Gerstensaft war schon vor 10.000 Jahren sehr beliebt (Quelle: imago)Vor etwa 10.000 Jahren veränderten die Steinzeitmenschen ihre Lebensweise radikal: Aus den Jägern und Sammlern wurden Bauern. Sie betrieben Ackerbau und wurden sesshaft. Diese so genannte neolithische Revolution revolutionierte nicht nur die Ernährung: Sie formte aus einfachen Naturstämmen eine Kulturgesellschaft.
Für diesen fundamentalen Wandel galt bislang die Standarderklärung, dass sich die Lebensbedingungen der Menschen gegen Ende der letzten Eiszeit stark verschlechterten. Weil es immer weniger Wild gab, hätten sich die Jäger auf pflanzliche Nahrung verlegen müssen. Also fanden sie heraus, wie man Körner sammelt und diese gezielt aussät. Und um die neuen Anbauflächen pflegen zu können, mussten die Menschen schließlich sesshaft werden. Soweit die gängige Theorie.
Der Münchner Naturhistoriker Josef Reichholf bezweifelt dieses Erklärungsmodell in seinem neuen Buch "Warum die Menschen sesshaft wurden". Denn die Erträge aus dem Ackerbau waren anfangs nur sehr gering, ein Teil davon musste sogar noch als Saatgut aufgespart werden. Darüber hinaus machten sich die Menschen abhängig vom Klima. Und vor allem: "Warum sollte ausgerechnet dort, wo die passenden Wildpflanzen wuchsen, aus denen Getreide werden konnte, das Wild so selten geworden sein?" Für den Forscher ist klar: "Wo gutes Gras wächst, sammelt sich auch das Wild."
Das frühe Interesse am Korn
Der Biologe Reichholf zeigt, dass Gerste bereits seit 12.500 Jahren angebaut wird, Weizen seit immerhin 9.800 Jahren. Brot dagegen existiert vermutlich erst seit 6.500 Jahren. Warum also interessierte sich der frühe Mensch fürs Korn? In seinem Sachbuch "Warum die Menschen sesshaft wurden" erläutert der Wissenschaftler eine unglaubliche These.
Man würde es kaum vermuten, aber noch vor dem ersten Brot entdeckten die Steinzeitmenschen das Bier. Der Gerstensaft lässt sich aus Körnern von Wildgetreide brauen, das noch keine großen Erträge bringt und von dem man noch nicht leben kann. Das Brot konnten die Menschen erst herstellen, als sie Getreide im Überschuss zu ernten imstande waren. Das geschah nachweislich erst Jahrtausende nach Beginn der Nutzung von Wildgetreide. Bier zu brauen war übrigens keine spontane Eingebung: die Vergärung von Früchten war eine längst bekannte Technik.
Luxusprodukt mit angenehmer Nebenwirkung
Der Mensch litt demnach gegen Ende der letzten Eiszeit keineswegs an Hunger - im Gegenteil: er lebte bereits so gut, dass er den großen Aufwand betreiben konnte, um ein relatives Luxusprodukt, ein Lebensmittel mit sozialer Funktion zu produzieren, schreibt Reichholf. Rauschmittel wie dieses schätzten die Menschen sehr und genossen sie insbesondere bei Feiern und religiösen Zeremonien.
Wandel der Gesellschaft
Deshalb ist der Wissenschaftler sich sicher, dass der Gerstensaft den Ausschlag zum Sesshaftwerden gab. Erst sehr viel später folgte der Anbau von Getreide für Fladenbrote. Die Sesshaftigkeit aber wurde letztlich zur Grundlage für die Bildung von Staaten, Religionen und Kultur.
Josef H. Reichholf: Warum die Menschen sesshaft wurden. Das größte Rätsel unserer Geschichte. S. Fischer Verlag, Frankfurt 315 Seiten, 19,90 Euro ISBN 9783100629432