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Krisenherd Finanzwelt: Von Banken und Räubern

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Von Banken und Räubern

18.10.2010, 11:15 Uhr | Von Dan Ariely

 (Foto: Justin Lowery)

(Foto: Justin Lowery)

Er ist schon ein absonderlicher Spaß, sich Gedanken über das perfekte Verbrechen zu machen. Man kann sich Gedanken machen über solch hypothetische Fragen wie die nach der Zielauswahl, der Überwindung von Überwachungskameras, unvorhergesehenen Zwischenfällen und der Verwischung der eigenen Spuren. Danach können Sie sich zurücklehnen und sich selbst gratulieren: Wenn Sie denn wollten, wären Sie ein Verbrecher von Format.

Das perfekte Verbrechen ist in unserer Vorstellung normalerweise ein Banküberfall. Kriminelle schaffen es, mit versierten Hilfsmitteln die Sicherheitssysteme auszuschalten oder zu umgehen. Über Wochen hinweg haben Sie die Bank ausgekundschaftet und sich das nötige Wissen angeeignet. Nach dem Überfall verschwinden die Täter dann mit der Beute im Nirgendwo. Wir (und auch die Polizei) können der Akribie und Intelligenz dieser Bankräuber dann nur Tribut zollen.

Welches Verbrechen ist frei von Strafe?

Aber wirklich perfekt ist auch dieses Verbrechen nicht. Alle Unwägbarkeiten sind letztendlich eine Frage von Chancen und Wahrscheinlichkeiten und können nicht im Vorfeld durchdacht werden (in allen Bankräuberfilmen werden die Täter deshalb auch fast von der Polizei aufgehalten). Selbst wenn die Chancen einer Festnahme sehr klein sind, sollten wir nicht unbedingt von einem perfekten Verbrechen sprechen. Die Strafverfolgungsbehörden werden die Straftat sehr ernst nehmen und harte Strafen versprechen. Selbst wenn die Chance einer Festnahme also nur bei einem Bruchteil eines Prozents liegt, erscheinen solch schwerwiegende Verbrechen im Angesicht der möglichen langen und harten Strafe plötzlich deutlich weniger perfekt.

Ich denke, ein perfektes Verbrechen verspricht nicht nur große Beute sondern würde im Falle eines Scheitern auch keine oder kaum eine Strafe nach sich ziehen.

Wie könnte ein solches Verbrechen aussehen? Zum einen wäre das Verbrechen obskur und verwirrend und könnte also nur schwer entdeckt werden. Ein Einbruch oder Schmuckraub sind viel zu offensichtlich. Zum anderen sollte das Verbrechen möglichst viele Täter beinhalten, damit niemand mit dem Finger auf einen bestimmen Schuldigen zeigen kann. Das ist der Grund, warum zum Beispiel Plünderungen juristisch gesehen oftmals komplizierter sind als ein nächtlicher Museumsüberfall. Und dann sollte das Verbrechen auch noch unter den Schirm der Bestreitbarkeit passen. Wenn man dann doch gefasst wird, könnte man sich immer noch darauf berufen, dass man nichts von der Illegalität der Tat gewusst hätte. Der Justiz wären eventuell die Hände gebunden, auch wenn die Öffentlichkeit Strafen fordert. Gleichzeitig kann der Täter sich dann nach der Entdeckung einfach entschuldigen und um Vergebung bitten für Fehler und Fehleinschätzungen, nicht für ein Verbrechen.

Wenn man ganz weit gehen will, könnte man sogar den Spieß umdrehen und versuchen, das Verbrechen durch eine bestimmte Ideologie positiv zu legitimieren. Man könnte die Tat zum Beispiel hochloben als Verwirklichung des Fortschrittsgedankens. Die Täter könnten zum Beispiel sagen, dass sie Liquidität sichern oder den Markt schmieren, wenn sie doch eigentlich nur Menschen das Geld aus der Tasche ziehen. Oder man verlässt sich auf noch abstraktere und verheißungsvollere Rhetorik: Man vermindert Kursunterschiede, man schafft Chancen oder Effizienz.

