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Klimawandel: Regierungsprognose enthüllt Folgen für Deutschland (1)

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Regierungsprognose enthüllt Folgen des Klimawandels

03.09.2008, 20:07 Uhr | Axel Bojanowski, Spiegel Online

Die Meteorologen vom Max-Planck-Institut bauten ihre Vorhersagen auf den Messungen der vergangenen Jahre auf (Grafik: Max-Planck-Institut für Meteorologie)

Mehr Hitzewellen, kein Schnee im Winter: Nach jahrelanger Rechenarbeit ist die Klimaprognose der Bundesregierung fertig. In nie erreichter Genauigkeit sagt sie voraus, wie sich das Klima bis 2100 verändert - Region für Region. SPIEGEL Online zeigt, worauf sich Deutschland einstellen muss.

Für Remo ist Deutschland nicht mehr als eine Ansammlung von Würfeln, jeder von ihnen zehn mal zehn Kilometer in der Fläche und 100 Meter hoch. Doch die Würfel haben es in sich: Prall gefüllt mit Daten, sollen sie die hiesigen Klimaveränderungen bis zum Jahr 2100 prognostizieren. Damit ist Remo, das Klimamodell des Hamburger Max-Planck-Instituts (MPI) für Meteorologie, räumlich mehr als 20-mal genauer als die globalen Modelle des Uno-Klimarats IPCC.

Präzisere Voraussage als irgendwo anders

In keinem anderem Land der Welt liegt bis dato eine präzisere Kalkulation der Klimafolgen vor. Sie soll die Grundlage für politische Planungen bilden. Auch Katastrophenschützer, Landwirte, Winzer, Kraftwerksbetreiber und die Tourismusbranche sollen sich rechtzeitig auf die neue Umwelt einstellen können.

Treibhausgase werden nur langsam weniger

Für die vom Umweltbundesamt in Auftrag gegebenen Berechnungen gingen die MPI-Forscher davon aus, dass die weltweiten Emissionen von Treibhausgasen aus Autos, Kraftwerken und Fabriken nur allmählich sinken. An den Knoten des Gitters aus virtuellen Würfeln hat der Großrechner des Instituts diverse Wettergrößen - etwa Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Windstärke - ermittelt.

Riesige Datenmengen

Für alle 30 Sekunden in den kommenden 92 Jahren spuckte er Werte aus - Hunderte Billiarden Rechenaufgaben mussten bewältigt werden. Die Vorgänge in der Luft, in den Meeren und auf der Erde wurden in mathematische Formeln gefasst. Zudem gingen rund zwei Dutzend Einflussgrößen am Erdboden in die Rechnungen ein, von der Vegetation über die Zusammensetzung der obersten Bodenschicht bis hin zum Wasserfilm auf Blättern.

Nachteile: Krankheiten und Waldbrände durch Hitze

Das Ergebnis: Die Klimaerwärmung wird Deutschland verändern - allerdings weniger dramatisch als vielfach befürchtet. Folgende Gefahren haben die Forscher für Deutschland berechnet:

- sinkende Grundwasserspiegel im Sommer, insbesondere in Südwestdeutschland,

- eine erhöhte Waldbrandgefahr, besonders in Südwestdeutschland und Nordostdeutschland,

- eine Zunahme hitzebedingter Krankheiten vor allem in Süddeutschland,

- eine Gefährdung der Kühlung von Atomkraftwerken im Sommer, auch dies insbesondere in Süddeutschland

- eine größere Hochwassergefahr im regenreichen Herbst, vor allem an der Elbe.

Vorteile: Bessere Ernten, mehr Tourismus

Allerdings bringt der Klimawandel in Deutschland auch Chancen mit sich, wie die Hamburger Forscher betonen, etwa

- höhere Ernten in der Landwirtschaft vor allem in Norddeutschland,

- eine ertragreichere Weinlese in Süddeutschland,

- weniger kältebedingte Krankheiten

- einen Boom des Tourismus in Deutschland, insbesondere an der Küste.

Niederschlag bleibt gleich viel

Den Berechnungen zufolge werden also auch künftig keine Palmen an der Ostsee stehen, die Nordsee wird nicht den Kölner Dom fluten, und die Alpen behalten ihr weißes Kleid – wenn es auch etwas kürzer werden wird. "Wir bekommen kein Mittelmeerklima", sagt Holger Göttel vom Hamburger MPI. Deutschland werde weiterhin in der Westwindzone liegen, wie eh und je werden regenreiche Tiefdruckgebiete übers Land ziehen. Ende des Jahrhunderts fällt den Berechnungen zufolge im Jahresmittel etwa ebenso viel Niederschlag wie derzeit; weder Trockenepisoden noch Starkregenfälle werden häufiger.

Dennoch deutlicher Umweltwandel

Und doch: "Die Umwelt ist offenbar dabei, sich deutlich zu wandeln", sagt Daniela Jacob vom MPI, die Leiterin der Studie. Ende des Jahrhunderts wird es dem Szenario zufolge im Jahresdurchschnitt rund drei Grad wärmer sein als im Zeitraum von 1971 bis 2000. Der Norden wird sich laut MPI weniger stark erwärmen als der Süden. Im Sommer werde es schon im Zeitraum 2021 bis 2050 um rund ein Grad wärmer sein als heutzutage.

Hitzewellen werden mehr

Selbst in Norddeutschland werden sommerliche Tropennächte demnach bald keine Ausnahme mehr sein. In 70 Jahren werden im Juli und August die Temperaturen um zwei bis vier Grad höher liegen, haben Jacob und ihre Kollegen berechnet. Besonders Süddeutschland müsse sich auf heiße Sommer einstellen. "Alle paar Jahre" werde es Hitzewellen wie vor fünf Jahren geben. Im August 2003 starben in Deutschland rund 7000 und europaweit bis zu 70.000 Menschen an den Folgen der extremen Hitze.

Immer weniger Regen im Sommer

In trockenen Sommern werde sich der Grundwassernachschub als nützlich erweisen – dem MPI zufolge wird die warme Jahreszeit bis zum Ende des Jahrhunderts immer regenärmer, besonders im Süden Deutschlands. Vermutlich dehne sich das wolkenarme Azorenhoch vermehrt nach Mitteleuropa aus, erläutert Göttel.

Die Sommerferien sind gerettet

Die Sommertourismusbranche dürfte der warmen Zukunft freudig entgegensehen, insbesondere in Norddeutschland. Zahlreiche Familien werden die Sommerferien kommender Jahrzehnte wohl nicht mehr in der zunehmend staubtrockenen Mittelmeerregion, sondern an Nord- und Ostsee verbringen. Denn dort werden verregnete Sommer den MPI-Berechnungen zufolge seltener.

Meeresspiegel steigt

Vermehrte Sturmschäden sind laut MPI indes kaum zu befürchten. "Unsere Modelle zeigen keine Zunahme der Stürme für Deutschland, jedenfalls nicht über Land", sagt Sven Kotlarski vom MPI. Die Küsten müssen sich allerdings auf einen steigenden Meeresspiegel einstellen. Ende des Jahrhunderts könnten die Meeresspiegel nach Angaben des aktuellen Klimaberichts der Vereinten Nationen um 18 bis 59 Zentimeter höher stehen. Inzwischen gehen aber viele Forscher davon aus, dass diese Schätzung zu konservativ ist, da sie die Gletscherschmelze in Grönland und der Antarktis nicht berücksichtigt. Mitunter ist die Rede von einem Pegelanstieg um bis zu eineinhalb Meter.

Weiter zu Teil II...


Quelle: Spiegel Online

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