26.08.2010, 10:39 Uhr | David Baum
Thilo Sarrazin könnte eine eigene Partei gründen (Foto: imago) (Quelle: imago)
Hören Sie, wieso soll Deutschland mit Thilo Sarrazin eigentlich keinen Haider haben? Man kann mit Fug und Recht sagen oder sogar in ein Megafon hineinbrüllen: weil die Republik mit diesem Pack von der Linken schon genug Scherereien hat! Ich hingegen finde die PDS-Vögel unglaublich amüsant. Gegen einen sozialistischen Apparatschik duftet selbst ein Landesminister der CSU nach vergissmeinnichtfrischer Avantgarde. Und was wäre Anne Will ohne die wundervolle Provokationsdampfmaschine Gregor Gysi? Leider ist Die Linke seit Ausscheiden ihres Deus ex Machina Lafontaine nicht mehr ausreichend abendfüllend.
Nun empfahl gestern Sigmar Gabriel (ausgerechnet während einer Schiffsreise in die Nibelungenstadt Worms) seinem Parteikollegen Thilo Sarrazin den Austritt aus der SPD. Früher meinten manche, Sarrazins heftige Sätze über die "Kopftuchmädchenproduktion" wären dem so rausgerutscht. Aber: Sarrazin war als Kind ein Stotterer, so einem ist jedes Wortes, das er sich entwindet, allzu bewusst. Ihn aus der SPD zu jagen ist mutig. Denn der Mann hat eine Mission. Er ist zurzeit mit seinem Buch "Deutschland schafft sich ab", wo er munter über die dämlichen, uns alle verblödenden Migranten hasspredigt, mit Vorabdrucken in "Spiegel" und "Bild" vertreten, somit sicherer Dauergast in den Bestsellerlisten von ganz bald. Was also, wenn das eine zum anderen kommt und uns Sarrazin den Jörg macht?
Ich fänd’s übrigens herrlich. Gerade die politischen Gruppierungen an den Rändern sind so eine Art Virus, den man in kleinen Dosen wie einen Impfstoff gegen Pocken, Gelbfieber und Maul- & Klauenseuche respektive gegen Faschismus in den Adern haben sollte. Selbst die NPD verdient das Prädikat "demokratisch wertvoll", weil an ihren Funktionären selbst der auf dem rechten Auge Erblindete sehen kann, was für ein Drecksvolk sich da aufspielt, das wahre Volk zu sein. Der Verfassungsfeind ist insofern durchaus gesund, wenn er in homöopathischen Dosen vorkommt, sodass er das Immunsystem munter hält. Leider haben sich die Deutschen wegen jener mörderischen zwölf Jahre verboten, im Dreck zu spielen. Aus der Kindererziehung ist derweilen bekannt, dass das die Abwehrkräfte besser stählt als jede Mumpsparty. Wer mit dem bösen Augenzwinkern dem Autobahnbau huldigt, muss aber in diesem verflucht korrekten Land sofort zur Strafe mit Eva Herman rechteeckestehen. Da hält plötzlich keiner noch was von antiautoritärer Erziehung.
Das Problem an einer aus Sozialdemokraten, Christsozialdemokraten und Grünsozialdemokraten bestehenden Parteienlandschaft ist, dass sie saulangweilig ist. Das kann auch kein redlich um Amüsement bemühtes freisozialdemokratisches Knallchargenkabinett wettmachen. Obwohl der deutsche Comedypreis in diesem Jahr natürlich Guido Westerwelle gebührt – aber das ist ein anderes Phänomen.
Nun hat das Meinungsforschungsinstitut Emnid eruiert, dass etwa 20 Prozent der Wähler bei einer "bürgerlich-konservativen Partei rechts von der CDU" ihr Kreuzchen schreiben würden. Dass ein solches Bedürfnis bestehen könnte, haben die Hamburger bereits demonstriert, als sie den gnadenlosen Ronald Barnabas Schill, dessen Hobby des Kokainisierens noch nicht bekannt gewesen ist, zum Wahlerfolg führten. Schills folgender Auftritt als el líder mínimo der Herzen war aufregender, aber auch obszöner als jede Galavorstellung im Salambo auf der Großen Freiheit – also ein Publikumshit. Zugegebenermaßen auch ein Experiment, das schiefgegangen ist und außer Polizeiuniformen, die sich gut in Vorabendserien wie dem "Großstadtrevier" machen, nichts Bleibendes hinterlassen hat.
