katastrophenforscher Dombrowsky erläuterte, dass bei solchen Spaß-Veranstaltungen aus Sicherheitsgründen der Durchfluss um ein Drittel reduziert werden sollte. Auch der Ingenieur Serwill geht von "einer Kapazität von 64.000 Menschen" aus. Der Durchfluss war aber nicht reduziert, etwa durch Sperren weit im Vorfeld. Und der Menschenstrom kam von beiden Tunnelseiten auf den einzigen Ausgang in Tunnelmitte zu. Rein rechnerisch strömten somit 96.000 aus zwei Richtungen statt 64.000 Menschen aus einer Richtung auf die Ausgangsrampe zu. "Diese Rampe ist aber nicht doppelt so breit wie die Wegbreite im Tunnel, sie kann die Massen also gar nicht aufnehmen", erklärte Dombrowsky.

"Einfädeln führt zu Schwierigkeiten"

Dazu käme laut dem Katastrophenforscher, dass die beiden Menschenströme sich am Tunnelausgang einfädeln und rechtwinklig abbiegen müssten, um raus zu kommen. "Das Einfädeln führt, wie jeder Autofahrer weiß, zu ganz erheblichen Schwierigkeiten, die nur durch Höflichkeit und Verständnis überbrückt werden können." Wenn also nicht die Menschen auf der Kurveninnenseite abbremsen und die außen Laufenden beschleunigen, entsteht zwangsläufig eine chaotische, gestaute Menschenmenge, in die auch noch von der Gegenseite Tausende einfädeln wollen.

Darüber hinaus wird die Bewegung des Menschenstroms noch zusätzlich blockiert, wenn der Zugang zugleich der Ausgang ist. Das heißt, Menschen bewegten sich entgegen dem Strom, zusammen mit jenen, die lieber umkehren wollten.

Einzelne können Bewegung der Masse nicht beeinflussen

Klar ist also, es kommen Tausende von links und es kommen Tausende von rechts, die zugleich einfädeln und abbiegen müssen. Das war allein durch die Geometrie des Zugangsweges zu erwarten. Der Arbeiter Samariter Bund rechnet bei Großveranstaltungen auf Freiflächen mit einer Kapazität von maximal vier Menschen pro Quadratmeter. Das ist zwar eng, aber es geht.

Wenn sich sechs Menschen in einem Pulk auf einem Quadratmeter drängen, kann es allein dadurch zur Staubildung im Bewegungsfluss kommen. Der Einzelne kann dann die Bewegung der Menschenmasse nicht mehr kontrollieren. Ab diesem Zeitpunkt kann es gefährlich werden, insbesondere wenn Störfaktoren hinzukommen: Wenn Leute drängeln, wenn die ersten schubsen, um sich Luft zu verschaffen. Doch das passiere automatisch in solch bedrängten Situationen, das sei normales menschliches Selbstschutzverhalten, erklärte Dombrowsky.

Sehr gefährlich wird es, wenn die Menge anfängt, sich wie eine Flüssigkeit mit Strudeln gegenläufig zu bewegen. Etwa weil Teile der Menge sich in Richtung einer möglichen Fluchtroute bewegen, während andere Teile Richtung Eingang und wieder andere Richtung Tunnel drücken. In solchen Situationen werden Menschen totgequetscht, ohne dass ein Einzelner im Pulk daran irgendetwas ändern könnte. Solche Gedränge-Situationen müssen also schon bei der Planung einer Großveranstaltung ausgeschlossen werden.


Quelle: dapd

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