
29.08.2011, 07:54 Uhr | Aus Khellet Ferjan berichtet Clemens Höges
Ein Lagerhaus nahe Tripolis: Dutzende verwesende Leichen erregen das Grauen der libyschen Rebellen und der Anwohner (Quelle: Reuters)
Im Krieg muss man vorsichtig sein mit Gräuelgeschichten. Jede Seite versucht, der anderen ungeheuerliche Verbrechen in die Schuhe zu schieben. Es gibt auch viele Schwätzer oder traumatisierte Menschen, die unter Schock etwas Falsches sagen. Oder jedenfalls übertreiben. Und beide Seiten im Kampf um Libyen - die Soldaten Muammar al-Gaddafis wie die Rebellen - haben Verbrechen begangen.
Eines davon ist das Massaker von Khellet Ferjan. Der Tatort ist ein unscheinbarer Bauhof bei Tripolis, umgeben von einer hohen Mauer. Vor dem Krieg nutzte ihn die hiesige Agrar-Kooperative. Aber jetzt ist es ein grauenhafter Platz: In einem großen Schuppen liegen rund 50 Leichen, verbrannt bis aufs Skelett. Unter einem Wellblechdach daneben liegt ein gefesselter Mann, ihm wurde ins Gesicht geschossen, zwei Meter weiter noch ein Toter, hinter einer niedrigen Mauer ein anderer, auf einem Grundstück direkt daneben ein vierter. Der Geruch ist mit Worten nicht zu erfassen.
Auf dem Platz steht Abdulatif Rafaii, 42, ein schmaler, ruhiger und bedächtiger Mann, der in einem Haus rund 50 Meter weiter wohnt. Er zeigt auf zwei frisch ausgehobene leere Gruben, wie man sie als Massengräber aus anderen Ländern kennt. Das große, offene, leere Grab ist rund 13 Meter lang, fünf Meter breit, drei Meter tief. Das kleinere ist ungefähr halb so groß. Rund 150 mal 150 Meter misst das Grundstück, es ist nicht klar, was sich hier noch verbirgt. Diese Toten seien noch lange nicht alles, behauptet Rafaii. Gaddafis Leute hätten seit Beginn des Aufstands im Februar immer wieder Regimegegner, Demonstranten oder Aufständische hierher gebracht, gequält, umgebracht und verscharrt, sie hätten auch die benachbarten Grundstücke genutzt. Aktivisten der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch berichten Ähnliches aus anderen Teilen von Tripolis. Sie alle stützen sich auf Berichte von Überlebenden und Augenzeugen, handfeste Beweise fehlen bisher.
Eine Spurensuche in Khellet Ferjan also. Rund 800 Meter von dem Platz entfernt liegt die Kaserne der 32. Brigade, das war Gaddafis Elitetruppe, geführt von seinem Sohn Chamis. Am Freitag haben die Rebellen die Kaserne erobert. Gaddafis Soldaten kämpften aber derart erbittert, dass viele Rebellen schon vermuteten, in der Kaserne habe sich Gaddafi selbst zum letzten Gefecht verschanzt.
Libysche Rebellen durchsuchen das Tunnelsystem unter Gaddafis Residenz. zum Video
Auf der anderen Seite des Platzes liegt ein Gelände mit Schuppen. Angeblich, so Rafaii, habe das Regime dort Söldner aus Schwarzafrika untergebracht. Auf dem Hof stehen drei Gefangenentransporter, wie sie eigentlich nicht Militärs, sondern eher Polizisten benutzen. Einer davon ist ein Pick-up-Truck der brasilianischen Firma "O'Gara Hess & Eisenhardt" mit quälend engen Einzelzellen aus Blech im Aufbau. Weiter vorne stehen zwei Bulldozer, sie wurden vor leeren, offenkundig frisch ausgehobenen Gruben geparkt.
Rafaii erzählt, wie die Menschen gestorben seien sollen, deren Leichen man hier sieht. Die Tatzeit sei der vergangene Dienstag gewesen, gegen 20 Uhr. Muslime im Fastenmonat Ramadan freuen sich zu dieser Uhrzeit, weil sie nach ungefähr 20 Uhr wieder essen und trinken dürfen. Sie warten den ganzen Tag lang darauf.
Und an diesem Dienstagabend muss jedem Soldaten klargewesen sein, dass der Krieg verloren war. Am Nachmittag hatten die Rebellen Gaddafis enorme Festung Bab al-Asisija in Tripolis erobert, das Symbol seiner Macht. Es wurde höchste Zeit, Spuren zu verwischen.
Gaddafi-Soldaten, sagt Rafaii, hätten die Menschen in den großen Schuppen getrieben, dann hätten sie Handgranaten hineingeworfen, hinten, an der Rückseite des Schuppens. Daraufhin seien die noch lebenden Gefangenen auf das offene Tor der Scheune zugerannt. Dort hätten die Gaddafi-Krieger die meisten erschossen. Viele der verkohlten Skelette liegen neben und vor der Tür.