Bei Sarrazin ist das anders. Er war als Finanzsenator der Stadt Berlin ein wahrer Held. Berlins Staatshaushalt zu verwalten, ohne Halluzinationen zu bekommen – dagegen ist ja selbst der Job, das marode Griechenland zu sanieren, wie ein Nachmittag im Berliner Zoo. Und wer weiß, ob sich da nicht ein gelangweilter CDU-Dissident wie Merz, Koch oder Schönbohm dazugesellt und aus dem bislang aufgewirbelten Staub ein Erdrutsch wird. Sich an der Kampagne der österreichischen FPÖ orientierend läge der Wahlslogan "Sarrazin statt Muezzin" geradezu auf der Hand. Dem Liebhaber der rosa getünchten Kuschelrepublik wird bei dieser Vorstellung natürlich ganz schummrig und blümerant. Wäre der Konsens nicht nachhaltig gestört?
Na klar. Ist doch wunderbar! Denn ehrlich gesagt: Gegen Leute zu sein, die dem Mauerbau nachtrauern beziehungsweise das Holocaustmahnmal als Freihalter für die neue Reichskanzlei ansehen, ist so mutig und schlau, als müsste man sich entscheiden, ob man für oder gegen einen atomaren Weltkrieg eintreten soll. Deshalb sollten gerade die wahren Demokraten Sarrazin bitten, anzutreten. Gegen ihn zu sein wird sich anfühlen wie ein neuer Kaschmirpulli.
Der 36 Jährige, österreichische Autor und Journalist David Baum ist Mitglied der Chefredaktion von GQ, zuvor war er Autor für Park Avenue, Bild am Sonntag, SZ-Magazin, Frankfurter Allg. Sonntagszeitung, Tempo, Max und weitere.
David Baum
khiana schrieb:
am 26. August 2010 um 13:27:06
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Sarrazin
Hut ab vor Herrn Sarrazin. Der Mann hat Mut und Rückgrat. Endlich mal einer, der ehrlich ist. Wir haben hier zu viel Multi-Kulti.
Wir haben hier sehr wohl eine Islamisierung. Die Migranten haben mehr Rechte u. Vorteile als wir Deutschen. Ich bin kein Natzi. Multi-Kulti u. Moscheen muss ich nicht mögen.
Die Deutschen haben im Ausland nicht so viel Rechte, wie die Migranten in Deutschland.
Auf jeden Fall kaufe ich mir das Buch von Herrn Sarrazin. Und ich werde deshalb nicht in die NPD eintreten
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Günther schrieb:
am 26. August 2010 um 13:13:19
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Ich lade...
jeden gerne zu einer kleinen Rundfahrt durch Berlin ein: Neuköln,Kreuzberg, Wedding & viele Straßenzüge in anderen Bezirken
Berlin´s.Ich vermiete in fast allen Bezirken Berlin´s.Es wird immer schlimmer!Was kann & wie kann etwas gegen diese Verslammung mitten in unseren Städten unternommen werden.Es muss nur bald geschehen.Seit Anfang der 70iger Jahre hat niemand auf die wahrnenden Stimmen gehört.Wir brauchen Mut & Willen! Keine gedanklichen Moralkeulen!Ich bin DEMOKRAT.Was bin ich in 10 Jahren?
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Reini schrieb:
am 26. August 2010 um 13:11:01
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Sarrazin
Bravo, endlich traut sich ein Politiker mal, die Wahrheit zu sagen.
Die von Ihm genannten Probleme sind hinreichend bekannt. Leider
wird der Bürger, der solche Meinung vertritt in die rechte oder linke Schublade gesteckt, Das hat nichts mit rechter Gesinnung zu tun. Weiter so Herr Sarrazin !! Meine Stimme haben Sie.
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