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Löchrige Tarnkappe für Kampfkolosse

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Löchrige Tarnkappe für Kampfkolosse

09.09.2011, 09:13 Uhr | Von Markus Becker

CV90-Panzer mit Tarn-Kacheln (Quelle: BAE Systems)

CV90-Panzer mit Tarn-Kacheln (Quelle: BAE Systems)

Ein neuartiges System soll Panzer nahezu unsichtbar machen - so lautet das vollmundige Versprechen eines britischen Rüstungskonzerns. Doch die Tarnung funktioniert nur, wenn der Feind im Dunkeln durch Wärmebildkameras guckt, das Fahrzeug stillsteht und nicht schießt.

Hamburg - Es wäre der Traum eines jeden Panzerkommandanten: Auf Knopfdruck wird sein Fahrzeug unsichtbar. Das Problem ist, dass solche Kunststücke bisher nur in Science-Fiction-Filmen funktioniert. Doch jetzt will der britische Rüstungskonzern BAE Systems diese kühne Vision Wirklichkeit werden lassen - mit Hilfe kleiner sechseckiger Platten.

Die Kacheln sind das Herzstück eines Systems namens "Adaptiv", das BAE für das schwedische Militär entwickelt hat und kommende Woche auf der Londoner Waffenschau Defence and Security Equipment International (DSEi) präsentieren will. Kameras sollen die Strahlung in der Umgebung eines Fahrzeugs - etwa eines Panzers oder eines Kriegsschiffs - analysieren. Die Kacheln passen sich in Windeseile an, so dass das Objekt mit seiner Umgebung verschmilzt und nahezu unsichtbar wird.

So weit die Theorie. In der Praxis funktioniert die Stealth-Vorrichtung bisher allerdings nur, wenn es dunkel ist und der Beobachter durch eine Wärmebildkamera schaut. Denn Infrarot ist die einzige Art von Strahlung, an die sich die Kacheln derzeit anpassen können: Anhand der Daten der Bordkameras verändern sie in kürzester Zeit ihre Temperatur. Wie genau das funktioniert, verschweigt BAE. In Werbevideos ist zu sehen, wie ein mittelschwerer Panzer des Typs CV90 auf Wärmebildern entweder verschwindet, die Form eines Autos annimmt oder aber Symbole wie ein großes X zeigt, um für die eigene Truppe besser identifizierbar zu sein.

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Relikt aus dem Kalten Krieg?

Der Infrarotbereich sei eine Priorität der schwedischen Auftraggeber, heißt es in einer BAE-Mitteilung. Die Technologie eigne sich aber auch für andere Wellenbereiche der elektromagnetischen Strahlung. Firmensprecher Mike Sweeney sagt, dass man künftig Fahrzeuge auch für Radar oder gar für das menschliche Auge unsichtbar machen könnte. Denn Licht sei auch nur elektromagnetische Strahlung. Diese "umfassende Tarnung" werde man in den nächsten Jahren weiterentwickeln, so BAE.

Das wäre nach Meinung unabhängiger Experten dringend notwendig, denn eine Tarnung ausschließlich im Infrarotbereich wäre nur wenig nützlich. Sascha Lange vom Penzberger Drohnenhersteller EMT etwa hält das BAE-System in seiner jetzigen Form eher für ein Relikt aus Zeiten des Kalten Krieges, ausgelegt auf Schlachten zwischen technisch hochgerüsteten Armeen. "Und selbst in solchen Szenarien würde eine Tarnung im Infrarotbereich heute kaum noch einen Nutzen bringen", meint Lange. Denn moderne Sensoren würden ihre Ziele auch in optischen Wellenlängen oder per Radar finden.

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In aktuellen Krisenregionen, in denen moderne Armeen gegen teils vorsintflutlich ausgerüstete Gegner kämpfen, bringe das BAE-System noch weniger. "Insbesondere in bewohnten Gebieten werden Panzer meist mit dem bloßen Auge geortet und nicht mit Wärmebildkameras", so Lange. Hinzu kommt der mächtige Lärm, den ein schweres Kettenfahrzeug macht. Vor einem Aufständischen, der aus kurzer Distanz eine Panzerfaust abfeuert, würde eine Infrarot-Tarnkappe deshalb keinerlei Schutz bieten.

