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Kundus und die KSK-Krieger

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Die dunklen Geheimnisse der KSK-Krieger

10.03.2010, 18:38 Uhr | Von Matthias Gebauer, Spiegel Online

Bundeswehr: Bundeswehrsoldaten der Eliteeinheit KSK bei einer Übung. (Foto: ddp) Bundeswehrsoldaten der Eliteeinheit KSK bei einer Übung (Foto: ddp)Für die Privatsphäre von Oberst Georg Klein tut der Bundestag so einiges. Am Mittwoch erscheint der Bundeswehroffizier, der am frühen Morgen des 4. Septembers 2009 den Befehl zur Bombardierung zweier Tanklaster bei Kundus in Afghanistan gab, mit seinem Anwalt vor dem Untersuchungsausschuss des Parlaments. Aufgeklärt werden soll, was in der Nacht im Bundeswehr-Camp vor Ort und danach in Berlin schiefging. Die Regierung hat Transparenz versprochen.

Gesehen oder gar abgelichtet werden soll Klein, dessen Foto tagelang weltweit die Titelseiten zierte, bei dem Auftritt nicht. Der Ausschuss zog dafür extra in die Präsidialebene in einen dunkelblau getäfelten Konferenzraum im zweiten Stock um. Klein kommt mit seinem Bonner Anwalt Bernd Müssig direkt mit einem Aufzug aus der Tiefgarage in den für die Presse unzugänglichen Bereich, die wenigen Meter bis zum Saal werden mit Stellwänden abgeschottet.

KSK-Feldwebel ebenfalls Zeuge

Keine Frage, Klein ist die zentrale Figur in der Kundus-Affäre. Entsprechend groß ist die Aufmerksamkeit. So groß, dass andere wichtige Zeugen auf der Vernehmungsliste leicht übersehen werden. Zum Beispiel ein Hauptfeldwebel des geheimen Kommandos Spezialkräfte (KSK), dessen Aussage der ganzen Affäre eine interessante Wendung bringen könnte. Der Name des Mannes ist auf allen Ausschusspapieren mit V. abgekürzt. Nur in einem geheimen Report seiner Einheit wird er einmal mit vollem Namen genannt, doch auch dieser ist nur eine Legende. V. trägt wie alle KSK-Mitglieder im Einsatz einen Tarnnamen, der die wahre Identität der Elitekämpfer verschleiert.

Lediglich technische Hilfe durch Elitekämpfer?

Wenn Hauptfeldwebel V. Ende Februar aussagt, gibt er möglicherweise seltene Einblicke in die verschlossene Welt des KSK. Vielmehr noch könnten die Aussagen von ihm und seinen Kameraden die Bundeswehr in arge Erklärungsnot bringen. Unisono behauptete die Truppe bisher, das KSK habe bei dem Angriff in Kundus keine Rolle gespielt. Die Elitekämpfer hätten Oberst Klein lediglich technische Hilfe geleistet. Geheime Dokumente lassen diese Beschreibung mittlerweile fragwürdig erscheinen.

Einheit nur unter Kontrolle der eigenen Leitung

Die Frage nach der Rolle des KSK führt mitten hinein in die geheimen Missionen deutscher Soldaten. Fast nichts über die KSK-Aktivitäten in Afghanistan, wo rund 200 Kämpfer unter dem schlichten Tarnnamen "Task Force 47" agieren, dringt nach außen. Auch die Obleute des Parlaments werden nur selten und dann in vagen Andeutungen über die KSK-Operationen informiert. Die Einheit agiert einzig unter der Kontrolle ihrer eigenen Leitung, die vom normalen Befehlstrang abgetrennt ist.

"Task Force 47" auf Taliban-Jagd

120 Männer und Frauen ist die "Task Force 47" stark, rund die Hälfte davon sind KSK-Kämpfer. Die anderen sind Aufklärer der Bundeswehr, doch der Geist der Truppe entspricht dem des KSK. Auch die Logos ähneln sich, einziger Unterschied ist die 47 über dem Eichenlaub mit dem Schwert. Die "TF47" betreibt keinen Wiederaufbau, sie baut keine Schulen. Die Einheit führt seit Jahren Krieg, beobachtet, lokalisiert und fängt im Schutz der Nacht Taliban.

