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Kommentar zu Westerwelle-Rücktritt: Der König ist tot, es lebe der König

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Der König ist tot, es lebe der König

04.04.2011, 12:31 Uhr | Richard Schütze, "The European"

Die Ära Westerwelle neigt sich seinem Ende zu (Foto: ddp)

Die Ära Westerwelle neigt sich seinem Ende zu (Foto: ddp)

"So wüst und schön sah ich noch keinen Tag" (Macbeth, 1. Akt, 3. Szene)

Es ist 18:02 Uhr, als König Guido I. zu seiner letzten großen Presse-Audienz ins Thomas-Dehler-"Schloss" lädt. Der Noch-Parteichef wirkt verkrampft, aber aufgeräumt, der Körper ist fast regungslos: "Ich habe eine Entscheidung getroffen" verkündet er in die Kameras. Dabei zieht er die Augenbrauen hoch – ein Signal emotionaler Bekräftigung. "Ich werde nicht mehr für das Amt des Parteichefs antreten." Einerseits sei ihm die Entscheidung schwergefallen, andererseits aber auch leicht. Die Partei sei bereit für einen Generationenwechsel. Der König will das Zepter freiwillig an die Partei-Prinzen weiterreichen? So richtig glaubt ihm das keiner.

Oskar Lafontaine hat ihn begangen. Eiskalt, berechnend – ohne jede Form von Empathie. Genau wie Günther Oettinger, die Gespanne Huber/Beckstein, Steinmeier/Müntefering und Angela Merkel. Er ist Bürde und Verdienst zugleich: der politische Königsmord. Gemeinsam ist allen ein unbedingter Machtinstinkt, eine Skrupellosigkeit im Moment der Schwäche des amtierenden Monarchen. Nur wer im richtigen Moment entschieden handelt und keine Hemmungen zeigt, kann zum Erfolg gelangen. Ein Blick zurück zeigt: Die Dramaturgie von Bundes- und Parteipolitik aller Couleur ist stark geprägt von Königsmorden und politischen Putschen. Die Form, die die FDP gewählt hat, ist die unglücklichste.

"Wärs abgetan, so wies getan ist, dann wärs gut, // Man tät es eilig." (Macbeth, 1. Akt, 7. Szene)

Das hätte sich selbst der glücklose Monarch Rudolf Scharping nicht träumen lassen. Eigentlich galt die Wiederwahl des Kanzlerkandidaten vom Vorjahr nur als reine Formsache, als sich die Sozialdemokratische Partei im November 1995 in Mannheim zum Parteitag traf. Doch Scharping hatte seine Rechnung ohne den saarländischen Feldmarschall Lafontaine gemacht. In einer fulminant-populistischen Rede umgarnt er scharfzüngig die Seele der Partei und erdolcht rhetorisch den Genossen-König. Der Putsch gelang. Die Strategie, dass Lafontaine fortan die Linke, Gerhard Schröder als Kanzlerkandidat bei den nächsten Wahlen die Mitte mobilisieren würde, ging auf. Die SPD erreichte bei der Bundestagswahl 1998 mit über 40 Prozent das zweitbeste Ergebnis ihrer Parteigeschichte und schaffte es, die Ära Kohl nach 16 Jahren zu beenden.

Für den entmachteten Kohl selbst war diese herbe Wahlniederlage noch nicht das Ende des Abstiegs. Als der Ehrenvorsitzende der Christdemokraten nach Bekanntwerden illegaler Parteispenden ins Taumeln geriet, nutzte die adoptierte Prinzessin am Hofstaate des ewigen Herrschers aus Oggersheim – inzwischen zur "Generalin" aufgestiegen – ihre Chance. Damit putschte sie nicht nur seine Durchlaucht Helmut ins (parteipolitische) Exil, wie einst 1918 die deutschen Revolutionäre den ungeliebten Kaiser Wilhelm II., sondern brachte sich selbst zu Amt und Würden. Merkel schadete dieser machtpolitische Schachzug nie: Erst schwang sie sich zur Queen der Christdemokraten, später gar zur mächtigsten Frau im Staate, ja im letzten Jahr zur mächtigsten Frau der Welt auf.