Bewegung erschwert die Tarnung

BAE-Sprecher Sweeney wollte keine näheren Angaben dazu machen, wie das "Adaptiv"-System im Radarbereich funktionieren könnte. Um einen Panzer für das menschliche Auge zu tarnen, gebe es allerdings bereits einen Ansatz: Die Kameras sollen die Gegend rund um den Panzer auf die Kacheln projizieren. Zumindest aus einiger Entfernung sei das Fahrzeug dann gut getarnt.

Allerdings ist die Entfernung schon bei der Infrarot-Tarnkappe ein Problem, wie Sweeney einräumt. Auf Distanzen unter 300 Meter steige die Wahrscheinlichkeit, dass man den Panzer auf Wärmebildern erkenne, Tarnung hin oder her. Weitere Schwierigkeiten drohen, sobald sich der Panzer bewegt. Setzt sich das riesige Gefährt in Bewegung, bläst es heiße Abgase in die Luft. Noch kniffliger wäre es, die Tarnung im Gefecht aufrecht zu erhalten, wenn Kanonenrohr und Maschinengewehre Hitze abgeben.

BAE Systems ist nicht das einzige Unternehmen, das an Tarnvorrichtungen arbeitet. Erst vor kurzem präsentierte etwa die israelische Firma Eltics ein Infrarot-Tarnsystem namens "Black Fox", das ähnlich funktionieren soll wie "Adaptiv". Auch in Deutschland laufen seit Jahren Versuche. "Experimentell funktionieren diese Systeme durchaus", sagt Helmut Essen vom Fraunhofer-Institut für Hochfrequenzphysik und Radartechnik (FHR) in Wachtberg. Deshalb sei die Behauptung von BAE Systems, das "Adaptiv"-System biete eine gewisse Tarnung im Infrarotbereich, plausibel.

Die Frage sei allerdings, wie gut ein solches System unter den harten Bedingungen funktioniere, die ein Panzer in der Realität zu bewältigen habe. "Da muss man erhebliche Einschränkungen hinnehmen", sagt Essen. Das gelte für den Radar- noch mehr als für den Infrarotbereich. "Radar-Tarnkappen werden unter den Einsatzbedingungen eines Panzers vermutlich nie vollständig funktionieren", meint Essen. "Sie bieten bestenfalls einen gewissen Schutz, wenn sich das Fahrzeug nicht bewegt."

Ansonsten gelte für das Gefährt dasselbe wie für ein Chamäleon: So lange es stillhält, ist es kaum zu erkennen - setzt es sich aber in Bewegung, ist die Tarnung dahin. "Das Chamäleon kann sich dann nicht mehr schnell genug an die Umgebung anpassen", sagt Essen. Auch ein fahrender Panzer werde vom Radar vermutlich immer aufzuspüren sein, dafür sorge schon der Doppler-Effekt. Von der Fähigkeit zur "Rundum-Tarnung" zu sprechen - so wie es BAE in seiner Pressemitteilung tut - sei ein Werbegag.

Noch futuristischer wäre der Einsatz sogenannter Metamaterialien, die elektromagnetische Strahlung - und auch Licht im optischen Bereich - umlenken können. In der Grundlagenforschung ist es bereits gelungen, winzige Objekte in bestimmten Wellenbereichen unsichtbar zu machen. Auch mit einfacheren Kristallen ist das bereits gelungen. Ein Panzer aber ist nicht nur erheblich größer, "sondern besitzt auch eine komplizierte Geometrie", wie Peter Knott vom Fraunhofer FHR erklärt. "So etwas liegt, sollte es überhaupt möglich sein, noch viele Jahre in der Zukunft."



Quelle: Spiegel Online

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