Geheimdienstexperte beriet Klein die ganze Nacht

Jetzt zeigt sich: In der Bombennacht spielte das KSK eine entscheidende Rolle. Oberst Klein führte die gesamte Operation, von der ersten Sichtung der beiden Tanklaster gegen 23 Uhr bis zur Bombardierung um 1.49 Uhr, aus der vom normalen Lager komplett abgeschotteten Befehlstelle der "TF47". Die entscheidenden Tipps während des Einsatzes kamen von einem afghanischen Informanten des KSK, dessen Geheimdienstexperte beriet Klein die ganze Nacht und versorgte ihn mit Details.

Noch drei weitere Mitglieder in Kommandozentrale

Hauptfeldwebel V. kann über die Nacht einiges berichten. Im abgedunkelten Zelt der "Task Force" führte er das sogenannte "storybook" des Einsatzes, eine Art Protokoll. Neben ihm waren noch drei weitere Mitglieder der "Task Force" mit Klein in der Kommandozentrale. Sie sind laut Bundeswehr keine KSK-Kämpfer, sondern gehören "normalen" Einheiten an. Gleichwohl sind sie in Afghanistan ausschließlich innerhalb der "TF 47" eingesetzt, auch sie sind Taliban-Jäger.

KSK-Einfluss heruntergespielt

Die Bundeswehr hat bisher alle Berichte über den Einfluss des KSK dementiert und die Aktivitäten der Elitetruppe heruntergespielt. "Die Operationsführung lag nicht bei der Task Force 47", erklärte erst kürzlich Staatsekretär Christian Schmidt. Oberst Klein selber schrieb in seiner ersten Stellungnahme, er habe den Gefechtsstand der geheimen Einheit benutzt, weil dort die "leistungsstärkste" Technik zur Verfügung stand. Ebenso wichtig aber sei eben die menschliche Quelle der "Task Force" gewesen.

Suche nach dem Hintermann der Tanklasterentführung

Neue Details zu dem Angriff stellen die Darstellungen der Bundeswehr in Frage. "Spiegel Online" liegen geheime Unterlagen der NATO vor. Aus diesen geht hervor, dass die "Task Force 47", also letztlich das KSK, Stunden nach dem Bombardement der beiden Laster den Hintermann der Entführung festnehmen oder eliminieren wollte. Dazu forderte das KSK am frühen Morgen des 4. Septembers bei der Isaf-Zentrale massive Luftunterstützung durch US-Jets an.

Geheime NATO-Akten nennen Hintermann

Die "Operation Joker" wird den Ausschuss intensiv beschäftigen. Ziel des KSK war es, Taliban-Kommandeur Mullah Shamsudin festzunehmen. Shamsudin gilt als einer der Top-Kommandeure in Kundus. Er befehligt auch Mullah Abdul Rahman, dessen Männer die Tanklaster entführten. Shamsudin brüstete sich Tage später gegenüber einem "Spiegel"-Reporter mit der Planung der Attacke. Auch der geheime NATO-Bericht nennt den Kommandeur an mehreren Stellen als Hintermann der Aktion.

Klassisches KSK-Ziel

Shamsudin ist ein klassisches Ziel des KSK, auch Oberst Klein kannte den Namen und das Bild des hageren Manns mit dem grimmigen Gesichtsausdruck seit seinem Dienstantritt. Der Talib ist Kommandeur der Region Chahar Darreh, der Hochburg der Aufständischen südwestlich des deutschen Camps. Das KSK gab über den etwa 35-jährigen Paschtunen an, er sei aktiv "in der Planung und Ausführung von Angriffen, Hinterhalten und Raketenschlägen" gegen internationale und afghanische Soldaten.

