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Katastrophe bei der Loveparade

 

Loveparade: Die unterversicherte Katastrophe

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Loveparade: Die unterversicherte Katastrophe

03.09.2010, 14:51 Uhr | Von Barbara Hans

Massenpanik bei der Loveparade - Experten kritisieren, dass die Besucher viel zu gering versichert wurden (Foto: dpa)

Massenpanik bei der Loveparade - Experten kritisieren, dass die Besucher viel zu gering versichert wurden (Foto: dpa) (Quelle: dpa)

Wer zahlt für die 21 Toten, für die Hunderten Verletzten und Traumatisierten? Weil die Loveparade womöglich nicht ausreichend versichert war, könnten Opfer weniger Entschädigung bekommen, als ihnen zusteht. Alles hängt von der Schuldfrage ab - und die ist immer noch nicht geklärt.

Ist Hilfe Ausdruck eines schlechten Gewissens? Wenn jemand Geld gibt, ist das dann ein Schuldeingeständnis? Große Fragen, die grundsätzlich klingen - nach dem Loveparade-Desaster von Duisburg aber eine sehr konkrete Dimension haben.

Schuldfrage dominiert alles

1,5 Millionen Soforthilfe gibt es vom Veranstalter Lopavent, seinem Versicherer Axa und der Stadt Duisburg. Das Land Nordrhein-Westfalen hat einen Fonds über eine Million Euro eingerichtet. Und jede dieser Zusagen wird daraufhin abgeklopft, ob der Stifter mit ihr etwas über seine Verantwortung auszusagen vermag - da doch die Frage nach den genauen Verantwortlichkeiten auch nach Wochen ungeklärt ist. Und so dominiert die Schuldfrage bei der Aufarbeitung der Katastrophe alles. Sogar die Hilfe für die Opfer.

Die Versicherung Axa beeilt sich zu versichern, es handele sich bei der Bereitstellung des Geldes nicht um ein Schuldeingeständnis. "Wir wollten schnell und unabhängig von der Klärung durch die Staatsanwaltschaft eine Lösung für besonders schwer Betroffene schaffen", sagt Sprecher Ingo Koch "Spiegel Online". Axa und Lopavent haben eine Million Euro zusammengetragen. Der überwiegende Teil des Geldes stammt von der Versicherung, ein Teil aus dem Privatvermögen des Lopavent-Chefs Rainer Schaller. Wie viel genau, will man nicht sagen. Denn alles, was Schaller tut, könnte gegen ihn verwendet werden.

Stadt zahlt 500.000 Euro

Klar ist: Bei dem Axa-Geld handelt es sich keineswegs um eine Spende, sondern um einen Vorgriff auf den Betrag aus der Versicherungspolice - also der Deckungssumme für die Love Parade. Sobald die Haftungsfrage geklärt ist, wird Axa das Geld per Regress von demjenigen zurückfordern, der per Gerichtsurteil für verantwortlich befunden wird. Wer bis dahin Geld von der Axa bekommen hat, muss aber "keine Rückforderungen fürchten", sagt Sprecher Koch. Jetzt gezahltes Geld werde höchstens später auf mögliche Schadenszahlungen angerechnet.

Der Axa-Lopavent-Initiative hat sich inzwischen auch die Stadt Duisburg mit 500.000 Euro angeschlossen. Eine Kooperation mit der nordrhein-westfälischen Regierung scheiterte - warum, wollen die Beteiligten nicht sagen, nur so viel: Es habe "unterschiedliche Ansätze" gegeben, sagt Frank Kopatschek, Sprecher der Stadt Duisburg.

Deshalb hat das Land NRW schließlich einen eigenen Fonds eingerichtet, der von der Unfallkasse des Landes verwaltet wird. Anders als beim privaten Versicherer sind Regressforderungen hier ausgeschlossen; das Land wird sich seine Ausgaben nicht nachträglich erstatten lassen. Was an die Opfer ausgezahlt ist, wird später weder verrechnet noch womöglich zurückgefordert.

"Ich hatte nie das Gefühl, dass wir einen Millionär belohnen"

Bei der Unfallkasse ist Anke Wendt für die Anträge der Opfer verantwortlich. Hilfe erhalten Angehörige von Verstorbenen und Betroffene, die nach der Loveparade mindestens zwei Tage stationär in einem Krankenhaus behandelt wurden. Doch wie viel ist ein Leben wert, wie viel eine Verletzung?

Die Hinterbliebenen erhalten 20.000 Euro. Den stationär behandelten Opfern werden pro Kliniktag 500 Euro gezahlt. "Ein verstauchter Finger ist keinen Tagessatz wert", sagt Wendt "Spiegel Online".

