
15.06.2010, 08:22 Uhr | Von Veit Medick/Spiegel-Online
SPD-Chef Gabriel: Vom Polit-Kasper zum Darling der Partei (Foto: Reuters) (Quelle: Reuters)
Die Regierung taumelt, einer darf sich freuen: Sigmar Gabriel. Mit jedem Tag schwarz-gelber Krise steigen die Chancen des Niedersachsen, der nächste Kanzler zu werden. Zur Kandidatur hält er sich bedeckt, aber in der SPD läuft alles auf ihn zu - und er selbst sorgt schon mal vor.
Berlin - Eigentlich hat Sigmar Gabriel derzeit nur ein Problem. Sein Knie schmerzt. Er humpelt. Ansonsten läuft es prächtig für seine SPD - und für ihn persönlich. Das lässt sich gerade überall besichtigen.
Vergangene Woche schaute Gabriel bei der Spargelfahrt der konservativen "Seeheimer" vorbei. Das reichte. Es sei "eine große Ehre" ihn an Bord zu haben, flötete Seeheimer-Sprecher Johannes Kahrs. Das Land habe Leute, die führen könnten und nicht führen könnten: "Jetzt übergebe ich an jemanden, der es kann - Sigmar!" Es war eine Huldigung. Der Applaus donnerte übers Deck, der Dampfer legte ab.
Sigmar Gabriel hat einen Lauf. Lange galt er in der SPD als Polit-Kasper, inzwischen ist er ihr neuer Darling. In nur acht Monaten hat der Vorsitzende die Partei umgekrempelt, die Umfragewerte stabilisiert und mit den Grünen Freiheitspapst Joachim Gauck aus dem Hut gezaubert. Und weil Union und FDP mit jedem Tag ein schlimmeres Bild abgeben, scheint klar: Gabriels Chancen steigen, bei der nächsten Bundestagswahl nicht nur Kanzlerkandidat seiner Partei zu werden, sondern auch tatsächlich ein Bündnis unter seiner Führung schmieden zu können. Der Niedersachse könnte Deutschlands nächster Kanzler werden.
Reden würde er darüber nie. "Wir könnten sofort eine Regierung übernehmen", sagt er, lässt seine Rolle aber bewusst offen. Gabriel hat sich selbst in der K-Frage einen Maulkorb verpasst. Sein Umfeld betont bei jeder Gelegenheit, eine Kandidatenkür stünde noch lange nicht an, die Partei brauche nach dem Denkzettel vom vergangenen September erst einmal ein paar Jahre Therapie. Tunlichst will der 50-Jährige das Thema umgehen, denn klar ist: Gibt er zu früh seine Ambitionen zu erkennen, könnte es schnell vorbei sein mit der guten Laune in seiner Partei - und so auch mit seinen Chancen. Dass er im Politiker-Ranking weiter hinten zu finden ist, passt da ganz gut.
Doch was, wenn Christian Wulff, der schwarz-gelbe Präsidentschaftskandidat, am 30. Juni durchfällt? Was, wenn diese Bundesregierung zerbricht? Wenn es tatsächlich Neuwahlen geben sollte? Was zwar nicht sehr wahrscheinlich, aber auch nicht mehr auszuschließen ist, wenn selbst "Bild" fragt: "Hält dieses Bündnis wirklich noch drei Jahre?" Dann hätte die SPD plötzlich keine Zeit mehr, sich zu erholen. Dann müsste sie früher über eine Kanzlerkandidatur entscheiden als gedacht.
Eine große Auswahl hätte sie nicht, es bliebe nur Gabriel. Frank-Walter Steinmeier macht seine Sache als Fraktionschef besser als gedacht. Aber er ist Protagonist einer gescheiterten SPD. Mittelfristig dürfte die Sozialdemokratie ohne ihn gestaltet werden. Ähnlich verhält es sich mit dem populären Peer Steinbrück, dem ehemaligen Finanzminister. Und Klaus Wowereit hat Mühe, in Berlin seinen Senat zusammenzuhalten. Sein Stern ist seit Monaten am Sinken.
Wahrscheinlich ist, dass erst 2013 wieder gewählt wird. Doch das Bild in der SPD dürfte sich gleichen. Konkurrenz? Fehlanzeige. Dass Gabriel antreten würde, bezweifelt kaum jemand in der SPD. Wollte er das nicht, hätte er nicht Parteichef werden müssen. Zudem gibt es längst Belege dafür, dass er konsequent auf eine Kandidatur hinarbeitet.
