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Kritiker verurteilen Tests mit Selbstmord-Moskito

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Kritiker verurteilen Tests mit Selbstmord-Moskito

10.11.2011, 12:36 Uhr

Gegen die Mücken mit dem Selbstauslöschungsprogramm gibt es viele Vorbehalte (Quelle: imago)

Gegen die Mücken mit dem Selbstauslöschungsprogramm gibt es viele Vorbehalte (Quelle: imago)

Eine Biotech-Firma setzt eine umstrittene Waffe im Kampf gegen das Dengue-Fieber ein: Genetisch veränderte und sterile Moskitomännchen sollen ihre Art selbst ausrotten und so die Übertragung des tödlichen Virus stoppen. Ein erster Feldversuch klappte - Kritiker reagieren empört.

Nun hat es Luke Alphey doch geschafft. Der Forscher hat einen langen Weg hinter sich. Bereits vor gut drei Jahren hätte sein einzigartiger Feldversuch in Asien starten sollen. Es wäre eine Weltpremiere gewesen.

Segen für Millionen von Menschen

Doch sein Plan scheiterte am Widerstand von Naturschützern und der Bevölkerung. Obwohl die Regierung in Kuala Lumpur grünes Licht gegeben hatte, wollten die Bewohner des Fischerdorfs Pulau Ketam Alpheys Gentechnik-Mücke nicht. Dabei soll sie Segen für Millionen Menschen sein. Mit ihr will Alphey, Gründer des britischen Biotech-Unternehmens Oxitec (Oxford Insect Technologies), das in der Nähe von Oxford seinen Sitz hat, eine tödliche Virusinfektion ausrotten: das Dengue-Fieber.

Nach dem geplatzten Versuch musste Alphey einen neuen Ort suchen, um seine genetisch veränderte Mücke im Feldversuch zu testen. Der Start-up-Gründer fand ihn: 2009 entließ Oxitec auf Grand Cayman, der größten der karibischen Kaiman-Inseln, rund 3,3 Millionen sterile Moskitomännchen der Art Aedes aegypti.

Die Insekten sind Hauptüberträger des Dengue-Fiebers. Alpheys Gentech-Gelbfiebermücke trägt den Namen OX513A, weil in deren Genom eine zusätzliche DNA-Sequenz steckt. Diese bewirkt, dass die Nachkommen noch im Larvenstadium sterben, wenn sie nicht mit einem speziellen Antibiotikum behandelt werden.

Ein Experiment beweist die Wirkung

Es war der erste Feldversuch in kleinem Maßstab, daran beteiligt war auch eine Behörde der Insel, die Mosquito Research and Control Unit (MRCU). Jetzt präsentiert Alpheys Team das Resultat im Fachmagazin "Nature Biotechnology".

Für Alpheys Team und sein Unternehmen könnte es der Durchbruch sein - und bald die Kassen klingeln lassen. Das Experiment beweist erstmals, dass die Methode per se funktioniert. Wilde Aedes-aegypti-Weibchen paarten sich mit den todbringenden OX513A-Männchen, und die Zahl der gefährlichen Dengue-Überträger reduzierte sich.

Ein "angespanntes Verhältnis"

Schon im November 2010 verkündeten die Forscher erste Ergebnisse auf dem Treffen der US-Gesellschaft für Tropenmedizin und Hygiene in Atlanta, doch das rief die Kritiker erneut auf den Plan. Kurz nach dem Kongressvortrag veröffentlichte das Wissenschaftsjournal "Science" einen Artikel, in dem von "angespannten Beziehungen" die Rede ist: Die Stiftung von Bill und Melinda Gates fördert mit knapp 20 Millionen Dollar ein internationales Großprojekt für die Entwicklung von gentechnisch veränderten Mücken.

Oxitec kommt mit fünf Millionen Dollar ein beachtlicher Teil des Kuchens zugute. Doch der Leiter des Moskito-Projekts, Anthony James von der University of California in Irvine, kritisierte Alpheys Vorgehen aufs Schärfste.

Er selbst bereitet seit Jahren einen ähnlichen Feldversuch in Mexikos Bundesstaat Chiapas vor, ebenfalls mit Mücken aus den Laboren von Oxitec, doch dabei sollen Käfige die unkontrollierte Verbreitung der Mücken verhindern. Niemals hätte er die Moskitos so freigesetzt, empörte sich James, wie Alphey es auf Grand Cayman getan hätte.

Gegen die Mücken mit dem Selbstauslöschungsprogramm gibt es seitens der Kritiker viele Vorbehalte und Befürchtungen. Das Hauptargument: Abläufe in einem Ökosystem sind komplex, niemand kann sie genau vorhersagen. Löscht man ein Glied der Nahrungskette, könnte das unabsehbare Folgen haben.

