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Klimagipfel in Kopenhagen: Zwei Großmächte gegen den Rest der Welt

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Zwei Großmächte gegen den Rest der Welt

18.12.2009, 07:53 Uhr | Christian Schwägerl, Spiegel Online

Klimagipfel in Kopenhagen: Die beiden Präsidenten Obama und Hu - gemeinsam gegen den Rest der Welt? (Foto: imago) Die beiden Präsidenten Obama und Hu: Gemeinsam gegen den Rest der Welt? (Foto: imago)China vs. USA: Das scheint das zentrale Duell auf dem Gipfel von Kopenhagen zu sein. Die Großmächte beschuldigen sich gegenseitig, zu wenig gegen den Klimakollaps zu unternehmen. Der Konflikt blockiert die Konferenz - und das kommt in Wahrheit beiden Staaten sehr gelegen. Bilden sie eine heimliche Achse?

Eigentlich sollte alles ganz einfach sein, meint Yvo de Boer, der Klimachef der Vereinten Nationen. "Die Amerikaner wollen von den Chinesen, dass sie mehr tun, die Chinesen verlangen von den Amerikanern, dass sie mehr tun", sagt de Boer. "Wie wäre es, wenn einfach beide mehr tun würden?"

Die weltweit größten Verschmutzer

Die Rede ist von CO2-Emissionen und ihrer Reduktion. Auf durchschnittlich zwei Grad Celsius soll die Erderwärmung nach Möglichkeit begrenzt werden. Das erfordert drastische Einschnitte beim Verbrauch von Erdöl, Kohle und Erdgas. Gemeinsam sind die USA und China für rund 40 Prozent der CO2-Emissionen verantwortlich. Ohne die beiden Länder ist eine Lösung in Kopenhagen nicht vorstellbar.

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Staaten müssen nun selbst um Einigung kämpfen

Schon gar nicht nach den Verwerfungen dieser Nacht, in der das ganze Projekt eines neuen Klimaschutzabkommens an den Rand des Scheiterns gebracht wurde - und nach der Dänemark beschloss, gar keinen Kompromisstext für den Vertrag mehr vorzulegen, sondern den Staaten selbst den Kampf um eine Einigung zu überlassen. Vor allem den Präsidenten Hu Jintao und Barack Obama.

China verursacht CO2 für US-Konsum

Ein US-Bürger erzeugt im Jahresdurchschnitt rund 20 Tonnen CO2 - viermal mehr als ein Chinese. Hinzu kommt das CO2, das in China für den US-Konsum verursacht wird. Die absolute CO2-Menge, die China erzeugt, ist inzwischen aber größer als die der USA. US-Unterhändler argumentieren gerne, die Chinesen würden schon alleine für eine starke Erderwärmung sorgen, selbst wenn Amerika ab morgen gar keine Treibhausgase mehr erzeugen würde.

Die eine Denkungsart: Gegensätzliche Interessen

"Es ist jetzt an der Zeit, dass China und die USA deutlich mehr tun und ihre Vorschläge auf den Tisch legen", sagte EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso noch am Mittwochabend - davon ausgehend, dass beide Länder gegensätzliche Interessen haben und an entgegengesetzten Enden eines Stricks ziehen. Nach dieser Denkart wollen beide Staaten verhindern, dass ihre eigene Produktion durch Klimaschutzauflagen teurer wird und der andere durch geringere Auflagen besser davonkommt. In dieses Bild scheint zu passen, dass sich chinesische und US-Unterhändler in Kopenhagen beharken und dass sich China jetzt plötzlich als Fürsprecher der ärmsten Länder gibt, obwohl das bisher nicht sein Interesse war.

Die andere Perspektive: Beide ziehen an einem Strang

Was aber, wenn diese Perspektive falsch ist? Was, wenn die USA und China nämlich in Wahrheit sehr viele gemeinsame Interessen hätten, sehr viel mehr als Yvo de Boer recht sein kann? Wirtschaftlich gesehen sind China und die USA in den vergangenen Jahren weitgehend zu einem fast untrennbaren Bund verschmolzen. Der Historiker Niall Ferguson und der Berliner Ökonomen Moritz Schularick haben das Gebilde "Chimerica" genannt. Die Ökonomien der beiden Länder sind so verwoben, dass Nachteile für den einen auch Nachteile für den anderen sind.

China als Kreditgeber für die USA

China versorgt die USA mit billigen Produkten und mit unbegrenzten Krediten. Es ist nicht nur die Werkbank der USA, sondern auch die Bank der USA. Die USA wiederum bieten China einen riesigen Absatzmarkt und versorgen sie mit Zinszahlungen. Hätte China nach der Finanzkrise den USA neue Kredite verwehrt, wären die USA im Chaos versunken. Auch wenn Hunderttausende US-Jobs nach China abgewandert sind, haben die USA kein Interesse daran, dass der rasche ökonomische Aufstieg Chinas Schaden nimmt. Denn das würde die eigene Kreditpumpe gefährden.