Im Kampf der Quacksalber

Im Endeffekt geht es also auch darum, den Kampf der Quacksalber zu gewinnen. Wer schafft es, bittere Pampe am ehesten als wirkungsvolle Medizin zu verkaufen?

Was man vermeiden sollte ist, denen zu schaden, die als Projektionen für öffentliche Sympathien herhalten können. Also kein Überfall auf alte blinde Frauen oder auf jede Person, die einfach zu identifizieren ist. Es ist Teil unserer Natur, dass wir uns so stark über relativ kleine Kapitalverbrechen aufregen auch wenn der durchschnittliche Einbruch laut Zahlen des FBI (2004) nur 1300 Dollar einbringt. Einbrüche sind so ziemlich die Verbrechen, die am wenigsten in unsere Definition von Perfektion passen. Sie können einfach entdeckt werden, sie haben ein eindeutig identifizierbares Opfer und können auch durch geschickte Rhetorik nur schwer legitimiert werden. Anstatt viel Geld von einer Person zu stehlen sollte der geschickte Verbrecher also versuchen, viele Menschen um wenig Geld zu erleichtern. Solange dabei niemand in den Bankrott getrieben wird, wird sich auch das öffentliche Interesse in Grenzen halten.

Was ist also das perfekte Verbrechen? Welche Aktivität ist schwierig nachzuweisen, zielt auf viele Menschen gleichzeitig ab, kann abgestritten werden und durch eine positive Ideologie legitimiert werden? Sie werden meine Antwort schon kennen, sie hat mit der Finanzwelt zu tun.

Aber im Ernst: Wir haben es zu tun mit einem Priorisierungsproblem. Im Bereich der Kleinkriminalität haben wir ein ausuferndes Sammelsurium an Regeln und Normen, die Legalität genau von Illegalität abgrenzen. Aber wie sieht es mit der Regulierung der Finanzmärkte aus? Ich glaube nicht, dass Banken Verbrechen explizit planen und durchführen möchten (das stimmt so nicht!), aber ich glaube schon, dass sie konstant mit vielen Interessenkonflikten umgehen müssen. Eine Konsequenz davon ist, dass Banken die Realität im Hinblick auf die eigenen Kassen beurteilen, nicht im Hinblick auf das Gemeinwohl oder das Wohl der Kunden. Die Krise der vergangenen Jahre ist ein Symptom dieser Interessenskonflikte. Davon müssen wir das Finanzsystem durch Regulierung befreien oder eine lange Reihe perfekter Verbrechen akzeptieren.

Der studierte Psychologe Dan Ariely ist Professor für Verhaltensökonomik an der Duke University. Zuvor lehrte er von 1998 bis 2008 am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) und an der Sloan Business School des MIT. Er leitet dort unter anderem die Forschungsgruppe eRationality. Auf seiner Webseite danariely.com betreibt ein Blog, in dem er Thesen aus seinem Buch "Predictably Irrational" weiterentwickelt.


Von Dan Ariely  

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Kommentare (8)

zum Forum

Thema: "Krisenherd Finanzwelt: Von Banken und Räubern"

Fridolin schrieb: am 18. Oktober 2010 um 17:01:55
(0) (0) Banken
Banken denken nur an ihre Ertragslage. In diesem Zusammenhang werden auch Kunden benachteiligt, teilweise um ihr Vermögen gebracht.
Letztendlich werden sie angeblich wg. Probleme des Finanzmarktes und zum Wohl der Allgemeinheit vom Staat unterstützt. Warum gibt der Staat nicht dem kleinen Sparer sein verlorenes Geld und lässt die Abzocker incl. der Spekulanten Insolvenz anmelden?
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Ich schrieb: am 18. Oktober 2010 um 16:49:38
(0) (0) Wir
haben einen Broker in der Familie, wer glaubt Ihr ist der geizigste, lebt aber am Besten?

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Fante schrieb: am 18. Oktober 2010 um 15:01:45
(0) (0) Homor
Ein "Schelm" ist, wer böses dabei denkt, Treffer versenkt.

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