Er reißt seine Partei mit, ist der mit Abstand präsenteste Angreifer, der prominenteste Widerpart der Kanzlerin - mit all den Kehrseiten. In der Debatte um die Griechenland-Hilfen übersteuerte er, wirkte fahrig und sprunghaft. Es war ein bisschen wie früher. Doch zuletzt fing er sich, wählte wichtige Auftritte mit Bedacht. Seine letzte Bundestagsrede zum Euro-Rettungspaket im Mai hatte Kanzlerformat, das sagten später selbst Gegner. Genüsslich zerpflückte er die Politik Angela Merkels. Die Koalitionäre schlackerten mit den Ohren.
Taktisch tanzt in der SPD fast alles nach seiner Pfeife. In der Afghanistan-Debatte rang er zu Jahresbeginn Ex-Außenminister Steinmeier ein Ausstiegsszenario ab. In der Europapolitik trimmte er die Genossen auf Gegenkurs zur Kanzlerin. Nach dem Rücktritt von Horst Köhler verordnete er seinen Parteifreunden zurückhaltende Kommentare, obwohl manche in der SPD-Spitze gerne den Hammer rausgeholt hätten. Und in der Frage von Köhlers Nachfolge war er derjenige, der mit der Kanzlerin pokerte - seine SMS an die "Sehr geehrte frau bundeskanzlerin" führte das allen vor Augen.
Auch strategisch stellt Gabriel Weichen - aber anders als viele dachten. Dass in Nordrhein-Westfalen kein Linksbündnis zustande kam, lag nicht an ihm. Doch passte die Entscheidung Hannelore Krafts gut in sein Konzept.
Den Eindruck, Rot-Rot-Grün sei langfristig die letzte Hoffnung der SPD, teilt er nicht. Rechnerische Mehrheiten seien nicht unbedingt politische Mehrheiten, pflegt der Parteichef zu sagen. Ihm schwebt, deutet man die Personalie Joachim Gauck richtig, für 2013 anderes vor: Eine Ampel mit der FDP, ein Bündnis mit dem Bürgertum. Willy Brandt lässt grüßen. Die Grünen, deren Nähe zur SPD zuletzt ins Wanken geriet, weiß er dabei fest an seiner Seite. Mit Fraktionschef Jürgen Trittin versteht er sich blendend, gemeinsam bilden sie eine neue rot-grüne Achse. Gauck war ihr erster Coup. Und er wirkt: Die FDP ließ wissen, sie wolle künftig einen dauerhaften "Gesprächsfaden" mit SPD und Grünen.
Doch er weiß auch: Die SPD wird ihm nur dann folgen, wenn er ihre Sehnsüchte befriedigt - nach linken Inhalten, nach alten Verbündeten. Er wird sich ihnen nicht verschließen, schon aus Eigennutz: Seit Oskar Lafontaine sich von der großen politischen Bühne verabschiedet hat, ist der Platz des Arbeiterführers frei. Dass er gewillt scheint, ihn zu füllen, hat er in den letzten Monaten bereits gezeigt. Wann immer es geht, wettert Gabriel gegen die "Spekulanten und Zocker an den Börsen", plädiert für hohe Mindestlöhne, fordert mehr Mitbestimmung. Hilfreich ist dabei ausgerechnet die Kanzlerin: Indem sie im Sparpaket die Schwerreichen verschont, schweißt sie die Genossen mit den Gewerkschaften wieder zusammen. Gemeinsam wollen sie gegen die Pläne eine Front aufmachen - und so Schwarz-Gelb mürbe machen.
Es kann natürlich auch alles ganz anders kommen. Gabriel kann scheitern - und zwar an sich selbst, so wie es gelegentlich schon passiert ist in seinem Leben. Doch danach sieht es im Moment nicht aus.
Quelle: Spiegel Online
Ossianwalt schrieb:
am 14. Juni 2010 um 19:33:30
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SPD - Kriesenprofiteur
Prima SPD in Aufwind, es tut mir leid euch kaufe ich dies nicht ab. Die Deutschen sind sicher nicht das klügste Volk
auf Erden, aber wenn Ihr glaubt, dass die Agenda 2010 Geschichte ist, irrt Ihr gewaltig. Steinmeier, als auch Gabriel sind beides Zöglinge von Schröder, unserem Exkanzler, und allesamt haben uns nur Schaden zugefügt. Auch CDU und FDP sind keineswegs besser. Im Namen des Volkes tretet zurück, es wäre besser für Deutschland Ihr macht euch alle vom Acker !
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det schrieb:
am 14. Juni 2010 um 19:33:27
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Gabriel
Dann lieber Gunther Gabriel: Hey Boss, ich brauch mehr Geld!
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Alexander schrieb:
am 14. Juni 2010 um 19:29:49
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Gabriel
Gabriel als Kanzler. Nur weiter so, wäre doch gelacht, wenn wir Deutschland nicht vollends an die Wand fahren könnten.
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