"Capture or kill list"

Die NATO-Schutztruppe führt den Talib seit Monaten auf ihrer "Joint Priority Effects List" (JPEL). Auf der Liste stehen Top-Taliban, die von der Isaf jederzeit festgenommen oder getötet werden können. Shamsudin wird in der sogenannten "capture or kill list" mit Priorität 2 geführt, gleich unter Top-Kommandeuren der Quetta-Schura. Offiziell töten Deutsche keine "JPELs". Doch sicher ist das nicht. Schließlich agiert das KSK geheim.

KSK bat NATO um Bombenabwurf

Der KSK-Zugriff jedenfalls war lange geplant. Durch Abhöraktionen wussten die KSK-Krieger genau, dass Shamsudin in der Nacht zum 7. September mit rund 25 treuen Kämpfern in einem bestimmten Gehöft bei Kundus sein wird. Dort sollten zwei oder drei Helikopter kurz nach Mitternacht einen KSK-Trupp und afghanische Geheimdienstler absetzen. Das KSK bat die NATO, in der Nähe zwei Minuten nach der Landung eine Bombe abzuwerfen, um Shamsudins Kämpfer abzulenken.

Intensive Aufklärung

Detailliert wie nie zuvor geht aus den Geheimdokumenten hervor, wie das KSK in Afghanistan arbeitet. Zeile für Zeile erläutern die Elitekämpfer die verschiedenen Szenarien des Zugriffs, sie rechneten mit spontanen Gefechten und versteckten Bomben. Zuvor hatten sie mit einer "Reaper"-Drohne der US-Armee genaue Aufnahmen des Zielgebiets gemacht und dabei angeblich auch ausgeschlossen, dass Zivilisten durch den Bombenabwurf getötet werden können.

Warnung: Taliban mit gestohlenen Polizeifahrzeugen

Auf den Überraschungseffekt wollten sich die KSK-Leute nicht verlassen. In einer zweiten Anforderung baten sie die NATO-Einsatzzentrale, Funkname "ISAF FIRES", um einen zweiten Kampfjet mit Kameras, der die Situation am Boden beobachten sollte. Die Deutschen forderten einen Jet mit fernsteuerbaren Bomben an, falls die KSK-Einheiten in einen Hinterhalt geraten würden. Zudem warnten sie, dass die Taliban mit gestohlenen Polizeifahrzeugen unterwegs seien.

Briten wollten Journalisten befreien

Die "Operation Joker" fand am Ende nicht statt. Spontan bat die britische Armee das KSK, die Festnahme zu verschieben. Britische Elitekämpfer befreiten kurz darauf den entführten "Times"-Reporter Stephen Farrell. Er war nur 50 Meter von Shamsudins Versteck entfernt eingesperrt. Mullah Shamsudin ist der "Task Force 47" wegen der britischen Bitte entkommen. Der Talib setzte sich aus Angst vor der drohenden Festnahme wenig später aus Kundus ab und wird nun in Südafghanistan oder Pakistan vermutet.

Lange Planung vor dem Tanklaster-Bombardement

Klar wird durch die Papiere jedoch, dass die "Task Force" die "Operation Joker" schon weit vor dem Bombardement der beiden Tanklaster geplant und vorbereitet hatte. Der Zugriffsplan stand schon. Für den Ausschuss stellt sich nun die heikle Frage, ob die Spezialeinheit KSK nach der Entführung der Fahrzeuge womöglich spontan die Chance sah, mit der Autorisierung durch Oberst Klein gezielt Taliban-Führer rund um die Tanker zu eliminieren. Der Chef der "TF47" jedenfalls gab später zu, die Bombardierung der Tanklaster inklusive Taliban sei für seine Truppe ein "target of opportunity" - ein Gelegenheitsziel - gewesen.

Klein kann zur KSK-Frage erneut vorgeladen werden

Möglicherweise wird Oberst Klein am Mittwoch hierzu Stellung nehmen. Wenn er denn überhaupt Fragen beantwortet. Der Ausschuss jedenfalls geht davon aus, dass der Offizier lediglich eine Erklärung abgeben wird. Zur Rolle des KSK kann er jedoch jederzeit erneut vorgeladen werden.



Quelle: Spiegel Online

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