Einige Gefangene, so Rafaii, hätten es geschafft zu fliehen, einer über die Mauer bis aufs Nachbargrundstück. Dort sei er erschossen worden. Zwei hätten es sogar bis in sein Haus geschafft und sich dort dann versteckt gehalten. Rafaiis Erzählung passt zu zwei der nicht verbrannten Leichen draußen, aber schwerlich zu dem gefesselten Toten. Er wäre mit seiner Fußfessel kaum so weit gekommen.
Nach dem Massaker hätten die Soldaten dann Autoreifen zwischen die Leichen in der Halle geworfen und diese angezündet, sagt Rafaii. Das könnte stimmen, obwohl die Asche um die Skelette am Samstagabend noch lauwarm war. Aber Reifen brennen lange. Und das könnte auch erklären, warum von den Toten nur noch die Knochen übrig sind. Mit einem kurzen Benzinfeuer wäre das nicht passiert.
Man könnte natürlich auch vermuten, dass die Rebellen am Freitagabend nach der Schlacht Gefangene niedergemetzelt hätten und das Verbrechen hinterher Gaddafis Leuten in die Schuhe hätten schieben wollen. Aber auf einem der draußen liegenden Toten wimmelten am Samstagabend Tausende winziger Maden. Nur 24 Stunden nach dem Tod wäre das unmöglich.
Ein weiterer Nachbar, ein älterer Herr namens Ali Boukhatwa, sagt, er habe nichts von weiteren Morden gehört. Aber er wohne auch 700 Meter entfernt. Die Soldaten der Chamis-Brigade hätten oft laute Revolutionslieder gespielt. Alle Bewohner der Gegend hätten es vermieden, zu Fuß an der Kaserne vorbei zu gehen. Die Chamis-Brigade bezog das Areal angeblich kurz vor dem Aufstand und ließ einen Teil der Nachbarn aus ihren Häusern vertreiben, die Häuser stehen jetzt leer. Ursprünglich seien 150 Gefangene hier gewesen, sagt Ali Boukhatwa dann. Wo die anderen sind, es sind ja rund 50 Leichen da, weiß er nicht. Kurz nach Beginn des Aufstands hätten die Soldaten die Mauern um das Gelände hochgezogen und ein neues rotes Stahltor eingebaut, das die Einfahrt auf ganzer Breite verriegelt.
Ein Überlebender, Moftar Abdallah aus Zlitan, sagt, er sei kein Rebell gewesen. Er wisse auch nichts von anderen Massakern. Er sei allerdings mehrere Tage lang hier in Khellet Ferjan gewesen, was gegen die Theorie einer Hinrichtungsmaschinerie spricht.
In der Geschichte um den Tod der Menschen in Khellet Ferjan gibt es einige Ungereimtheiten. Die vier Toten, die nicht verbrannt sind, und die als einzige außerhalb des Schuppens liegen, waren wohl kräftige, eher dunkelhäutige Männer - soweit sich das nach vier Tagen in der Hitze Libyens noch erkennen lässt. Möglich, dass sie Soldaten waren, möglich, dass sie desertieren wollten, möglich, dass sie sich nicht beteiligen wollten. Ali Boukhatwa bestätigt diese Version, er sagt auch, dass die Soldaten gefoltert worden seien. Sicher ist nur, dass in Khellet Ferjan rund 50 Ermordete liegen. Es ist furchtbar genug.
Werden es mehr werden? Was für ein Ort ist das hier? Um es herauszufinden, bräuchte man einen Bagger. Vielleicht auch nur eine Schaufel. Noch hat hier niemand zu graben begonnen.
Aus Khellet Ferjan berichtet Clemens Höges
Dagobert schrieb:
am 28. August 2011 um 19:27:29
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@Günther
Lässt sich beliebig fortsetzen, Ihre Aufzählung: Portugal, Argentinien, Haiti... Seit ich mit einem Kollegen gesprochen habe, der
lange und oft im Iran war (ein französischer Autohersteller hat dort ein großes Werk) weiß ich, dass die Bevölkerung meist mehrheitlich nicht so denkt wie ihre Machthaber. Er jedenfallls war erstaunt, wie "normal" die iranische Bildungsschicht denkt, wenn sie etwas deren Vertrauen gewonnen haben.
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cleguevara schrieb:
am 28. August 2011 um 19:19:54
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ich schäme mich für uns
ich schäme mich für uns Deutsche, daß wir uns aufgrund unserer Außenpolitik da vornehm rausgehalten haben.
Feigheit kann des Teufels sein!! Feigheit ist hier der Verbündete des Tyrannen und Mörders gewesen - Schande!!
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Günther schrieb:
am 28. August 2011 um 19:17:31
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Die netten Rebellen
Wenn die Rebellen an der Macht sind wird alles noch viel schlimmer, siehe Irak, Kosovo, Afghanistan... Religiöse
Fundamentalisten braucht die Welt nicht.
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