
27.08.2011, 17:29 Uhr
Libysche Rebellen geben sich siegessicher: Die letzten Gaddafi-Kämpfer sollen bald aus Tripolis verjagt sein (Quelle: AP)
Die libyschen Rebellen haben die Truppen von Machthaber Muammar al-Gaddafi an den Rand der Hauptstadt Tripolis gedrängt. Der neue Militärchef der Aufständischen, Abdel Hakim Belhadsch, erklärte in der Nacht zum Samstag, Libyen sei nun frei. Es gebe zwar noch vereinzelt Widerstand, doch Hunderte Gaddafi-Kämpfer hätten in den vergangenen zwei Tagen aufgegeben.
Nach der Eroberung der Hauptstadt stehen jetzt auch Gaddafis letzte Machtbastionen im Land vor dem Fall. Der Chef der libyschen Übergangsregierung, Mahmud Dschibril, erklärte, die Aufständischen hätten inzwischen fast im ganzen Land die Oberhand. Nach tagelangen Kämpfen konnten die Rebellen Medienberichten zufolge auch den wichtigsten Grenzübergang zu Tunesien einnehmen.
Nur Sebha, Sirte sowie das südöstlich von Tripolis gelegene Bani Walid seien noch nicht unter Kontrolle, sagte er nach Angaben der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu. Ziel sei es, die Städte ohne Blutvergießen einzunehmen. Weiter unklar ist, wo der langjährige Diktator untergetaucht ist.
Ein NATO-Vertreter sagte, Sirte stehe nun im Mittelpunkt der Einsätze, weil die Stadt eine der letzten Orte unter Gaddafis Kontrolle sei. Auch die libyschen Aufständischen bereiteten eine Offensive in Sirte vor.
Bei Luftangriffen des Bündnisses seien 15 Militärfahrzeuge und weitere Ziele beschossen worden, teilte die NATO in Brüssel mit. Elf mit Waffen beladene Fahrzeuge sowie drei militärische Logistikfahrzeuge und ein gepanzertes Kampffahrzeug seien am Freitag zerstört worden. Zudem seien mehrere Militäranlagen beschossen worden.
Derweil spitzt sich die Versorgungslage in Tripolis zu: Am Freitagabend fiel der Strom aus. "Die ganze Stadt ist schwarz", berichtete eine Korrespondentin der Nachrichtenagentur dpa. In der Millionenmetropole gebe es auch kein Wasser mehr. In Tripolis machten Gerüchte die Runde, die Versorgung sei aus Furcht vor vergiftetem Wasser unterbrochen worden.
Libysche Rebellen durchsuchen das Tunnelsystem unter Gaddafis Residenz. zum Video
Auch die Versorgungslage mit Lebensmitteln wird in der Hauptstadt immer dramatischer. Vor den wenigen Geschäften, die noch frische Waren verkauften, bildeten sich lange Schlangen. In anderen Läden sind die Vorräte bereits völlig ausgegangen.
UN-Generalsekretär Ban Ki Moon sieht enorme Herausforderungen in Libyen. Ban sagte nach einer Videokonferenz mit Vertretern der EU, der Afrikanischen Union, der Arabischen Liga und der Organisation der Islamischen Konferenz, alle seien sich einig, dass die Krise in Libyen eine neue und entscheidende Phase erreicht habe.
Der stellvertretende Chef der libyschen Übergangsregierung, Ali Tarhuni, sprach sich dafür aus, Gaddafi-Anhänger in die Sicherheitskräfte des künftigen Staats zu integrieren. "Wir werden 90 Prozent der Polizisten behalten. Verhandlungen darüber laufen schon", sagte er der "Süddeutschen Zeitung" und dem "Tagesspiegel" in Tripolis. Um die Fehler zu vermeiden, die nach dem Machtwechsel im Irak gemacht wurden, würden nur jene Sicherheitskräfte entlassen, die "Blut an den Händen" hätten. "Wir werden allen Rebellenkämpfern anbieten, in die Polizei oder die Armee einzutreten", ergänzte Tarhuni.
Währenddessen kommen immer mehr Grausamkeiten der vergangenen Tage ans Licht. Reporter der Fernsehsender Al-Dschasira und BBC berichteten von Gräueltaten auf beiden Seiten. Al-Dschasira zeigte Bilder von Leichen in Grünanalagen in Abu Salim, einem Stadtteil von Tripolis, in dem noch am Donnerstag besonders heftige Gefechte stattfanden. Ein Reporter beschrieb die Lage in einem nahe gelegenen Krankenhaus als katastrophal. Dort stapelten sich die Leichen.
Trotz andauernder Kämpfe zieht der libysche Rebellenrat seinen Sitz von Benghasi in die Hauptstadt Tripolis. zum Video
Nach Informationen der Menschenrechtsorganisation Amnesty International haben Gaddafi-Anhänger womöglich mehr als 100 Gefangene in Militärcamps nahe Tripolis brutal getötet. Die Gaddafi-treuen Truppen hätten Granaten geworfen und mit Schusswaffen auf die Gefangenen gefeuert.
Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton forderte die Rebellen indes zur Einhaltung der Menschenrechte auf. Ashton sagte der Zeitung "Die Welt" : "Die Opposition muss sicherstellen, dass Zivilisten geschützt und die Menschenrechte in Libyen in vollem Umfang respektiert werden. Es ist jetzt an der Zeit einen Prozess einzuleiten, der ein neues Libyen hervor bringt, in dem demokratische Werte, Rechtsstaatlichkeit und die Grundrechte des Menschen verwirklicht werden."
Ashton betonte, dass die EU in Libyen künftig keine Führungsrolle übernehmen wolle. "Dies ist eine libysche Revolution und der Übergangprozess muss von den Libyern selbst angeführt werden." Gleichwohl bot die EU-Chefdiplomatin erneut Hilfe beim Wiederaufbau des Landes an.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) schließt derweil eine Teilnahme der Bundeswehr an einer möglichen UN-Stabilisierungsmission in Libyen nicht aus. "Wenn man uns Deutsche fragt, werden wir selbstverständlich prüfen, was wir tun können", sagte Merkel der "Bild am Sonntag". Merkel verteidigte dennoch erneut die deutsche Enthaltung bei der Abstimmung über den Libyen-Einsatz: "Wir haben damals mit unseren Partnern über unsere Bedenken gesprochen und entschieden, dass Deutschland sich an diesem Einsatz militärisch nicht beteiligt. Wir haben aber auch von Anfang an klar gemacht, dass niemand unsere Enthaltung mit Neutralität verwechseln sollte."
Derweil hat ein Konvoi gepanzerter Fahrzeuge erneut Spekulationen über eine Flucht Gaddafis nach Algerien ausgelöst. Sechs Autos hätten am Freitagmorgen von Libyen aus die Grenzstadt Ghadames auf dem Weg nach Algerien durchquert, berichtete die ägyptische Nachrichtenagentur Mena unter Berufung auf libysche Militärkreise.
Die Fahrzeugkolonne sei von Gaddafi-Soldaten bis zum Übergang in das Nachbarland eskortiert worden. Die Aufständischen hätten den Konvoi wegen mangelnder Munition und Ausrüstung nicht stoppen können. "Wir denken, sie transportierten hochrangige libysche Offizielle, vielleicht Gaddafi und seine Söhne", sagte ein Aufständischer.
Für die Angaben gab es zunächst keine Bestätigung aus Libyen oder Algerien. Gaddafi ist untergetaucht, seit die libyschen Rebellen Ende vergangener Woche in die Hauptstadt Tripolis vorgerückt waren. Algerien weigert sich, den nationalen Übergangsrat der libyschen Rebellen anzuerkennen. Laut einer Stellungnahme des Außenministeriums vom Freitag fühlt sich die Regierung in Algier in der Frage einer "strikten Neutralität" verpflichtet.
Auch die Afrikanische Union (AU) erkennt nach den Worten des südafrikanischen Präsidenten Jacob Zuma weiterhin den Nationalen Übergangsrat in Libyen nicht als rechtmäßige Regierung an. Afrika fordere eine "Übergangsregierung unter Einschluss aller Parteien", betonte Zuma nach seiner Rückkehr von einem AU-Gipfeltreffen in Äthiopien. Dennoch haben mehrere afrikanische Staaten wie Nigeria, Kenia und Ägypten den Sieg der Rebellen anerkannt.
Quelle: dpa , dapd , AFP
tacheles schrieb:
am 27. August 2011 um 19:31:57
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@ Richard...
... bedaure, aber Ihre Ansicht entspricht nicht im geringsten der geschichtlichen Entwicklung, aus der man eigentlich lernen
sollte.
Wo hatben die USA und deren Verbündete in irgendeinem Land Demokratie vermitteln können? Im Irak, eines der modernsten und best strukturierten Afrikas? Sagen Sie wo, damit ich ihren Argumenten folgen kann. Nach den Eingriffen der USA usw., sehe ich nur traurige, zerstörte Hinterlassenschaften und Armut.
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Beobachter schrieb:
am 27. August 2011 um 19:23:23
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Eroberung
Wieder wurde ein Land "freigegeben" zum Ausplündern. Die 3.größten Erdölresen waren zu verlockend für
"Investoren" wie Hernn Levy. Dieser konnte im Alleingang in Bengasi die "Übergangsregierung" zusammenstellen, mit diesen Gangstern dann gemeinsam nach Paris fliegen und den "Segen" von Sarkozy empfangen. Unmittelbar darauf begann die Bombardierung Libyens - noch ohne UN-Mandat. Und das ist westliche Demokratie? Ein Eroberungskrieg im Namen der "Menschenrechte&
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Kritiker schrieb:
am 27. August 2011 um 19:14:35
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NATO greift Sirte an
Und das wird vom UN-Mandat gedeckt? Wo bleiben die Menschenrechtsorganisationen und die UN, wenn jetzt massive
Verbrechen durch die mordenden und plündernden Freischärler verübt werden. Oder reicht das bisher angerichtete Chaos noch nicht aus, um der libyschen Mehrheit das neue Diktat der Katastrophenkapitalisten überzustülpen? Es wird ablaufen wie im Irak. Die wichtigen Ressourcen werden privatisiert. Es wird bald private Sicherheitsdienste für die neuen Millionäre geben.
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