Die Bedürftigkeit kann sie nicht prüfen. Sie muss sich auf das verlassen, was ihr die Menschen erzählen. Und darauf hoffen, dass die Hilfe nicht ausgenutzt wird - wissen kann sie es nicht. "Ich hatte bisher nie das Gefühl, dass wir einen Millionär belohnen", sagt sie.

Schwerverletzte müssen sich selbst melden

Wenn die körperlichen Verletzungen verheilt sind, treten immer stärker die seelischen Probleme zutage. Immer mehr werden deshalb stationär behandelt, und auch für sie gibt es Geld aus dem Fonds.

Wendt hat es schon wegen des Datenschutzes schwer, die Opfer zu erreichen. Die Mitarbeiterin der Unfallkasse ist darauf angewiesen, dass die Betroffenen sich melden - denn Listen der Kliniken erhält sie nicht. Von 100 Schwerverletzten war nach der Katastrophe die Rede, doch bisher haben nur rund 50 um Unterstützung gebeten. Mit Flugblättern versucht die Unfallkasse nun, die Betroffenen in psychiatrischen Kliniken zu erreichen. "Viele kommen gar nicht erst auf die Idee, dass sie Hilfe erhalten können", sagte Wendt.

Manche Menschen nehmen die Unterstützung in Anspruch, um die Bestattung zu bezahlen - andere überbrücken Verdienstausfälle oder finanzieren die Kinderbetreuung während des Klinikaufenthalts. Ob das Geld am Ende reicht, kann Wendt nicht absehen.

Gesamtdeckungssumme von 7,5 Millionen Euro

Die Soforthilfe ist nur ein erster Schritt, die nur hilft, die Belastung bis zur Klärung der Schuldfrage abzumildern. Was danach kommt, hängt davon ab, wer verantwortlich ist. Axa, die Haftpflichtversicherung von Lopavent, zahlt nur, wenn das Verschulden des Veranstalters vor Gericht nachgewiesen ist - was sich hinziehen kann. "Die Betroffenen haben verstanden, dass es lange dauern wird - und dass man nicht ausschließen kann, dass es am Ende keinen Hauptverantwortlichen gibt", sagt Rechtsanwalt Björn Wieg von der Kanzlei Baum, Reiter und Kollegen, die etwa 80 Opfer vertritt. "Aber es gibt eine große Wut, dass die Verantwortlichen bislang nicht gesagt haben, was genau überhaupt passiert ist."

Der Anwalt bezweifelt, dass die Gesamtdeckungssumme von 7,5 Millionen Euro, mit der die Loveparade bei Axa versichert war, hoch genug ist. So sollen unter den 21 Toten zwei Personen sein, die Ehepartner und Kinder hinterlassen. Sie müssen unter Umständen mit einer Geldrente aus der Versicherung versorgt werden. Über die Jahre addiert, geht es da schnell um Millionen.

"Die Summe ist viel zu gering angesetzt"

"Die Deckungssumme ist viel zu gering angesetzt", sagt Wieg. Nach der Katastrophe sei immerhin von rund 500 Verletzten die Rede gewesen, viele Verletzte wurden vermutlich gar nicht erfasst, weil sie sich nicht in Duisburg behandeln ließen. Andere Großveranstaltungen wie das Münchner Oktoberfest sind deutlich höher versichert. "Die Wirte werden von der Stadt verpflichtet, für jeden Schadensfall fünf Millionen Euro einzuplanen."

"Eine Unterversicherung hat für die Betroffenen gravierende Folgen", sagt Petra Pohlmann, Juraprofessorin an der Universität Münster und Direktorin der Forschungsstelle für Versicherungswesen. Ist der Schadenswert größer als die Deckungssumme, werden die Schäden nur anteilig ersetzt - das Opfer bekommt also weniger, als ihm zusteht.

Ein Beispiel: Würden sich die Schäden bei der Love Parade auf 15 Millionen Euro summieren, wären sie doppelt so hoch wie die Versicherungssumme. Jedes Opfer bekäme dann anteilig nur die Hälfte seiner Schäden erstattet - und müsste versuchen, den Rest abseits der Versicherungssumme vom Veranstalter selbst zu erhalten.

Einen gesetzlichen Zwang zu einer sogenannten Veranstalter-Haftpflicht gibt es bisher nicht. Darüber hat nun immerhin der Innenausschuss der nordrhein-westfälischen Landtags am Donnerstag beraten.


Quelle: Spiegel Online

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