Manche Genetiker fürchten zudem, dass sich das Erbgut der gentechnisch veränderten Mücken wiederum verändern könnte: Manche Larven könnten das tödliche Gen möglicherweise doch überleben und ihrerseits auf die Nachkommen abgeben.

Impfung gegen Dengue ist noch nicht in Sicht

Alpheys Publikation führt dagegen die nackten Zahlen ins Feld: Nach Schätzungen der WHO erkranken jährlich 50 Millionen Menschen am Dengue-Fieber, Tendenz steigend, mehr als 12.000 sterben daran. Und eine Impfung, wie sie etwa bei der tödlichen Tropenkrankheit Malaria in Sichtweite ist, gibt es bisher nicht.

Wer sich mit dem Dengue-Virus ansteckt, wird nach drei Tagen bis zwei Wochen erst von teils hohem Fieber und Schüttelfrost geplagt. Heftige Kopfschmerzen, Schmerzen hinter den Augen, in den Muskeln und Gelenken sowie Hautausschläge können hinzukommen. Manchmal kommt es zum hämorrhagischen Fieber, das zu inneren Blutungen führt.

Die Idee, durch Insekten übertragbare Krankheiten mit Hilfe von genetisch veränderten Tieren zu bekämpfen, ist nicht neu. Bereits in den vierziger Jahren kam der Gedanke auf, sterile Moskitomännchen in die Umwelt zu setzen. Die Forscher sterilisieren die Insekten dafür durch Bestrahlung. Damit konnte man bereits in den fünfziger Jahren die Schraubenwurmfliege, deren Larven sich tief in das Fleisch ihres Wirts fressen, erstmals auf Curaçao ausrotten. In den neunziger Jahren gelang das gleiche mit der die Schlafkrankheit bringenden Tsetsefliege auf Sansibar.

Doch bei Moskitos ist die Bestrahlung weniger effektiv: Die Männchen werden zwar steril, allerdings schwächt die Bestrahlung die Insekten insgesamt, weshalb sie schnell daran zugrunde gehen. Deshalb setzt man auf die Gentechnik, ähnliche Experimente gibt es auch im Kampf gegen die Malaria.

Der nächste Feldversuch ist bereits geplant

Und auch klassische Züchtungsmethoden kommen zum Einsatz: Erst kürzlich hat ein Team eine Mückenart im Feldversuch getestet, die Dank eines speziellen Bakterienstamms, den sie in sich trägt, gegen das Dengue-Virus resistent ist und es nicht überträgt.

Derweil ist Alphey fleißig dabei, sein Projekt weiterzutreiben. Nach dem Desaster in Asien hatte Oxitec seine Hausaufgaben gemacht, informierte die Behörden, führte Informationskampagnen für die Bevölkerung durch, warb bei wichtigen Politikern der Insel für sein Projekt und schulte die Mitarbeiter der Mosquito Research and Control Unit.

Den Tag, an dem die ersten gentechnisch veränderten Insekten ins Freie gesetzt wurden, bekam dagegen kaum einer mit, es war eine unauffällige Verkündung. Und Oxitec zieht bereits in den nächsten Feldversuch: Nun soll die OX513A-Mücke die Felder in Brasilien erobern.


Quelle: Spiegel Online

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Kommentare (12)

zum Forum

Thema: "Kritiker verurteilen Tests mit Selbstmord-Moskito"

GvW schrieb: am 10. November 2011 um 21:18:31
(22) (39) Moskitos
Stoppt denn niemand diesen Idioten? Ist bekannt was passiert, wenn diese Art ausgestorben ist? In der Natur hängt eins am anderen!
Mir wird schwarz vor Augen, wenn ich bedenke was diese Meute anrichten kann und wohl schon anrichtet.
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Kritiker verurteilen Tests mit Selbstmord-Moskito schrieb: am 10. November 2011 um 20:36:06
(32) (9) Kritiker verurteilen Tests mit Selbstmord-Moskito
Ich bin ein 100 % befürworte der Wissenschaft, jedoch aber auch mit Augenmass und
Weitblick! In aller Euphorie, die ja auch begründet sein kann, sollte immer in solchen Feldversuchen, an das später gedacht werden. Wenn so ein verändertes Tier in der Freiheit ist, dann ist die Sache unkontrollierbar. Sorgsam und Schritt für Schritt im Labor, ansteigend mit verschiedenen Insekten, um heraus zu finden, ab wann kein Risiko mehr für Nutztiere und den Menschen besteht.
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Achim schrieb: am 10. November 2011 um 18:58:24
(56) (3) Moskitos
Wie Kommentare zeigen, wird es auch in Deutschland einen Protest der Gengegner geben, wenn sich die Mücken infolge der
Klimaänderung hier ausbreiten. Bereits die nur lästigen einheimischen Mücken werden ja aus Naturschutzgründen vielerorts nicht mehr bekämpft.
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