"Nichts ist gewonnen, alles ist dahin, // Stehn wir am Ziel mit unzufriednem Sinn." (Macbeth, 3. Akt, 2. Szene)

Und nun hat es ihn erwischt. Als Kronprinz Guido 2001 Wolfgang Gerhard vom Thron putschte, war die FDP in gerade einmal fünf Landtagen vertreten. Mittlerweile sind es vierzehn. Das Bundestagswahlergebnis, vor der Thronbesteigung zuletzt bei mageren 6,2 Prozent, steigerte der Regent von 7,4 (2002) zunächst auf 9,8 (2005) und schließlich gar auf 14,6 Prozent (2009). Doch sein absolutistisches Königsverständnis ("Auf jedem Schiff, das dampft und segelt, da gibt’s nur einen, der die Sache regelt. Und das bin ich!") verprellte viele Untertanen in Partei und Bevölkerung. Am Ende brachen nicht nur die Umfragewerte, sondern auch die Wahlergebnisse ein. Doch Westerwelle wollte den Thron nicht freiwillig räumen. Mit der tragischen Paarung von absolutistischer Selbstüberschätzung im Stile des französischen Sonnenkönigs Ludwig XIV. ("Die FDP bin ich!") und einer verträumten Realitätsferne, die an den bayerischen Märchenkönig Ludwig II. erinnert, umklammerte Guido I. die Partei-Krone.

"Wer ist weis und entsetzt, gefaßt und wütig, // Pflichttreu und kalt in einem Augenblick? // Kein Mensch!" (Macbeth, 2. Akt, 3. Szene)

Sein Glück, lange traute sich niemand aus dem inneren Hofstaat, den Herrscher mit offenem Wesir zum Duell zu fordern. In den Adern der Kronprinzen Philipp Rösler, Daniel Bahr und Christian Lindner fließt blau-gelbes Westerwelle-Blut. Haben sie ihm doch allesamt ihren Aufstieg in der Partei zu verdanken. Und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger agiert seit langem als Queen Mom der FDP: Sie ist schon ewig dabei, wird in der Partei geachtet und hat einen geduldeten Einfluss. Doch faktische Gestaltungsmacht scheint ihr (als Linksliberale) nicht zugedacht. So blieb nur die perfideste Form des Königsmords: der zermürbend-demütige Beschuss des Königs mit spitzen rhetorischen Pfeilen aus den sicheren Schießscharten der Landesfestungen. Wolfgang Kubicki verglich den Zustand der FDP mit dem der DDR, Herbert Mertin bezeichnete Hoheit Westerwelle als "Klotz am Bein" im Wahlkampf, Jörg-Uwe Hahn forderte gar offen den Rücktritt. Als dann auch noch der Europaabgeordnete Jorgo Chatzimarkakis von einem "Igitt-Faktor Westerwelle" sprach, hielt die Rüstung des Königs nicht mehr stand. Der König war nackt!

Der Thron ist leer. Nur wer greift nach dem Zepter? Ein Blick in die Geschichte der politischen Königsmorde zeigt: Ein neuer Herrscher alleine bringt kein neues Heil. Für diese Schlussfolgerung genügt ein Blick nach Bayern oder nach Kreuzberg ins Willy-Brandt-Haus. Nur wenn nicht nur König, sondern auch Hofstab und Programm erneuert werden, ist auf Besserung zu hoffen. Dann kann ein Königsmord auch ein reinigendes Gewitter ganz im Sinne unserer Demokratie sein.

Seit mehr als 30 Jahren nehmen Akteure aus Politik und Wirtschaft die Expertise von Richard Schütze als Medienmanager und Kommunikationstrainer in Anspruch. Er ist Geschäftsführer der Berliner Politik- und Kommunikationsberatung “Richard Schütze Consult” – www.schuetze-consult.de. Der Volljurist hat sich in zahlreichen Publikationen und Medien als Autor und Interviewgast mit dem Image von Politikern beschäftigt. Als Horst Köhler am 31. Mai 2010 als Bundespräsident zurücktrat, prognostizierte der PR-Berater die Kandidatur von Christian Wulff.


Richard Schütze, "The European"  

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Kommentare (44)

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Thema: "Kommentar zu Westerwelle-Rücktritt: Der König ist tot, es lebe der König"

Wähler schrieb: am 4. April 2011 um 19:18:39
(0) (0) Rösler
Hat der nicht schon genug Unfug als Gesundheitsminister gemacht. Das wird ja immer besser. Wer braucht schon die FDP.

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fb100 schrieb: am 4. April 2011 um 19:15:00
(0) (0) Ein Kasperltheater ist doch wohl unsere ganze Politik
Wir sollten sie alle in die Wüste schicken unsere Polítiker. Ist da noch einer dabei,
der Anstand und Moral verkörpert? Die Straße ist das Gesetz, und das sollten die, die das bis heute missachtet haben, ganz klar erkennen, um nicht unter die Räder zu geraten.
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heinz06 schrieb: am 4. April 2011 um 19:12:07
(0) (0) @St.Zahler
Häme ist zu verabscheuen und schadet denen die so etwas betreiben mehr als denen die gemeint sind. Ob es der Nachfolger von Ww
besser macht oder nicht ist doch völlig bedeutungslos, da die FDP nicht mehr von Bedeutung ist. Ein FDP internes Thema ist aber z.B. für mich auch ohne Bedeutung. Allerdings: Wer von der FDP in die Regierung nachrückt ist für uns alle von Bedeutung--das ist das Thema.
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