22.02.2012, 19:41 Uhr | Ein Kommentar von von Stefano Casertano
In einer Kolumne für die "Financial Times" hat Wolfgang Münchau kürzlich einen provokativen Vorschlag gemacht: Was wäre, wenn Deutschland aus der Euro-Zone austritt und sich künftig wie ein BRIC-Staat (Brasilien, Russland, Indien, China) verhält? Der Vorstandschef von Linde, Wolfgang Reitzle, hat das erst kürzlich wieder gefordert. Der Tenor von Münchaus Artikel kann so zusammengefasst werden: Deutschland will nicht mehr die Führung in Europa übernehmen, weil wir nicht mehr bereit sind, den dafür notwendigen Preis zu bezahlen.
Der Rückzug Deutschlands aus der Euro-Zone ist keine Option mehr - er ist bereits in vollem Gange. Münchau schreibt, dass bereits im Laufe dieses Jahres China zu Deutschlands wichtigstem Handelspartner werden wird - noch vor Frankreich. Der Fokus Deutschlands liegt nicht mehr auf Europa, sondern in Asien. Gerade erst ist die deutsche Kanzlerin von ihrer fünften Chinareise seit 2005 zurückgekehrt - eine ähnliche Polittouristenschwemme gibt es sonst nur zwischen Berlin und Washington.
Die langsame wirtschaftliche Erholung Europas beschleunigt die Entfremdung Deutschlands. Nach einem wirtschaftlichen Einbruch 1993 konnte sich das deutsche BIP-Wachstum schnell wieder auf dem französischen/italienischen/spanischen Niveau einpendeln, genauso wie auch zu Anfang der 1980er-Jahre. Dieses Mal sieht die Lage anders aus: Deutschlands Wachstum im Jahr 2010 betrug 3,6 Prozent, deutlich mehr als Spanien (0,1 Prozent) und Frankreich (1,5 Prozent). Im vergangenen Jahr hat sich diese Schere weiter geöffnet. Einigen Schätzungen zufolge dürfte die deutsche Wirtschaft um drei Prozent gewachsen sein, während der Rest Europas sich an der Ein-Prozent-Marke abkämpft.
Teilweise kann diese Diskrepanz mit der neuen deutschen Ostanbindung erklärt werden: Wenn die Zulieferer aus China kommen, leiden Deutschlands europäische Nachbarn. Und auch in die entgegengesetzte Richtung ist ein Trend erkennbar: In den ersten elf Monaten 2011 hat die EU Waren im Wert von 112 Milliarden Euro nach China exportiert - Deutschland ist für 48 Prozent davon verantwortlich. Wenn China sich als neuer wichtigster Handelspartner etabliert, ist das für den Rest Europas nicht von Vorteil. Daher kommt auch der Eindruck in einigen schuldengeplagten Ländern, dass Deutschland sich an der Krise bereichert: Der schwache Euro befeuere die deutsche Exportwirtschaft, Verantwortung innerhalb Europas wolle Berlin jedoch nicht übernehmen.
Deutschland verhält sich wie das viktorianische England. Die größte Sorge hierzulande ist, dass Schulden abbezahlt werden und die Krise nicht zu teuer wird. China ist für Deutschland, was Indien für die Briten war. Und genauso wie im England des 19. Jahrhunderts basiert Deutschlands Stärke auf einer starken Handelsbilanz, einer gesunden Industrie, und der Schlüsselposition innerhalb einer Währungsunion. Durch den Goldstandard hat die Bank of England damals den weltweiten Währungsmarkt dominiert - heute wird diese Rolle innerhalb der Euro-Zone von der EZB in Frankfurt gespielt.
Wir sollten beide Seiten der Medaille beleuchten. Deutschland ist überzeugt, dass sich die Glaubwürdigkeit der Euro-Zone an Berlin misst. Zum Ende der 1990er-Jahre herrschte ein wirtschaftliches Chaos in Europa - doch die Europäisierung des Frankfurter Finanzspielplatzes verschob den Fokus von Spekulation hin zu Reformen. Doch das bedeutet nicht, dass andere nicht für ihre Fehler geradestehen sollten: Warum hat Spanien in eine Hypothekenblase investiert? Warum hat Griechenland sein Staatsdefizit verschwiegen? Warum ist Italien im Bunga-Bunga-Sumpf versunken, sodass am Ende nur noch Berlusconi etwas zu lachen hatte?
Die deutsche Hinwendung gen Osten könnte daher eine kluge Entscheidung sein, solange China seine Dynamik nicht verliert. Deutsche Autohersteller können ein Lied davon singen: Mit als Erste bauten sie Fabriken in China - und sind heute nicht mehr aus dem dortigen Markt wegzudenken. Die Expansion von Fiat in die USA wird nicht mit dem Erfolg von VW in China mithalten können. Die große Frage ist, ob dieses "viktorianische Modell" auch langfristig Stabilität für Deutschland schafft. Die kommenden Monate werden es zeigen.
Stefano Casertano ist Senior Fellow am Brandenburgischen Institut für Gesellschaft und Sicherheit. Casertano hat an der Columbia University und der Universität Potsdam studiert. Er ist Kolumnist für das italienische Magazin Linkiesta.it und die Finanza & Mercati.
Ein Kommentar von von Stefano Casertano
Benedikt schrieb:
am 22. Februar 2012 um 21:29:05
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@Matthias R. IV
Guter Beitrag! Ich finde jedoch, dass die deutsche Europolitik ausbeuterische Formen angenommen hat. Der Euro hat unseren
Nachbarn enorme Kaufkraft verliehen und die macht sich in unserer Handelsbilanz stark bemerkbar. Uns war aber klar, dass die Einkaufsfreude der Eurostaaten, auch große Gefahren birgt. Jetztm da zockende Banken mit Wetten gegen ihre Gläubiger, diese zu ruinieren drohen, wird uns das egoistische Ausmaaß unserer Politik klar. Nun sind wir in unserer eigenen Zwickmühle gefangen.
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Benedikt schrieb:
am 22. Februar 2012 um 21:09:31
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deutsche Europolitik
Ich habe es schon mehrfach geschrieben. Die deutsche Europolitik könnte egoistischer nicht sein. ich bezeichne diese
Art der Politik, als wirtschaftliche Vergewaltigung anderer Staaten. Deutschland bereichert sich nicht nur in der Krise, sondern seit bestehen des Euro. Wir sollten aufpassen, dass wir am Ende nicht mehr verlieren als wir gewinnen. Der Austritt Deutschlands aus der Eurozone, könnte zu einem Erwachen und Aufrütteln der verbleibenden Staaten führen, zum Nachteil Deutschlands.
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armes schrieb:
am 22. Februar 2012 um 20:20:40
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deutschland!
was beschwert ihr euch über die arme frau! sie will doch nur helfen.seid der euro da ist haben wir weniger geld in der
tasche,weniger arbeitslose und mehr 400eurojobs wo man trotzdem zuschuss vom staat brauch,man ist leichter küntbar,darf nicht krank werden. also bis jetzt springt ihr doch alle nach ihrer pfeife.kann doch nicht so schlimm sein!... deutsche sind zu ...... zum protestieren. sie hat alle im griff.hab keinen auf der straße gesehen.
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