Gipfel als Wirtschaftskonferenz

Umgekehrt haben die Chinesen kein Interesse daran, dass die USA wirtschaftlich schwächeln - indem sie ihre CO2-Emissionen kurzfristig drosseln. Diese gegenseitige Abhängigkeit muss sich auch in der Klimapolitik niederschlagen. Schließlich ist die Konferenz von Kopenhagen nur bedingt ein Umweltgipfel. Sondern im Kern eine Wirtschaftskonferenz. Wenn hier durch CO2-Grenzwerte die Spielräume für fossile Brennstoffe wie Öl und Kohle begrenzt werden, dann werden - zumindest in der traditionellen Denkweise - auch kurzfristige Optionen auf Wohlstand neu verteilt.

Interesse an Klimaschutz gering

Offenbar hat Chimerica trotz aller Risiken des Klimawandels noch kein ausreichend großes Interesse daran, kurzfristig die massiven Kosten eines angemessenen globalen Klimaschutzes zu schultern und solche Optionen den Vereinten Nationen auszuhändigen. Beide Länder sind trotz großer Ankündigungen noch Lichtjahre entfernt davon, sich real von fossilen Brennstoffen loszusagen. China wie die USA befeuern ihre Volkswirtschaften zum allergrößten Teil mit Kohle und Öl. Die USA unterhalten ihre gigantische globale Militärinfrastruktur auch deshalb, um ihre Ölversorgung zu garantieren.

Es geht es um den Machtanspruch

Bei aller grünen Rhetorik sowohl der chinesischen als auch der US-Führung bleiben fossile Brennstoffe die Grundlage des industriell-militärischen Machtanspruchs. Völkerrechtlich bindende Zusagen, ihren Verbrauch einzuschränken, schränken in dieser Logik auch den Machtradius ein. Die Interessen von Wüsten-, Insel- und Küstenstaaten, für die der Klimawandel eine akute Bedrohung ist, sind aus diesem Blickwinkel nachrangig.

G2 gegen G190

Obwohl es an der Oberfläche anders aussieht, ist die eigentliche Konstellation auf dem Klimagipfel also womöglich nicht: China gegen die USA. Sondern: Chimerica gegen den Rest der Welt. Anders ausgedrückt: G2 gegen G190.

Experten fordern Entflechtung von Chimerica

Die beiden Erfinder des Begriffs Chimerica, Ferguson und Schularick, halten ein Ende der engen ökonomischen Verflechtung für dringend nötig. Chimerica habe entscheidend zum US-Überkonsum und der Finanzblase beigetragen, die in die Krise geführt hat. Die Wirtschaftshistoriker fordern als Lehre aus der Finanzkrise eine kontrollierte Entflechtung Chimericas. Auch diese Analyse lässt sich auch auf die Klimakrise übertragen. Wenn Chimericas Weltpolitik darin besteht, die notwendige Reduktion von CO2 zu verzögern, hat das Modell keine Zukunft. Dann wäre ein scheiternder oder nur mäßig erfolgreicher Kopenhagen-Gipfel das hoffentlich letzte Aufbäumen des fossilen Dinosauriers Chimerica.

Durch ein Scheitern würde eine Investitionschance verpasst

Am besten wäre es, wenn die beiden Länder in einen Wettbewerb um die grünsten Technologien, die effizientesten Autos und das schnellste Wachstum von Umweltjobs treten würden. Dabei könnte ihnen ein anspruchsvoller Kopenhagen-Deal helfen. Die eigentliche Angst Chimericas würde dann darin bestehen, dass durch ein Scheitern des Gipfels eine gigantische Investitionschance verpasst wird - und Billionenbeträge in die falsche, die fossile Richtung gelenkt werden. Denn die fossile Ökonomie frisst sich eher früher als später selbst auf. Durch hohe Ölpreise und dadurch, dass sie eine unwirtliche Welt entstehen lässt.

Das gewünschte Ergebnis

Angesichts der ökonomischen, technischen und sicherheitspolitischen Chancen, die in Energieffizienz und CO2-neutralen Energien stecken, müssten China und die USA im Endspurt des Kopenhagener Gipfels versuchen, sich in Zusagen und Reduktionszielen zu übertrumpfen. So, wie es Uno-Klimastratege Yvo de Boer vorschlägt.


Christian Schwägerl, Spiegel Online  

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